Tatzelwurm im Museum
Scheuer Wald- und Bergbewohner

Präparatoren des Naturhistorischen Museums Wien gelang erstmals eine realistische Rekonstruktion des fabelhaften Gebirgsbewohners.
  • Präparatoren des Naturhistorischen Museums Wien gelang erstmals eine realistische Rekonstruktion des fabelhaften Gebirgsbewohners.
  • Foto: Museum/Franzke
  • hochgeladen von Klaus Kogler

Der Tatzelwurm, Tat|zel|wurm [ˈtaʦəlvʊʁm], “Draco” cf. alpinus spec. nov."
KITZBÜHEL (red.). Seit vielen Jahrhunderten zählt der Tatzelwurm zur mystischen Fauna des Alpenraums.

Die Liste europäischer Fabelwesen ist lang, sie sind seit der Antike Bestandteil unserer Kultur. Große Naturgelehrte wie der Schweizer Conrad Gessner (1516-1565) oder der Italiener Ulysses Aldrovandi (1522-1605) präsentieren in ihren Werken hochmodern anmutende Beschreibungen und Abbildungen uns vertrauter Tierarten gemeinsam mit solchen von Ungeheuern, Mischwesen und Fabeltieren. Für gar nicht wenige der vermeintlich phantastischen Geschöpfe hat die moderne Zoologie inzwischen fundierte Erklärungen gefunden.

Drachen-Mischwesen

Wie sein deutlich größerer Verwandter, der Lindwurm, und sein kleiner Bruder, der Basilisk, zählt der Tatzelwurm zu den Mischwesen aus der Linie der Drachen (lat. „Draco“), die prinzipiell Merkmale von Reptilien, Vögeln und Raubkatzen vereinen. Anders als die meisten Drachen besitzt der Tatzelwurm – und das bestätigen fast alle Augenzeugenberichte – keine Flügel. Aus biologischer Sicht erscheint das sinnvoll, Flügel wären im Lebensraum des Tatzelwurms eher hinderlich. Er besiedelt die engen, zerklüfteten Schluchten des Hochgebirges und bevorzugt versteckte Wasserfälle und Höhlen als Unterschlupf. Sein Verbreitungsgebiet umfasst den gesamten Alpenraum, er ist auch unter den Bezeichnungen Stollenwurm (Schweiz), Arassas (Frankreich) oder Stutzwurm (Ostalpen) bekannt. Aufgrund seiner Lebensraumansprüche ist der Tatzelwurm nach heutigem Kenntnisstand von seinen nächsten Verwandten deutlich getrennt: Lindwürmer sind in den Sümpfen, Mooren und Aulandschaften der Niederungen heimisch (z. B. Klagenfurter Becken, Österreich; Ljubljana, Slowenien), Basilisken treten als Kulturfolger meist in unmittelbarer Nähe von oder in menschlichen Siedlungen auf (z. B. Aachen, Basel,  Wien).

Scheuer "Wurm"

Tatzelwürmer leben solitär und sehr zurückgezogen, sie gelten als ausgesprochen scheu. Umso erstaunlicher ist die recht hohe Zahl an gemeldeten Sichtungen, die bis weit ins 20. Jahrhundert reichen. Oft ist dabei von kleinen Exemplaren die Rede, was den Schluss nahelegt, dass vor allem Jungtiere auf der Suche nach einem eigenen Revier beobachtet wurden.
Ausgewachsene Exemplare begegnen Menschen nur dann, wenn sie in ihr Revier eindringen. Eine solche Begegnung mit einem Tatzelwurm verläuft im Regelfall – sieht man vom erwartbaren Erschrecken ab – harmlos. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Wanderer, die sich bewusst und rücksichtsvoll in der Natur bewegen, jemals in irgendeiner Form attackiert wurden. Anders verhält sich der Tatzelwurm jedoch, wenn der Mensch in seinen Lebensraum eindringt, um ihn zu nutzen und zu verändern. Einhellig berichten die Chroniken von Angriffen auf Weidevieh und Sennerinnen auf Hochalmen, auch Angriffe auf hoch gelegene Höfe sind überliefert. Dabei nutzt der Tatzelwurm nicht nur seine enorme Kraft, er entwickelt auch große Hitze, die etwa den Sand unter ihm zu Glas schmelzen lässt. Sein Atem ist ebenso giftig wie ein Hautsekret, das er absondert. Ein Angriff eines ausgewachsenen Tatzelwurms muss somit tödlich enden.

Aus biologischer Sicht sind solche Vorfälle als Resultat eines Verteidigungsverhaltens zu interpretieren. Tatzelwürmer stehen aufgrund ihrer Eigenschaften an der Spitze der Nahrungskette im Hochgebirge und verteidigen wie jeder bekannte Spitzenprädator ihr Revier und damit ihre Lebensgrundlage. Sie haben wie alle Prädatoren auf höchster Ebene keine natürlichen Feinde – außer dem die Technik nutzenden Menschen.
Tatzelwürmer schützen nicht nur ihren eigenen Lebensraum, sie erhalten auch den Lebensraum vieler anderer Alpenbewohner. Und die benötigen diesen Schutz mehr denn je. Als Beispiel sei auf die Europäische Wildkatze (Felis silvestris silvestris) hingewiesen, um deren österreichisches Vorkommen sich die „Plattform Wildkatze" unter Beteiligung des Naturhistorischen Museums Wien kümmert.

Öko-Schirmherr

Der Tatzelwurm ist Schirmherr eines gewaltigen Ökosystems, das der Mensch aus guten Gründen jahrhundertelang gemieden hat. Menschen sind nicht gemacht für die wunderschöne, aber unwirtliche und raue Natur des Gebirges. Sie zu verändern um sie „nutzbar" zu machen ist grob fahrlässig, wenn ohne Rücksicht auf den Tatzelwurm und die anderen Alpenbewohner vorgegangen wird.
Die Folgen werden wir alle tragen müssen. Wir spüren schon heute die zunehmende Hitze, weltweit. Natürlich ist die Erderwärmung das Ergebnis eines vom Menschen verursachten Treibhauseffekts. Aber im Grunde sind es die Tatzelwürmer, die sich gegen die Zerstörung der Lebensräume erheben und ihre Verstecke verlassen, aufgebracht und wütend, den Boden unter sich zu heißem Glas schmelzend. Wir werden sie sehen, wenn es zu spät ist, wir werden ihren verpesteten Atem riechen und ihr Gift schmecken, wenn wir nicht rechtzeitig erkennen, dass auch der Mensch nur Teil der Natur ist und keinesfalls die Krone der Schöpfung.

Wie? Tatzelwürmer gibt es gar nicht? Oh doch, sie sind leicht zu finden! Geht leise und rücksichtsvoll in den Wald und in die Berge, am besten im späten Herbst, wenn die Lerchen schon kahl auf den Winter warten. Ideal ist ein trüber Tag, wenn die Nebel einfallen und ein kräftiger Wind erste Schneeflocken treibt. Und wenn ihr dann vom Weg abweicht und z. B. einem kleinen Bachlauf folgt, wird sich der Tatzelwurm zeigen. Natürlich nur denen, die mit dem Herzen schauen können, denn: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist unsichtbar für die Augen.“ (Antoine de Saint-Exupéry).

Autor:

Klaus Kogler aus Kitzbühel

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