Im Gespräch - Holz in Tirol
Leidenschaft für den Langbogen

Günter Pühringer mit einem seiner Langbögen bei einem nächtlichen Einsatz.
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  • Günter Pühringer mit einem seiner Langbögen bei einem nächtlichen Einsatz.
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  • hochgeladen von Klaus Kogler

Mit dem historischen Bogenbau (englischer Langbogen) beschäftigt sich intensiv Günter Pühringer aus Waidring.

BEZIRKSBLATT: Seit wann reifte deine Leidenschaft für den Langbogen?
PÜHRINGER:
"Seit 26 Jahren betreibe ich bereits das Langbogenschießen, natürlich mit den hier in Österreich erhältlichen Bögen aus Holz mit Glas oder Karbon verklebt. Über die Jahre jedoch reifte in mir der Gedanke, wie das wohl früher funktionierte, als es solche Werkstoffe noch nicht gab und begab mich auf die Suche. An Informationen über diese Zeit insbesondere 'Englischer Langbogen' kommt man in unseren Breiten nicht so einfach: da ich beruflich viel Zeit in England verbrachte, erleichterte dies die Sache enorm und ich fing an, mich vor Ort schlau zu machen. In Portsmouth an der Kanalküste wurde ich fündig."

Portsmouth stand also am Beginn deiner Bogenbautätigkeit?
"In den1980er-Jahren hat man dort ein gesunkenes Kriegsschiff aus dem 16. Jahrhundert geborgen; es war erst mit den modernen Mitteln der heutigen Zeit möglich, das Schiff zu bergen, eine Hälfte (Längsschnitt, Anm.) ist erhalten geblieben und an Bord fand man jede Menge Ausrüstungsgegenstände jener Zeit. Darunter befanden sich glücklicherweise noch in der 'Verpackung' rund 170 Bögen, die zu jener Zeit von den Engländern benutzt wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste keiner so recht, wie die Dinger damals gebaut waren."

Die Bauweise war also unbekannt und sogar für Spezialisten ein gewisses  Ratespiel?
"Ja, Länge, Profil etc., man wusste wenig davon. Damals kam es darauf an, einen so schweren Pfeil so weit wie möglich zu schießen und das mit einer gewissen Präzision. Weiten von 250 Metern und mehr waren damals sozusagen erforderlich, um als Schütze akzeptiert zu werden (noch heute gibt es die originalen Übungsplätze). Um Pfeile mit 77 Gramm und mehr (heutige Pfeile haben 20 bis 35 Gramm) auf diese Weite zu schießen, erfordert das ein sehr hohes Zuggewicht (die Kraft, mit der die Sehne des Bogens gespannt wird, Anm.). 50 bis 80 Kilo ergeben sich somit, wenn man die Bögen nach den Funden nachbaut. Heutige Sportbögen gelten schon als stark, wenn sie 20 Kilo Zuggewicht haben."

Du konntest die Originalbögen untersuchen?
"Mit einer gewissen Hartnäckigkeit wurde es mir ermöglicht, originale Bögen aus diesem Fund im Mary Rose (Name des gesunkenen Schiffs, Anm.) Museum zu besichtigen und durfte sie auch vermessen. Mit diesem Wissen ging ich daheim ans Werk; hier musste ich mich jedoch mit dem nächsten Problem befassen: original waren die Bögen aus einem Stück Eibenholz herausgearbeitet. Dieses Holz ist nur sehr schwer zu kriegen, und dann soll es auch noch zur richtigen Jahreszeit und im Mondzeichen geschlagen werden. Auch muss das Holz mindestens drei Jahre trocknen – und das in den richtigen Dimensionen, damit es keinerlei Risse kriegt und sich nicht verzieht. Das Ganze hat mich bis dato zu einem gewissen Spezialisten bezüglich Holzsorten und deren Eigenschaften gemacht, da man auch aus anderen Hölzern exzellente Langbögen bauen kann (Ulme, Esche, Haselnuss, Goldregen, Holler und Robinie)."

Erzähl' uns etwas über die historischen Langbögen.
"Der Langbogen hat in der Regel eine Länge zwischen 188 – 210 Zentimeter, um die enormen Kräfte des Zuggewichts auszuhalten (moderne Bögen sind selten länger als 160 cm, Anm.). Die Bauweise selber ist auch ganz speziell; der Bogen biegt sich sozusagen in einen elliptischen Kreis, das heißt, er biegt sich auch im Griff im Gegensatz zu den bekannten heutigen Bögen, die im Griff steif bleiben. Im Querschnitt beschreibt das Holz eher einen ovalen Kreis bis zu einer D-Form. Die Breite im Griff ist ca. 3,8 cm und ca. 3,5 cm dick; zu den jeweiligen Enden ist der Bogen gleichmäßig auslaufend zu ca. 1 cm breit wie dick. Der Bogen wird an den Enden mit einem Kuhhorn oder Geweihspitz überzogen, wo man dann die Sehne in vorgeformte Kerben einhängt, damit die Sehne nicht das Holz spalten kann. Moderne Bögen sind ausnahmslos mit einem wuchtigen Griff ähnlich einem Pistolengriff versehen und die Wurfarme sind flach und breit."

Was hat es mit Splint- und Kernholz auf sich?
"Im Falle von Eibenholz muss das Holz auch in ein optimales Verhältnis von Splint- und Kernholz gebracht werden – 1/3 Splint- und 2/3 Kernholz. Splintholz nimmt die Zugkräfte auf und das Kernholz widersteht dem enormen Druck. Das macht es meistens notwendig, das Splintholz auf die gewünschte Dicke zu reduzieren, wobei man einem Jahresring exakt folgen muss. Einmal durchtrennt, wird der Bogen mit hoher Wahrscheinlichkeit genau dort brechen. Da man ja nicht ins Holz hineinschauen kann, gibt es ab und zu doch doch eine krachende Überraschung. Nicht jeder Bogen gelingt, im Durchschnitt zerreißt es einen von drei beim Bauen."

Einige Facts:

> Hölzer: Eibe, Ulme, Esche, Haselnuss, Holler und Robinie;
> Holzernte: beste Zeit Neumond am Winterbeginn bis Februarneumond. Alle paar Jahre ist der Neumond im Sternzeichen des Skorpion (verspricht die besten Eigenschaften für den Bogenbau); max. Stammdurchmesser 30 cm, Länge der Rohlinge 220 cm;
> Holzlagerung: mind. 3 Jahre, Stamm vierteln oder halbieren je nach Größe, über Hirn mit Wachs versiegeln, damit keine Risse entstehen. Bei Eibe bleibt die Rinde drauf, bei allen anderen Hölzern muss die Rinde runter (wegen Borkenkäfer);
> Weiten von 220 bis 300 Meter sind mit dem Bogen möglich;
> Geschossen wird nicht auf Ziele im klassischem Sinn, sondern ähnlich wie beim Golf auf eine Fahne in unbekannter Entfernung; auch wird auf Kommando gemeinsam geschossen (das entspricht den historischen Überlieferungen).

Infos:

> Sämtliche Bogen-relevante Informationen vom Mary Rose Museum in Portsmouth;
> Maße von originalen Funden genommen;
> Infos bez. Holz stammen aus Archiven alter Forstberichte.

Info/Kontakt: Günter Pühringer, Waidring.

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