01.12.2016, 14:24 Uhr

Asylwerber in St. Johann: "Einige wollen sogar zum Christentum konvertieren"

Zwei der Unterkünfte in St. Johann: Riedl-Haus, hi. li., Musikheim. (Foto: Kogler)

Ein Gespräch mit den BetreuerInnen der Asylwerber in St. Johann: Über Probleme, Stereotype und ein hoffnungsvolles Bild für die Zukunft.

ST. JOHANN (elis). Die Freiwilligen der Flüchtlingshilfe in St. Johann haben sich in rund 9 Monaten zusammengefunden und organisiert. Sie kümmern sich ehrenamtlich um jene Flüchtlinge, die in St. Johann auf ihren Asylbescheid warten – 130 Personen. Mittlerweile läuft die Betreuung nahezu problemlos. Wenn es Probleme gibt, dann sind es Anfeindungen und Vorurteile, die immer wieder gegen die Menschen geäußert werden und damit auch das Zusammenleben belasten, berichten die freiwilligen Helfer. Aus diesem Grund möchten die Ehrenamtlichen der Flüchtlingshilfe auch nicht namentlich genannt werden.

Menschen und ihre Würde

„Es ist der Dienst am Menschen“, sagt Frau S., eine der Freiwilligen, „und das ist das Wichtigste“. Die Helferinnen und Helfer sind vor allem im Bereich der Deutsch-Lernhilfe und als Begleiterinnen im Alltag tätig. Auch sie hatten in den vergangenen Monaten den ein oder anderen Aha-Moment, haben einige Stereotype abgebaut und viel über die Menschen und ihre Wünsche gelernt.

Deutsch lernen, so schnell wie möglich

Die AsylwerberInnen in St. Johann leben in 6 Häusern und einer Wohnung eines Mehrparteienhauses. Es sind Alleinreisende aber auch Familien mit Kindern. Rund 60 % von ihnen lernen im Rahmen der freiwilligen Deutschkurse in St. Johann Deutsch. Damit sind die BetreuerInnen ziemlich ausgelastet, denn das Niveau und die Sprachbegabung der einzelnen Menschen ist unterschiedlich. Zur Zeit wird der Deutschunterricht für AsylwerberInnen durch die Firma GemNova neu organisiert. Bald sollen dadurch einheitliche Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stehen und ein Großteil der Flüchtlinge Zugang zu diesem Unterricht haben. Aktuell ist das Unterrichten eine Meisterleistung, jedenfalls eine riesige Herausforderung. Der Unterricht findet ohne Dolmetscher statt, es geht langsam, aber es geht voran. Eine Frau etwa aus dem Irak spricht kein Wort Deutsch. „Alleine das Schreiben der eigenen Namen ist eine riesige Herausforderung, denn es gibt keine Schreibweise der arabischen Namen in Lateinschrift“, so Frau S.
Es ist wohl so, als müsste man plötzlich seinen eigenen Namen, etwa Sepp Hofer oder Anni Foidl, in arabischer Schrift buchstabieren...

Unterricht im Schlafzimmer

Der Unterricht findet in Gemeinschaftsräumen wie z.B. Küchen oder Zimmer der Asylwerber statt. Die Unterrichtsgruppen müssen gut koordiniert werden. „Es ist dann schwierig, wenn der Unterricht im Schlafzimmer einer Frau stattfinden muss. Denn viele Männer gehen nicht in das Schlafzimmer einer Frau. Das fänden sie respektlos“, erklärt sie weiter.
Dass der Unterricht in den Schlafzimmern der Menschen stattfindet, erscheint seltsam. Die Alternativen dazu sind jedoch schlicht nicht vorhanden. Die Menschen leben in Zimmern, nicht in großen Wohnungen. Wenn kein Gemeinschaftsraum, wie etwa ein Wohnzimmer, vorhanden ist, dann muss der Unterricht eben im Schlafzimmer stattfinden.

Kinder lernen schnell

Die Kinder der AsylwerberInnen unterhalten sich bereits auf Deutsch miteinander. Sie gehen hier in den Kindergarten, die Volksschule, die Neue Mittelschule und sogar ins Gymnasium – und sie lernen schnell. In der Schule ist auch der Deutschunterricht gut organisiert. Die Kids lernen Deutsch während ihre SchulkollegInnen Religionsunterricht haben, zusätzlich zweimal pro Woche am Nachmittag in eigenen Gruppen. Ein junger Bursche aus Syrien, so berichten die BetreuerInnen, hat einen Gleichaltrigen aus Afghanistan unter seine Fittiche genommen. Die Zusammenarbeit der Jungs funktioniert, trotz kultureller Unterschiede, problemlos. Überhaupt seien die Afghanen sehr fleißig. Sie wollen lernen, sie wollen Asyl.
„Wo wir aus dem Nest gefallen sind, ist eine Gnade. Denn wir können jede Bildung bekommen, die wir wollen. Das ist leider nicht überall so,“ fasst es Herr P., einer der Betreuer der Asylwerber, zusammen. Als Pensionist bringt er nun zum ersten Mal in seinem Leben selbst Kinder in die Schule und ist fasziniert, wie schnell und fleißig sie lernen.

Religion und Kultur

Neben dem Deutschlernen ist die Integration und das Kennenlernen der Kultur ein wichtiger Punkt in der Betreuung. Darum werden Ausflüge organisiert, etwa in die Kirchen der Gemeinde.
„Viele der Moslems haben großes Interesse an der katholischen Kirche. Einige wollen sogar zum Christentum konvertieren“, so Herr P. Das ist z.B. in Afghanistan nicht möglich. In Österreich aber schon. Manche besuchen schon die Gottesdienste der Freikirche.
Im Irak seien Christen hoch geschätzt, etwa als Geschäftsleute. Ein Ehepaar unter den Asylwerbern ist sogar eine „Glaubens-Mischehe“. Der Mann ist Moslem, die Frau Christin. Unter den Geflüchteten sind eben auch einige Christen.
Zum Schmunzeln sei ein Ausflug in die Kirche Weitau gewesen, berichtet Herr P. Ein Asylwerber habe in der Kirche, Anfang November, erklärt, dass er nun verstehe, warum man sich hier im Gebetshaus nicht die Schuhe auszieht. Dafür sei es einfach zu kalt.

Männer und Frauen und die Gemeinschaft

Dass Flüchtlinge laut und störend sind, das höre man oft. Tatsächlich, so erzählen die BetreuerInnen, wurden sie in der Zeit als die Unterkünfte im Schwimmbadweg bezogen wurden, von Anrainern gefragt, wann die Flüchtlinge nun kommen würden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Unterkünfte jedoch schon seit zwei Wochen bezogen.
„Es ist auch noch nie passiert, dass mich einer der Asylwerber nicht angeschaut hat“, so Frau S. Frauen würden geschätzt und mit Respekt behandelt. Viele der Familienväter kochen für ihre Familien.
Ein junger Mann arbeitet mittlerweile bei der Lebenshilfe, zur Zufriedenheit aller. Zwei Männer aus Afrika unterstützen die St. Johanner Hol- und Bringbörse. Sie leisten soziale Arbeit für St. Johann. Auch beim Weihnachtsmarktaufbau haben sie mitgeholfen und in einigen anderen Projekten sind sie auch voller Tatkraft dabei. Das hilft in jeder Hinsicht. Beim Deutschlernen, bei der Integration und es vertreibt die Zeit – beim Warten auf den Asylbescheid.
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