Hebamme in der Corona-Krise
"Schwangere werden nicht alleine gelassen"

Heldin des Alltags: Hebamme Edith Zancolo

In der Schwangerschaft sind Frauen meist sensibler, zusätzlich Ängste kommen nun durch die Corona-Krise. Hebamme Edith Zancolo über die aktuelle Lage. 

FERLACH. Edith Zancolo arbeitet seit 2015 als Kassenhebamme im Bezirk Klagenfurt Land. Zuvor war sie jahrelang als Hebamme im LKH Villach und parallel als Wahlhebamme tätig. Die Ferlacherin stellt eines klar: "Ich bin nur eine von vielen, die in Zeiten wie diesen mein Bestes gebe."

Arbeitsalltag hat sich drastisch verändert

Zu "normalen" Zeiten sieht Zancolo´s Arbeitsalltag wie folgt aus: Sie besucht von Montag bis Freitag täglich bis zu sechs Familien im häuslichen Umfeld. Zusätzlich arbeitet sie an zwei weiteren Tagen der Woche in einer geburtshilflichen Praxisgemeinschaft mit einer Gynäkologin. Dort werden Schwangere beraten, Geburtsvorbereitungs-Kurse finden statt und auch Akupunktur wird praktiziert. 
Die letzten Wochen haben Zancolos Arbeitsalltag jedoch drastisch verändert: "Ich führe ein Corona Tagebuch, wo ich alle persönlichen Kontakte, zweimal täglich meine Körpertemperatur und etwaige Symptome eintrage."
Visiten werden per Telefon oder Video abgehalten, einige finden noch vor Ort bei den Familien statt. Sämtliche Ordinationstermine sind abgesagt. "Vor der persönlichen Visite informiere ich mich über den Gesundheitszustand der im Haus wohnenden Familienangehörigen", sagt Zancolo. Momentan verlassen viele Frauen nach einer sogenannten ambulanten Entbindung – innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt – das Krankenhaus. "Die Termine in der ersten Lebenswoche mache ich im direkten Kontakt, da sie für die Gesundheit der Frau und des Kindes wichtig sind", betont die Hebamme.

Austausch untereinander

Zancolo und ihre Kollegen stehen derzeit auch vor einigen Herausforderungen: "Es ist herausfordernd die Datenlage und aktuellen Richtlinien im Auge zu behalten und die notwendigen Utensilien (Masken, Handschuhe, Desinfektionsmittel) in größeren Mengen zu bekommen." Hier werden wir Hebammen von der Standesvertretung, dem Österreichischen Hebammengremium unterstützt und informiert. Eine weitere und sehr große Hürde ist auch der Rückgang der Einnahmen. "Hier habe ich die Unterstützung meines Steuerberatungsbüros Napetschnig & Partner, die sehr prompt mit Hilfestellung reagiert haben", freut sich Zancolo.
Ständig im Austausch ist die Hebamme derzeit mit ihren Kolleginnen. Durch ein gut aufgebautes Netzwerk und ständigen Austausch auch mit der Schweiz und Deutschland, ist es möglich, grisch gebackene Mütter durch eine Hebammennachsorge bestens zu unterstützen. 

Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen im Kreißsaal

Für an Covid erkrankte Patientinnen oder auch für Verdachtsfälle wurden eigene Kreißzimmer als Isolierungskreißzimmer und eigene Wochenbettzimmer bereitgestellt.
"Erkrankte und gesunde Gebärende und Wöchnerinnen sind in unterschiedlichen Bereichen der Abteilungen untergebracht, denn es gilt einen besonderen Schutz für andere Patientinnen im Krankenhaus und natürlich auch für Mitarbeiter zu gewährleisten", informiert Zancolo. 

Online-Geburtsvorbereitung

Am Mittwoch, 8. April startet Zancolos erster Online-Geburtsvorbereitungskurs über die Volkshochschule. Die Hebamme geht davon aus, dass Online-Kurse in den nächsten Monaten zum Berufsalltag werden.

Stillen wird empfohlen

Stillen wird auch in Zeiten wie diesen empfohlen. Es bietet dem Baby einen Nestschutz und auch bei einer frischen Erkrankung, sowohl der Mutter als auch des Kindes, die passende Immunantwort durch die Muttermilch. Die gesunde Mutter stillt ihr Baby uneingeschränkt wie immer. "Die infizierte Mutter, oder die Mutter in Quarantäne stillt mit Mundschutz und nach gewissenhaftem Händewaschen", sagt Zancolo. Sollte es der Mutter aufgrund der Erkrankung schlecht gehen, kann unter Einhaltung der Hygienerichtlinien abgepumpt und die Muttermilch verfüttert werden. Das Baby muss nicht von der Mutter getrennt werden, außer der Zustand der Mutter erfordert es.

Väter im Kreißsaal?

Werdende Väter – bei Geburt dabei sein oder nicht? In Corona-Zeiten ist es nun wieder erlaubt, dass Väter bei der Geburt dabei sein dürfen, vorausgesetzt sie sind gesund. Doch muss das derzeit sein? Hebamme Zancolo hat ein ambivalentes Gefühl. Für jede Familie ist es wunderschön, den Moment der Geburt gemeinsam zu erleben, Unterstützung zu bekommen und Freude zu teilen. "Ein schönes Geburtserlebnis ist aber mehr als das", stellt die Hebamme klar. Es ist das Empfinden seinem eigenen Körper zu vertrauen, mit ihm zu arbeiten, sich ihm hinzugeben. Es gibt aber auch abseits von Covid-19 Frauen die alleine gebären, da ihre Partner im Ausland sind, krank sind oder die Partnerschaft nicht mehr besteht. Auch diese Frauen können ein schönes Geburtserlebnis haben.
"Auf der anderen Seite sehe ich uns, das Personal, dass ganz vielen fremden Menschen ausgesetzt ist", sagt die Hebamme. Hebammen sind Multiplikatoren, ob wir wollen oder nicht. "Wir haben Familien mit vielleicht kranken Angehörigen und sorgen uns um sie und wollen nichts mit nachhause nehmen", so Zancolo weiter. Wie man es auch wendet, es ist schwierig zu beantworten, ob es zu riskant ist, wenn Väter mit im Kreißsaal sind, oder nicht. Zancolo versteht beide Seiten.

Gespräche gegen Verunsicherung

"Die werdenden Mütter waren am Anfang der Maßnahmen sehr verunsichert, in der letzten Woche ist es aus meiner Sicht besser geworden", berichtet Zancolo. Sie hat viel telefoniert, informiert und versucht die Realität abzubilden, damit Frauen wissen, wie es derzeit in den Kliniken, aber auch mit Hausbesuchen aussieht. Schwangere Frauen waren durch den Wegfall der Mutter Kind Pass Untersuchungen sehr verunsichert. "Hier habe ich einige Gespräche geführt um den Frauen Zuversicht in ihren eigenen Körper und in die Natur zu geben", so die Expertin. Wenn es medizinisch notwendig ist, wird auch sie in dieser Situation, die Frauen zu einem Arzt oder ins Krankenhaus schicken. "Die, die jetzt schon zuhause sind, haben nur Positives berichtet", freut sich die Hebamme. Es waren auch einige dabei, die ohne Partner geboren haben und jede von ihnen hat über das wunderbare Team erzählt, das bei der Geburt dabei war. 

Die Wochenbettbetreuung 

Besuche in der ersten Lebenswoche und bei akutem medizinischem Bedarf erfolgen persönlich. Als Beispiele nennt Zancolo hierStillprobleme, Wundheilung, Gewichtskontrolle, Gelbsucht, Rückbildungsstörung, Stoffwechseltest.
Die restlichen Visiten erfolgen über Video oder Telefon. "Ich helfe den Familien Kinderärzte zu finden, habe elektrische Milchpumpen auf Vorrat organisiert, damit Eltern so wenig wie möglich außer Haus müssen, besorge ich auch rezeptfreie Medikamente", so die Hebamme. 
Sie selbst tragt eine FFP3-Schutzmaske, um weder etwas in die Familien hineinzubringen, noch mit nach Hause zu nehmen.  "Trotz aller Schwierigkeiten ist es doch, wenn ich einmal in der Familie bin, wie immer ein erfreuliches Arbeiten in entspannter Atmosphäre", so Zancolo.

Tipps für Erstgebärende

Zancolo glaubt nicht, dass Erstgebärende derzeit mehr Angst vor der Geburt haben, die Freude überwiegt. Sie rät zu Gesprächen mit Freundinnen, Ratgeber zu lesen, Atemübungen, Online-Kursen und zu einer Hebamme. Buchtipps der Expertin: Die Hebammensprechstunde von Ingeborg Stadelmann, das Stillbuch von Hannah Lothrop, die Babyjahre von Remo Largo.

Ablauf der Geburt unverändert

Beim Thema Selbstbestimmung während der Geburt, gibt es auch in Corona-Zeiten keine Änderungen. Ebenso nicht beim Ablauf der Geburt. Was medizinisch notwendig ist, wird nach Rücksprache gemacht. "Auch bei einer Covid19 positiv getesteten Schwangeren verläuft die Geburt für die Frau selbst, wie bei jeder anderen", so Zancolo. Die Hygienerichtlinien und die Räumlichkeiten ändern sich natürlich zum Schutz der anderen Patientinnen und Mitarbeiter.
"In Summe kann ich für mich sagen, es ist eine herausfordernde Zeit die mir viel abverlangt, die mich vieles lehrt und mir zeigt, wie gut unser System funktioniert und wie stark der Zusammenhalt ist. Ich bin dankbar für diese Erfahrung, auch wenn sie schon enden könnte", sagt Zancolo abschließend. 

Zur Sache: 

Edith Zancolo aus Ferlach ist Kassenhebamme in Klagenfurt Land
Der Berufsalltag hat sich in der Corona-Zeit stark verändert
Hausbesuche finden in der ersten Woche statt
Beratung erfolgt online

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