Filmland Kärnten 2019
Goldene Palme? Nein danke! Cannes 1961 & ‚Viridiana‘ von Luis Buñuel

Szenenfoto: Viridiana mit Fernando Ray und Silvia Pinal, Spanien 1961
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  • Szenenfoto: Viridiana mit Fernando Ray und Silvia Pinal, Spanien 1961
  • Foto: Filmtech, Madrid
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Wir schreiben das Jahr 1960. Dem spanischen Filmproduzenten Pere Portabella (Films 59) gelingt es den Generaldirektor für Kino und Theater, (Abteilung für Kino und Theater innerhalb des Ministeriums für Information und Tourismus, die, die spanische Filmförderung bis zur Gründung der ICAA 1986 organisierte), Señor José Muñoz Fontán, in Madrid zu überreden, den seit über 20 Jahren im mexikanischen Exil lebenden Luis Buñuel zu Dreharbeiten für einen Film in seine Heimat Spanien einzuladen. Geplant ist ein großer, künstlerisch anspruchsvoller Film, der, so das Kalkül von Portabella und José Muñoz Fontán, auf diversen Filmfestivals die Hauptpreise gewinnt und so auf das spanische Kino wirkt, das als völlig kommerziell und anspruchslos gilt, aber in den 1950er Jahren doch einige wichtige, auch international anerkannte Filme hervorgebracht hat.
Auch der Diktator Francisco Franco, ein bekennender Filmfan, ist dafür und gibt persönlich seine Zustimmung zu dem Projekt, will sich doch Spanien nach Jahrzehnten der Isolation öffnen, was bereits im Tourismus gelungen ist.

Auch Luis Buñuel stimmt zu, ist es für ihn der erste Langfilm, den er in Spanien drehen wird, denn Buñuel gilt in der spanischen Welt in erster Linie als mexikanischer Regisseur, der bisher nur 3 Filme in Europa gedreht hat, zwei in Frankreich (Ein andalusischer Hund, 1929 und Das goldene Zeitalter, 1930) und einen in Spanien (Las Hurdes/Tierra sin Pan, 1932), alle anderen Filme sind in Mexiko oder in den USA entstanden.

Doch das Projekt steht von Anfang an unter einem schlechten Stern. Die Abteilung für Kino und Theater weigert sich das Geld des Ministeriums für Information und Tourismus an den Produzenten Pere Portabella, mit dem sie im Dauerstreit lebt, da er für viele umstrittene und zensurierte Filme verantwortlich ist, auszuzahlen. (Zum Beispiel für den Film „Der kleine Wagen“, das Regiedebut von Marco Ferreri, Spanien 1960) Abhilfe schaffen sollen zwei ungedeckte Wechsel, die der mexikanische Coproduzent Gustavo Alatriste schickt. Die Wechsel sind so datiert, dass nach einem möglichst erfolgreichen Kinostart genug Geld da ist, damit die Wechsel nicht platzen, ein damals in der spanischen und italienischen Filmwelt nicht unübliches Finanzierungsmodell. Überraschender Weise gelingt es Portabella, dank seiner guten Beziehungen zu dem spanischen Fußballprofi Elias Querejeta, der eine Bürgschaft übernimmt, dass die Wechsel von der Bank anerkannt werden und das Produktionsbudget von zirka 50 Millionen Peseten (heute, inflationsberichtigt, zirka 658.000 Euro) bereitgestellt wird.

Buñuel weiß, dass er schnell und effizient drehen muss, damit der Film in Spanien gemacht werden kann, eine Produktionsweise, die Buñuel aus Mexiko vertraut ist. Und Luis Buñuel schaffte es. In 3 Wochen ist der Film abgedreht. Das Drehverhältnis beträgt 3:1, 80 Prozent des Rohmaterials werden für den Endschnitt verwendet.

Luis Buñuel wird zu Drehbeginn in Spanien kaum beachtet, nur ein kleiner Teil der spanischen Filmszene kennt ihn, sein bisheriges Werk wird als ausschließlich kommerziell angesehen, aber sein Film „Nazarín“, (Mexiko 1958) nach einem Roman des spanischen Autors Benito Perez Galdos, hat auch in Spanien sehr gute Kritiken bekommen und ist ein Erfolg in den Kinos. Auch für „Viridiana“ dient ein Roman von Perez Galdos als Vorlage, was für das Wohlwollen der katholischen Kirche in Spanien sorgt, obwohl es sich um keine klassische Literaturverfilmung handelt.

Die Dreharbeiten selbst verlaufen entspannt, es wird viel gelacht und nach einem Besuch der spanischen Presse bei den Dreharbeiten wird das Gerücht verbreitet, dass Buñuel eine solide Komödie dreht. Buñuel selbst wird während der gesamten Dreharbeiten von der spanischen Polizei überwacht, deshalb verlässt er jeden Tag nach Drehschluss das Set und besucht seine Familie und Freunde, dafür hat er auch einen guten Grund, denn sein jüngerer Bruder Alfonso Joaquín ist in diesen Tagen verstorben. Während Buñuel Trauerarbeit leistet wird der belichtete Rohfilm von Kurieren über die Grenze nach Frankreich geschmuggelt und dort im erstbesten Labor sofort entwickelt. Einer der Kuriere ist der spätere Filmregisseur Carlos Saura, der damals bereits einen ersten Film „Los Golfos“ (dt. die Herumtreiber, Spanien 1959) gedreht hat, aber zu dieser Zeit als Filmkritiker und Fotograf bekannt war.

Die Dreharbeiten enden plangemäß nach 3 Wochen und Buñuel reist einen Tag später nach Mexiko ab. Die Postproduktion des Films wird in Paris ohne Buñuel durchgeführt, der auch keine Muster des Films sieht. Während der Postproduktion kommt er nur drei Mal nach Paris und sieht sich das bisherige Ergebnis am Schneidetisch an.

Während die Nachbearbeitung läuft machen die Exilspanier in Frankreich gegen den Film und seinen Regisseur mobil, sie werfen Buñuel vor, sich mit dem Franco-Regime arrangiert zu haben.
Trotz aller Polemiken wird der Film „Viridiana“ 1961 von der Abteilung für Kino und Theater im Ministerium für Information und Tourismus als offizieller Beitrag Spaniens für das Filmfestival in Cannes eingereicht und auch dorthin in den Hauptbewerb eingeladen.

Da die Zeit drängt, die Postproduktion ist in Paris völlig zum Erliegen gekommen, nehmen Pere Portabella und Fußballprofi Elias Querejeta noch einmal eigenes Geld in die Hand und lassen den Film endlich fertigstellen. Die Tonmischung wird erst 2 Tage vor dem geplanten Premierentermin fertig, die Kopie trifft überhaupt erst am Tag der Erstaufführung in Cannes ein. Filmproduzent Portabella hat sie mit seinem eigenen Auto von Paris nach Cannes gebracht.

Die Premiere steigt, niemand, nicht einmal Luis Buñuel hat den Film bisher gesehen und schon gar nicht die spanische Zensur. Die Premiere endet in einem handfesten Skandal, das Publikum ist schockiert.

Bereits am nächsten Tag macht die katholische Presse in Spanien und in Italien mobil gegen den Film, ein Schriftgelehrter aus Rom veröffentlicht eine Liste mit 81 Fällen von Blasphemie, die in dem Film begangen werden. Der Film „Viridiana“ wird in Spanien sofort verboten und der Generaldirektor für Kino und Theater, José Muñoz Fontán gefeuert und nach seiner Rückkehr nach Spanien am Flughafen von Madrid in Haft genommen. Noch während das Filmfestival in Cannes läuft wird sämtliches Material (Negativ, Tonmischung und Archivmaterial, sowie einige Kinokopien) von Frankreich nach Mexiko gebracht, um einer möglichen Beschlagnahme zu entgehen.
Der Film gewinnt schließlich den Hauptpreis des Wettbewerbs, die Goldene Palme, gemeinsam mit der italienisch/französischen Coproduktion „Noch nach Jahr und Tag“, Regie: Henri Colpi, I/F 1961, worüber die spanische Presse groß berichtet, die Auszeichnung für den eigenen Film „Viridiana“ wird nicht erwähnt, auch der Name Luis Buñuel wird über Jahre hinweg in der spanischen Presse nicht mehr genannt. Niemand in Spanien will mehr etwas mit dem Film „Viridiana“ zu tun haben.

Nach heftigen Polemiken in Italien und Frankreich, in beiden Ländern versucht die katholische Kirche die Veröffentlichung des Films zu verhindern, macht die linke, aber auch die bürgerliche Presse gegen den Vatikan mobil und droht offen die zwielichtige Rolle des Vatikans im italienischen Faschismus (1922 bis 1944) und im besetzten Frankreich des Vichy-Regimes (1940 bis 1944), sowie nach dem Krieg bei der Flucht von europäischen Kriegsverbrechern nach Lateinamerika, Spanien und in die USA zu thematisieren. Im Kreuzfeuer der Kritik stehen der verstorbene Eugenio Pacelli, als Papst Pius XII. bekannt, sowie der Erzbischof von Mailand Giovanni Montini, der spätere Papst Paul VI.
Und die Pressekampagne hat Erfolg, sowohl in Frankreich, wie in Italien kann „Viridiana“ ungeschnitten 1963 veröffentlicht werden und auch in Mexiko, wo man den Erfolg des Films für sich reklamiert und behauptet, dass es sich um einen ausschließlich mexikanischen Film handelt, der die Goldene Palme gewonnen hat. Der Film wird in Mexiko ein großer Hit. Innerhalb weniger Wochen ist genug Geld da, um die beiden Wechsel in Spanien auszubezahlen und weder Filmproduzent Gustavo Alatriste noch Pere Portabella müssen den Konkurs anmelden.
Nur in Spanien kann der Film erst rund 15 Jahre später gezeigt werden. Am 9. April 1977 startet „Viridiana“ in den Kinos. 2 Jahre nach dem Tod von Francisco Franco sehen 1 Million Besucher den endlich freigegebenen Film.

Was unterscheidet den Film „Viridiana“ von den Filmen, die z.B. 2019 in Cannes gezeigt werden?

• Die Hersteller des Films, allen voran die Filmproduzenten und der Regisseur, wollten einen Film machen, der sich möglichst gut verkauft und von sehr vielen Leuten gesehen werden kann. Es ging ihnen in erster Linie um die Kasse, was auch heute noch in der spanischen Filmwelt so ist.
• Die Hersteller des Films kannten genau ihr Publikum, für das der Film gemacht wurde, sie wussten, dass sie so billig wie möglich produzieren müssten, um das Risiko kalkulierbarer zu machen, da mit Finanzierungsausfällen zu rechnen ist.
• Die Hersteller des Films waren weniger abhängig von der staatlichen Filmförderung, die, wie oben erwähnt, später ganz ausfällt. Außerdem wird, auch heute noch, in Spanien und in Mexiko die Filmförderung erst im Nachhinein ausbezahlt, d.h. jeder muss dort den Film selbst vorfinanzieren, Fördergelder gibt es frühestens ein (1) Jahr nach der Erstveröffentlichung des Films (gilt nur bis Filme von bis zu 2 Millionen Euro Budget)
• Die Hersteller des Films waren, und ihre Nachfahren sind es noch heute, gerissenen, geschäftstüchtiger und wenn man so will auch zynischer, es ging ihnen in erster Linie um ihren eigenen Vorteil und den Profit. Sie waren wild entschlossen ein möglichst gutes Geschäft zu machen und schreckten vor keiner Schandtat zurück. Der Staat, die Kirche und der sogenannte ‚gute Ruf‘ war ihnen völlig egal. Im Gegenteil, sie misstrauten diesen Institutionen.
• Die Hersteller des Films hatten natürlich auch die Möglichkeit den fertigen Film öffentlich, gegen Eintrittsgeld zu zeigen, was heute auch nicht selbstverständlich ist. (besonders in Mitteleuropa: zu wenige Kinos, Übermacht des US-Kinos, veränderte Sehgewohnheiten, völlig geglättetes, geschmäcklerisches, auf ein diffuses Massenpublikum ausgerichtetes öffentlich-rechtliches und privates TV-Programm, ohne eigenes Profil. Egal welcher Sender gewählt wird, überall läuft dasselbe einfältige Programm)
• Und auch das ist 2019 anders, besonders in Mitteleuropa: es ist ein ‚eigenes Genre‘, der sogenannte „Festivalfilm“ entstanden. Ziel ist es Filme zu drehen, die in erster Linie auf möglichst vielen Filmfestivals zu sehen sind, Preise sind sekundär, es genügt die Teilnahme. Die Auswertung der Filme, die meistens auf das Ursprungsland beschränkt ist, ist vergleichsweise marginal. Filmemacher, die für den „Festivalfilm“ arbeiten sind zu 100 Prozent von staatlichen Filmförderstellen und öffentlich-rechtlichen TV-Sendern abhängig.

Nach-Viridiana:
Luis Buñuel, (1900-1983), hat in Mexiko nur noch zwei Filme gedreht: „Der Würgeengel“, 1962 und „Simon in der Wüste“, 1965, beide wieder mit Filmproduzent Gustavo Alatriste. Nach dem geschäftlichen Erfolg von „Viridiana“ finanzieren die beiden Herren die Filme gleich selbst und drehen in völliger künstlerischer Freiheit. Wozu sich auch mit Förderstellen und Co-Produzenten herumärgern, wenn man selbst genug Geld hat? Buñuel folgt 1963 dem Ruf nach Frankreich und beginnt mit der Verfilmung von Octave Mirabeaus Klassiker „Das Tagebuch einer Kammerzofe“ sein Spätwerk, in Spanien wird er nur noch einmal einen Film drehen „Tristana“, 1970, wieder nach einem Roman von Benito Perez Galdos. Insgesamt hat Luis Buñuel in Spanien nur 3 von 35 Filmen gedreht.
Pere Portabella, Jahrgang 1927, hat 26 Filme als Regisseur und 19 Filme als Produzent gedreht. Außerdem war er von 1977 bis 1988 Abgeordneter im katalanischen Parlament. Portabella versuchte mit großem geschäftlichem Erfolg eine alternative Filmwelt, abseits des Unterhaltungskinos zu erschaffen.
Elias Querejeta, (1934-2013) stieg nach Ende seiner aktiven Karriere als Profifußballspieler des spanischen Erste Liga Clubs Real Sociedad, San Sebastian, ins Filmgeschäft ein und wurde einer der erfolgreichsten Produzenten des neuen spanischen Kinos. 54 Filme hat er in seiner langen Karriere produziert. (u.a. von Carlos Saura, Víctor Erice, Manuel Gutiérrez Aragón o Julio Medem.)
Gustavo Alatriste, (1922-2006) hat 13 Filme als Produzent und 13 Filme als Regisseur gedreht. Nach den Dreharbeiten von „Viridiana“ heiratete er die Hauptdarstellerin Silvia Pinal, ihre gemeinsame Tochter trug den Namen Viridiana Alatriste und war bis zu ihrem Tod nach einem Verkehrsunfall als Schauspielerin in Mexiko aktiv. (1963-1983)

Quellen:
Luis Buñuel, novela, von Max Aub. Interviewband zwischen dem spanischen, mexikanischen Autor und Journalisten Max Aub und Luis Buñuel 1973 in Mexiko City. Edición de Carmen Peire, Granada 2013 (eine stark gekürzte Ausgabe ist unter dem Titel „Die Erotik und andere Gespenster“ im Klaus Wagenbach-Verlag, Berlin erschienen)
Luis Buñuel, von Agustín Sánchez Vidal, Ediciones Cátedra, Madrid 2004
Carlos Saura, el cineasta de la Memoria, von Luis García Gil, T & B Editores, Madrid, 2017

Christine Trapp / Monica B. Armstrong

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