„Von normalem Umgang sind wir weit entfernt”

Günther Nagele, Geschäftsführer der Aidshilfe
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KLAGENFURT (vep). "Als ich es erfahren habe, hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich brauchte psychologische Betreuung", sagt Gerda (Name geändert.) 2014 infizierte sich die 53-Jährige mit dem HI-Virus, wurde von ihrem damaligen Freund angesteckt, weil er fremdging. "Doch ich habe Glück. Heute ist es so, dass keine Werte nachweisbar sind. Die Krankheit selbst trage ich aber immer in mir. Ich nehme Medikamente – nur eine Tablette am Tag –, mache alle drei Monate Kontrollen, ertrage die Nebenwirkungen und hoffe, dass es so bleibt." Gerda ist eine von rund 350 Kärntnern, die mit HIV infiziert sind. In Österreich sind es zwischen 12.000 und 15.000 Menschen. Jedes Jahr gibt es zwischen 400 und 500 erfasste Neuinfizierungen, in Kärnten waren es 2016 27, informiert Günther Nagele, Geschäftsführer der Aidshilfe in Klagenfurt, die etwa 200 Klienten betreut. Vorwiegend sind es Männer, die betroffen sind, ein Drittel sind Frauen.

Krankheit schlummert oft

Heute ist die Medizin so weit fortgeschritten, dass bei vielen Infizierten die Krankheit oft gar nicht ausbricht. "Es gibt keine Heilung, aber viel mehr Lebensqualität. Die Zahl der Medikamente und auch der Nebenwirkungen hat sich drastisch reduziert, früher musste man oft weit über 20 Tabletten am Tag nehmen, heute ist es oft nur eine", sagt Nagele. Das "Vollbild-Aids" mit Karzinomen, neurologischen Erkrankungen etc. gebe es heute gar nicht mehr.

"Sind in tiefsten 90ern"

Was ihn jedoch traurig stimmt: "Der soziale Umgang hat mit der Entwicklung der Medizin nicht Schritt gehalten. Wir befinden uns in den tiefsten 90ern und sind von einem normalen Umgang mit HIV noch sehr weit entfernt." Wenn bekannt werde, dass jemand Aids hat, gehen die sozialen Beziehungen meistens schnell zu Bruch. Nagele: "Es ist ein wirklich großes Problem für Menschen mit HIV und sie tun meist gut daran, niemandem etwas davon zu erzählen." Denn nach wie vor sind die Berührungsängste sehr groß. "Noch immer ist es für viele schwierig, einen Zahnarzt zu finden, der sie behandelt", so Nageler weiter. Von der – leider oft berechtigten – Angst um den Arbeitsplatz ganz zu schweigen. "Jene, die in traditionellen Familienverbänden leben, verschweigen es häufiger, auch wegen dem Gerede." Klagenfurt sei laut Nagele in dieser Beziehung tiefst ländlich.

"Viele verstecken sich"

Im Gegensatz zu den meisten geht Gerda offen mit ihrer Erkrankung um: "Meine Freunde wissen es, haben keine Angst. Bussi links und rechts bekomme ich nach wie vor." Das ist aber die Ausnahme. "Ich kenne durch die Aidshilfe viele, die sogar andere in der Apotheke ihre Medikamente abholen lassen. Aus Angst, jemand könnte so sehen, dass sie Aids haben." Auch Gerda hat die Angst der Menschen schon erlebt: "Jemand hat gesehen, dass ich von der Aidshilfe herauskomme und hat sich gegen die Mauer gedrückt, um mir nicht zu nahe zu kommen." Gerda kennt auch Mütter, die vor ihren (gesunden) Kindern Medikamente und Krankheit verstecken, weil sie Angst haben, sie könnten es versehentlich verraten. "Und eine Freundin wird nun umziehen, weil die Nachbarn tuscheln, statt offen auf sie zuzugehen. Das ist zermürbend."

Herausforderung Migration

Nun kommt noch eine neue Herausforderung in Sachen Aufklärung und Prävention auf die Aidshilfe zu. Nagele: "Wir müssen in der Prävention Rücksicht nehmen auf neue kulturelle Gruppen, die zu uns kommen. Sie aufklären und ihnen das Risiko bewusst machen." Laut Nagele sind es vor allem Menschen aus zentralafrikanischen und osteuropäischen, kaukasischen Ländern, die es zu erreichen gilt, da die HIV-Verbreitung dort sehr hoch sei: "Wir arbeiten nun mit Organisationen und Landesregierung an einem Projekt, um diese Gruppen zu erreichen." Viele davon sind Muslime. Nagele: "Wir brauchen wegen des anderen Schamgefühls neue Ansätze, die ihre Kultur respektieren."

Zur Sache: HIV

Am 1. Dezember ist seit 1988 Welt-Aidstag.
Kärntner testen am häufigsten, informiert die Aidshilfe, aber in der falschen Zielgruppe. Denn:
Ein Drittel aller Infizierten weiß nicht, dass sie den HI-Virus in sich tragen und erfahren es erst, wenn die Krankheit ausbricht.
Testen lassen kann man sich u. a. bei der Aidshilfe Klagenfurt, Bahnhofstraße 22, www.hiv.at
Einmal pro Jahr empfiehlt die Aidshilfe einen Test. Jeder weiß selbst, ob er einem Risiko ausgesetzt war.
Weltweit leben 36,7 Millionen Menschen mit HIV. 53 % von ihnen erhalten eine Therapie.
69,5 % aller HIV-infizierten Menschen leben im Gebiet der Subsahara in Afrika.
Die Neuinfektionen sind weltweit von 3,1 Mio. im Jahr 2000 auf 1,8 Mio. zurückgegangen.
Bis 2030 will die WHO den Anteil der Neuinfektionen auf unter 10 % senken.

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