"Ein Rausch ist keine lustige Freizeitaktivität"

Primaria Christa Radoš
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(chl). Zehn Drogentote hat das Land Kärnten bereits im ersten Halbjahr zu betrauern. Zum Vergleich: Zwölf gab es im Vorjahr. Die Zunahme an Todesopfern durch Drogenmissbrauch ist alarmierend, doch auch die Tatsache, dass es offenbar, so die Experten, immer leichter wird, zu Drogen zu kommen.
Die WOCHE Kärnten hat zwei Expertinnen gefragt, woran es liegt, dass der Drogenkonsum stetig steigt und was man dagegen tun kann.

Verfügbarkeit erhöht Risiko

Christa Radoš ist Primaria der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin am LKH Villach: "Die Verfügbarkeit führt zu erhöhtem Konsum mit dem Risiko der Abhängigkeitsentwicklung. Leider ist Kärnten ein ‚Hot-Spot‘ des Drogenhandels." Radoš ortet zudem eine drastische Veränderung im Konsum. "Der Drogenkonsum ist in dramatischem Wandel. Wir haben es zunehmend mit Mischkonsum und mit oft hochgiftigen Designerdrogen zu tun. Vor allem junge Drogenkonsumenten sind gefährlich experimentierfreudig. Häufig werden Drogen unklaren Inhalts aus dem Internet bezogen. Die "reine" Heroinsucht ist mittlerweile rückläufig und betrifft höhere Altersgruppen."

Suchtkritische Gesellschaft

Als Psychiaterin kennt Radoš die tragischen Tücken des Drogenkonsums und den langen Weg, davon wieder loszukommen: "Sucht ist eine Störung, bei der es weniger auf das Suchtmittel als auf das charakteristische Verhalten ankommt, das auf die unmittelbare Befriedigung von Bedürfnissen bzw. auf die rasche Beseitigung negativer Gefühle abzielt. Zur Behandlung ist ein abgestuftes Angebot vom niederschwelligen Erstkontakt bis hin zu spezialisierten Entwöhnungseinrichtungen erforderlich. Ziel jeder Suchttherapie ist die Motivation zur langfristigen Abstinenz. Gelingt das nicht, ist Schadensbegrenzung oft lebensrettend. Viele Patienten leiden an weiteren psychiatrischen Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen, die mitbehandelt werden müssen."
Radoš kennt aber auch einen möglichen Ausweg: "Eine langfristige Perspektive wäre eine suchtkritische Gesellschaft. Ein Rausch ist keine lustige Freizeitaktivität, auch wenn er mit legalen Substanzen herbeigeführt wird."

Alarmglocken schrillen

Maria Magdalena Witting ist Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins "Oikos – Verein für Suchtkranke": "Auch wir bemerken eine massive Zunahme an Drogen. Lange Zeit wurde von der Politik zu wenig Geld für präventive und behandelnde Maßnahmen in die Hand genommen. Bei bereits zehn Toten müssten bei den Verantwortlichen alle Alarmglocken schrillen", kritisiert sie. Was sie (die Alarmglocken) ja auch tun: Gesundheits-Referentin LH-Stv. Beate Prettner kündigte einen Suchtgipfel an.

Beratung suchen

Beratung finden Süchige und deren Angehörige bei öffentlichen und gemeinnützigen Beratungsstellen, in Krankenhäusern oder beim Hausarzt.
Eine dieser Anlaufstellen ist Oikos: "Wir bestehen seit 23 Jahren und haben somit eine langjährige Erfahrung im Suchtbereich. Wir betreiben eine Beratungsstelle, ein Cannabis-Ambulatorium und die einzige stationäre Therapieeinrichtung in Kärnten", erklärt Witting.
Oikos bietet also sowohl im ambulanten wie auch im stationären Bereich Unterstützung für Betroffene und deren Angehörige an. "Unser multiprofessionelles Team begleitet Klienten auf dem Weg aus der Sucht. Interne Qualifizierungsmaßnahmen, permanente Fortbildung und die Vernetzung mit allen relevanten Stellen gewährleisten die beste Betreuung unserer Klienten. Ab Herbst bieten wir neu eine Online- und Chat-Funktion auf unserer Website an", informiert Witting.

Ernst Nagelschmied, Leiter der Drogen- und Suchtberatung "Viva" in Klagenfurt über die Ursachen des zunehmenden Drogenkonsum und was man dagegen tun kann: "Seit jeher gab es bewusstseinserweiternde Substanzen. Heute ist die Welt sehr ,klein' geworden. Man erreicht in wenigen Stunden jeden Kontinent. Mit dieser Entwicklung ging einher, dass illegale Drogen jederzeit und überall zu erhalten sind. Das Internet (,Darknet') hat das Seinige dazu beigetragen. Der Erhalt jeder möglichen Substanz führte dazu, dass der Mischkonsum massiv zugenommen hat und somit auch die Unberechenbarkeit der Auswirkungen.
Was kann man dagegen tun? Nach unserer Ansicht ist ein Ansatz in mehreren Bereichen notwendig. Neben der langen Forderung nach Krisen und Entzugsbetten ist die Primärprävention ein ganz, ganz wesentlicher, vielleicht der wesentlichste Teil. Derzeit geschieht in dem Bereich sehr viel.
Die dritte Säule ist eine niedrigschwellige und nachgehende Betreuung – wie es von Seiten von Streetwork geschieht – sowie auch der Versuch durch „harm reduction“-Angebote (Spritzentausch, Info über Risiken, 24-Stunden-Hotline) so viele Konsumenten wie möglich zu erreichen.
Die vierte Säule ist die Betreuung von Betroffenen und Angehörigen: Psychosoziale Beratung und Betreuung, Psychotherapie, Psychiatrische Beratung, Angehörigengruppe sowie tagesstrukturelle, arbeits- und freizeittherapeutische Maßnahmen.
Last but not least ist es selbstverständlich, dass, wenn die Polizei mehr Personal und Mittel zur Verfügung hat, auch mehr Drogen aus dem Verkehr gezogen werden können."

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