Kellermann: "Bitcoins sind eigentlich Falschgeld"

Soziologe Paul Kellermann setzt sich seit Jahren wissenschaftlich mit dem Thema Geld auseinander. Vor digitalen Währungen warnt der Professor
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KLAGENFURT. Seit knapp 20 Tagen hat in Klagenfurt die weltweit erste Kryptobank für digitale Währungen geöffnet. Offiziell als Bank darf sich das Unternehmen der Kärntner Gesellschaft, die dahinter steht, nicht bezeichnen. Beratung rund um Bitcoins und andere digitale Währungen stehen im Vordergrund, an einem Automaten kann Bargeld gegen Bitcoins getauscht werden. Zudem werden Investmentpakete in Kryptowährungen angeboten. In Wien gibt es mit dem „House of Nakamoto“ allerdings ein ähnliches Ladengeschäft.

Dass diese "Bank" eröffnet, hat auch viele kritische Stimmen auf den Plan gerufen, denn diese digitalen Währungen sind höchst umstritten. Einer, der sich seit Jahren wissenschaftlich fundiert mit dem Thema „Geld“ auseinandersetzt, ist Soziologe Prof. Paul Kellermann von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Er warnt davor, dass das System der Kryptowährungen über kurz oder lang zusammenbrechen wird. Denn laut Kellermann ist es eigentlich Falschgeld: "Legales Geld wie den Euro kann man am besten als universellen Gutschein verstehen. Er ist gedeckt, da die 18 Euro-Länder garantieren, dass dafür ihre Wirtschaftsleistungen zur Verfügung gestellt werden. Kryptowährungen werden künstlich von Privatpersonen erzeugt, es werden aber von diesen Personen keine realen Güter erarbeitet, die für diese Währung zu erhalten wären." Vielmehr bediene sich dieses System als Zahlungsmittel an bestehenden, fremden Wirtschaftsleistungen.
In Österreich sind Bitcoins kein akzeptiertes Zahlungsmittel; auch der größte Internethändler, Amazon, lässt derzeit keine Zahlung mit Bitcoins zu.

Es funktioniert, solange es akzeptiert wird

"Solange Bitcoins & Co. als Zahlungsmittel von den Menschen und Unternehmen akzeptiert werden, wird dieses System auch funktionieren", sagt Kellermann und ergänzt: "Was wie Geld wirkt, ist solange Geld, wie es von den Verkäufern eigener Leistungen akzeptiert wird. Das Vertrauen, dafür wieder etwas kaufen zu können, ist die einzige Basis für das Funktionieren dieses Systems." Schon im 17. Jhd. stand auf Münzprägungen in Malta: Non aes sed fides – Nicht Erz, sondern Vertrauen. "Man wusste damals, worauf das Geldsystem beruht. Dieses Wissen ist aber verloren gegangen. Stattdessen gibt es die Geldgläubigkeit, den Moneyismus", sagt Kellermann. Wenn nun plötzlich „Banken“ für Kryptowährungen eröffnet werden, ist das zunächst nicht verdächtig. „Zu einer Bank hat man normalerweise Vertrauen", sagt er.

Zahlungs- und Spekulationsobjekt zugleich

Für Kellermann liegt das Besondere dieser digitalen Währungen darin, dass sie nicht nur ein ungedecktes Zahlungsmittel, sondern gleichzeitig auch Spekulationsobjekt sind. Das „schöpfbare“ Angebot an Bitcoins ist angeblich limitiert; steigt die Nachfrage, steigt der Preis. "Auch durch Cybercrime wird der Wert künstlich in die Höhe getrieben: Erpressungsforderungen von Hackern müssen stets mit Bitcoins bezahlt werden. Wer bezahlen will, treibt dadurch jeweils kurzfristig die Nachfrage nach Bitcoins in die Höhe", zeigt Kellermann auf.
An der Wertsteigerung der Bitcoins sehe man es ganz deutlich: Zu Beginn war ein Bitcoin rund einen Dollar wert, derzeit weit über 2.000 Dollar. "Das ist eine Wertsteigerung um das 2000fache. Natürlich verführt eine solch rasante Entwicklung zu Spekulationen", sagt Kellermann.

Jene, die zu Beginn „investiert“ haben, könnten nun große spekulative Gewinne machen. Kellermann: "Aber wie bei jedem Schneeballsystem gilt: Den Letzten beißen die Hunde." Er befürchtet, dass viele meinen, nun noch schnell investieren oder gar selbst Kryptowährungen erzeugen zu müssen, da sie weiterhin hohe Gewinne erwarten. "Aber ob das der Fall sein wird, hängt davon ab, wie Viele wie lange an solches elektronisches Falschgeld als Zahlungsmittel glauben und dafür ihre realen Wirtschaftsleistungen oder legales Geld hergeben", so Kellermann.

"Banken müssen aufwachen"

Laut Kellermann liege der Ball nun bei den Banken. "Sie müssen aufwachen, diese digitalen Währungen sind eine zunehmende Gefahr. In den USA gibt es Überlegungen, sie zu verbieten."

Blase könnte bald platzen

Doch, wenn es nach Kellermanns Prognose geht, könnte sich das Problem der Kryptobanken bald von selbst lösen. Denn der Soziologe ist der Ansicht, dass sich zwar die zugrundeliegende Technik („blockchain“) etablieren wird, aber die Kryptowährungen ihre Bedeutung als Zahlungsmittel verlieren werden. "Mittlerweile existieren, so wird kolportiert, rund 800 verschiedene Kryptowährungen wie Ethereum, Ripple etc., die Konkurrenz spitzt sich zu. Das wird eine solche Eigendynamik entwickeln, dass sich der ganze Bluff bald offenbaren wird. Ich wäre nicht überrascht, wenn dies schon innerhalb eines Jahres geschehen könnte", erläutert Kellermann.
Anders verhält es sich allerdings, so der Geld-Soziologe, wenn Kryptowährungen wie andere Spekulationsobjekte (wie z. B. Kunstgegenstände) gesehen werden, also nicht als Zahlungsmittel; dann wären bei Veräußerungsgewinn Spekulationssteuern zu entrichten. Wo gibt es aber bei Bitcoins einen substantiellen Wert? Man kann sie ja nicht einmal anfassen.

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