21.11.2016, 00:30 Uhr

Alf Poier: "Ein glücklicher Sandler hat im Leben mehr erreicht als ein unglücklicher Millionär."

Alf Poier: mit neuem Programm "The Making Of Dada" am 30. November in Bad St. Leonhard (Foto: Jacqueline Traxler)

Alf Poier im WOCHE-Gespräch über sein neues Programm, seine Bühnen-Auszeit und seine Lebenseinstellung.

BAD ST. LEONHARD, VELDEN, WIEN. (chl). Mit "The Making Of Dada" kehrt Kabarettist Alf Poier zurück auf die Bühne. Am 30. November um 20 Uhr gastiert er im Kultursaal in Bad St. Leonhard, am 1. Dezember im Casineum in Velden.

WOCHE: Was war die Ursache für deine zweijährige Auszeit von der Bühne?
Ich hatte chronische Magenentzündungen und in weiterer Folge davon chronische Übelkeit. Bei meinen letzten Auftritten vor rund zwei Jahren bin ich dann schon während den Shows von der Bühne in die Garderobe gerannt, um zu kotzen. Da wusste ich – es ist Zeit für eine Pause.

Im Vorjahr hast du mit Ausstellungen und einem Buch aufhorchen lassen - ein Ersatz für die Bühne?
Grundsätzlich seh‘ ich die bildende Kunst nicht als Ersatz für die Bühne. Letztlich bin ich ein Endorphin-Junkie und brauch‘ meine Live-Shows als energetischen Schuss. Das ist fast wie Sex. Im Nachhinein bin ich aber froh über meine Zwangspause, da ich endlich Zeit hatte, mich um mein dadaistisches Gesamtwerk zu kümmern. Ich hab‘ alles abfotografieren lassen, hab‘ ein Buch gemacht und mir eine Galerie gesucht, die sich um den Verkauf meiner Werklichkeiten kümmert. Nichtstun jedenfalls ist nicht meine Sache. Wenn mich Freunde besucht haben und gemeint haben, "dir geht es aber gut – du kannst den ganzen Tag auf der Terrasse sitzen“, dann hab‘ ich drauf gesagt, "ich sitze schon seit drei Wochen da – das ist die Hölle“.

Was hat dich dazu bewogen, heuer zurück auf die Bühne zu kehren?
Nachdem ich bei vielerlei Ärzten in Behandlung war und auch diverse Alternativmediziner hinter mir hatte, hab‘ ich alle Medikamente auf den Müll geworfen und einfach gewartet. Langsam wurde meine Kotzerei besser. Dann wurde ich angefragt, ob ich nicht aus meinen Tagebüchern lesen möchte. Ich dachte mir, "dann machst halt mal eine unverbindliche Kotzprobe". Diese Kotzprobe ist super verlaufen und hat mir bestätigt, dass ich wieder fit für die Bühne bin. – Danach hab ich von meinem Management sofort die neue Show buchen lassen.

Was darf das Publikum vom neuen Programm erwarten?
Das Publikum sollte grundsätzlich einmal gar nix erwarten, denn dann kann es nicht enttäuscht werden. Ich hab‘ das Programm eigentlich gar nicht als Kabarettprogramm angelegt, aber dem Publikum ist das anscheinend egal. Viele finden es lustiger und authentischer als meine letzten Programme. In der ersten Halbzeit lese ich unter anderem aus meinen originalen Tagebüchern, die ich seit meinem 17. Lebensjahr geschrieben habe. Dazwischen erzähle ich und musiziere. In der zweiten Halbzeit gibt es eine Werkschau meiner dadaistischen Kunst. Es ist also kein Best-of im herkömmlichen Sinne!

Vor 20 Jahren meintest du einmal, dein Ziel sei es, eines Tages auf die Bühne zu gehen und nicht zu wissen, was passieren wird. Ist dieses Ziel noch aktuell?
Komischerweise ist „The Making Of Dada“ das erste Programm, bei dem ich den Text nicht gelernt habe. Trotzdem aber gibt es eine gewisse Vorgangsweise und einen fixen Ablauf. Von der Idee der totalen Improvisation habe ich mich verabschiedet, weil dabei die Tagesverfassung eine zu große Rolle spielt. Das Publikum zahlt Eintritt und erwartet dafür eine bestimmte Leistung. Es ist schon so oft schwierig genug, mit Migräne und Fieber auf der Bühne zu stehen und eine gute Unterhaltung zu bieten. Gar nicht vorzustellen, wie das wäre, wenn man wirklich nur improvisieren würde. Wenn – dann nur bei freiem Eintritt.

Du hast in deinen 20 Jahren viel erreicht, auch viel verdient. Was ist dir wirklich wichtig im Leben? Als Künstler? Als Mensch?
Grundsätzlich bin ich kein sparsamer, sondern eher ein materiell bedürfnisloser Mensch. Hauptsächlich geht es mir aber um Bewusstseinszustände, metaphysische und künstlerische Anliegen. Ein glücklicher Sandler hat im Leben mehr erreicht als ein unglücklicher Millionär. Es gibt nichts Schlimmeres, als sich alles leisten zu können und kein Warum mehr zu kennen. Einer meiner Lieblingssprüche lautet: Wer ein Warum kennt, erträgt fast jedes Wie. Letztlich aber ist das Leben ein unbegriffliches Konstrukt, das nur durch eine radikale, direkte Erfahrung wahrgenommen werden kann. Mein Ziel wäre es, das diskursive Denken weiträumig hinter mir zu lassen. Denken verhilft nämlich nicht zur Erkenntnis des eigenen Geistes. Der Grund, warum ich nicht wie eine Katze in der Wiese sitzen und damit glücklich sein kann, ist das Denken. Wenn das Denken verschwindet, gibt es nur noch die Gegenwart. Dann verschwindet auch das Zeitgefühl und man lebt quasi schon jetzt in der Ewigkeit.

Ist das Kärntner Publikum ein besonderes oder „anderes“ als im Rest von Österreich?
Da es auch in Wien Kärntner gibt und in der Steiermark Wiener ist das mit dem Publikum nicht so einfach zu klären. Am liebsten ist mir grundsätzlich ein Publikum, das zu mir kommt. Ansonsten müsste ich nämlich jeden einzelnen persönlich besuchen, und das wäre mir sicher zu kompliziert.

Würdest du dich ein drittes Mal dem Song Contest stellen oder dem Auswahlverfahren?
Dem Song Contest unter diversen Voraussetzungen eventuell schon, dem Auswahlverfahren nicht.

Buch-Tipp:

Im Vorjahr erschien im Seifert-Verlag das Buch „123 Meisterwerke“ von Alf Poier. Darin versammelt und von Poier kommentiert sind Bilder und schräge Objekte, die aus den diversen Programmen bekannt sind, aber auch viele bis dahin unveröffentlichte Werke. Poier im O-Ton zur Veröffentlichung: „Dieses Buch ist die gnädige Saat meines Geistes. Labet Euch daran, auf dass Euch die Frucht meines Nichtwissens nähre!“
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