09.01.2018, 00:30 Uhr

Bukowskis Leben vor dem Tod

Boris Bukowski stellt mit seinem neuen Album sich und seinem Publikum die Frage "Gibt's ein Leben vor dem Tod" (Foto: Peter Korrak)

Boris Bukowski im WOCHE-Gespräche über sein neues Album "Gibt's ein Leben vor dem Tod?".

Boris Bukowski stellt auf seinem neuen Album eine der Fragen aller Fragen: „Gibt’s ein Leben vor dem Tod?“. „Es gibt so viele Menschen, die sich fragen ,Gibt’s ein Leben nach dem Tod‘, aber so wenige, die nach dem Leben vor dem Tod fragen“, erklärt der Sänger, Songschreiber, Autor und Musiker Boris Bukowski Albumtitel und Titelsong. „Sich mit einer imaginären Zukunft, die wahrscheinlich nie eintritt zu beschäftigen, bevor man sich mit der Gegenwart beschäftigt, halte ich für wenig sinnvoll. Sie wird dir kein glückliches Leben bescheren, wenn du nicht in der Gegenwart lebst. Für mich ist das Leben im besten Fall ein geiles Abenteuer mit tödlichem Ausgang.“

Versuch und Irrtum

Das „erste Album nach 18 Jahren“ war nach der Veröffentlichung des öfteren zu lesen; was aber nicht ganz stimmt, denn Bukowski veröffentlichte 2002 das Duo-Live-Album „striptease live“ sowie 2005 das Duette-Album „Bukowski + Freunde“, u.a. mit Willi Resetarits, Schiffkowitz, den Rounder Girls u.e.m.
Genau genommen muss es also heißen, das erste Album mit neuen Songs seit 18 Jahren. Warum gerade jetzt? „Naja“, schmunzelt Bukowski, „ich hab‘ lange daran gearbeitet und wollte es diesmal besonders gut machen. Ich habe mir den Luxus von Versuch und Irrtum geleistet und mir erlaubt, Material wegzuwerfen, wenn ich mir gesagt hab‘: nicht schlecht, aber es hat noch nicht den letzten Pfiff.“

100 % Bukowski

Geleistet hat sich Bukowski außerdem, die Produktion auf eigene Kosten durchzuziehen, „mit ein bissl Crowdfunding“, wie er hinzufügt. „Ich wollte mir nicht dreinreden lassen, wie lange ich brauche, und ich wollte selbst auswählen, welcher Musiker zu welchem Song am besten passt. Ich wollte mir auch nie wieder sagen müssen nach der Veröffentlichung: Naja, die eine Zeile hättest‘ aber doch ein bisschen griffiger gestalten können.“ Das Ergebnis ist dementsprechend hundert Prozent Bukowski.
Mit den Aufnahmen zu „Gibt’s ein Leben vor dem Tod“ hat der Musiker tatsächlich schon vor acht Jahren begonnen. „Die hab‘ ich aber alle wieder verworfen, bis auf einen entzückenden Schlagzeug-Break“, erzählt der Sänger, der vor 40 Jahren vom Schlagzeuger zum Frontman mutierte. Seit mindestens genauso lang ist er auch im Studio, nicht nur vorm Mikrophon, sondern auch an den Reglern tätig. Das hält die Ohren offenbar jung: „Ältere, oder sagen wir, nicht mehr ganz so junge Musiker bleiben bei dem Sound, bei dem sie einmal angelangt sind. In der Regel ist es ja so: Je erfolgreicher du bist, desto weniger darfst du dir erlauben, dich von einem erfolgreichen Weg wegzubewegen. Bei mir ist es aber so: Ich war in den vergangenen Jahren nicht so erfolgreich – ich darf!“, scherzt Bukowski selbstironisch.

Independent Bukowski

Tatsächlich beschäftigt sich Bukowski ständig mit aktuellen Trends in der Popmusik und experimentiert mit neuen Sounds und Beats so lange, bis sie zu ihm passen, aber ja nicht aufgesetzt klingen. „Ich muss mich einbringen können“ erklärt Bukowski seine Entscheidung, das Album nicht nur unabhängig von einer Plattenfirma, sondern auch in Eigenregie als Produzent zu verantworten. Das musikalische Konzept und Sounddesign, das letztendlich zum gewünschten Ergebnis führte, basiert in erster Linie auf seiner Zusammenarbeit mit dem Weltklasse-Drummer Christian Eigner (u.a. Depeche Mode, Kurt Ostbahn) und Gitarrist/Bassist und Produzent Niko Stoessl: „Mit dem Niko konnte ich großartig zusammenarbeiten, ich hab‘ ihm zum Beispiel eine Basslinie vorgesungen und er konnte sofort umsetzen können, was ich mir vorstellte.“

„Leben ist Kunst“

Bukowskis Perfektionismus beim Sound setzt sich in seinen Texten fort: „Ich bin irrsinnig kritisch und war früher oft so kritisch, dass manchmal wochenlang nichts auf dem verdammten weißen Blattl Papier stand. Vom Thomas Spitzer von der EAV habe ich gelernt, alles aufzuschreiben, was einem so einfällt, denn wenn man viel hat, kann man viel streichen und es kommt locker auch vieles dazu. Aber wenn nichts da ist, kommt schwer etwas dazu.“ Zu aller Selbstkritik kommt ein weiterer Anspruch an sich und seine Zeilen: „Ich bin gerne nicht hinlänglich präzise, sodass die Worte nicht wie ein Gesetzestext festgesetzt sind. Für mich soll ein Text erst im Ohr des Betrachters fertig werden. Wenn du einen Song eine Woche später hörst, bist du in einer anderen Stimmung und assoziierst damit andere Bilder – so bleibt der Text lebendig. Ich will eine Geschichte nicht komplett auserzählen.“
Zum Beispiel im Song „Kunst ist Leben“, mit dem das Album schließt: „,Kunst ist Leben, Leben ist Kunst‘ ist ein Zitat von Joseph Beuys, das ich ergänzt habe mit ,Wir alle sind Künstler und die Welt gehört uns‘. Das Leben ist ein irrsinnig umfassendes und schwieriges Thema, daher sind dieses Lied und der Titelsong ,Gibt’s ein Leben vor dem Tod“ für das ganze Album programmatisch.“
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Das Album:
Die 13 Songs des neuen Albums „Gibt es ein Leben vor dem Tod“ produzierte Boris Bukowski in Eigenregie, unter Mitwirkung von hochkarätigen Produzenten und Musikern wie Florian Glaszer (Wild Dog Music, Wien, TIC-Music Achau), Andi Beit (Megabyte Kitchen, Graz), Niko Stoessl (u.a. Dave Gahan), Depeche-Mode-Drummer Christian Eigner, den Sängerinnen Gina Charito und Jacqueline Patricio, „Sofa Surfer“ Wolfgang Schlögl, Bukowskis Liveband Bunte Hunde, den Bläsern von Parov Stelar, Bernd Heinrauch (u.a. Bunny Lake), Ernst Molden u. e. m.

Unter Juristen ein „bunter Hund“
Boris Bukowski wurde am 5. Februar 1946 in Gleisdorf (nahe Graz) geboren, ist Doktor der Rechtswissenschaften und begann seine Musikerkarriere als Schlagzeuger u.a. bei „Music Machine“ in Graz. Ab 1972 gab er bei „Magic 69“ (später „Magic“) den Takt vor, 1977 wechselte er als Sänger an die Front. 1985 erschien sein erstes Album unter eigenem Namen (und Titel), u.a. mit dem Austro-Rock-Evergreen „Euer Fritze mit der Spritze“, 1987 folgte das Album „Intensiv“ mit dem Super-Hit „Kokain“, 1989 „100 Stunden am Tag“, u.a. mit dem Single-Hit „Trag meine Liebe wie einen Mantel“, 1991 „Ganz stark im Kommen“ mit Pino Palladino am Bass), 1993 „Gott ist eine Frau“, 1999 „6“, 2002 „striptease (Live Album), 2005 „Bukowski + Freunde“.
„Unter bunten Hunden“ ist der Titel von Bukowskis Autobiographie in Anekdoten, die er 2013 veröffentlichte.

Website: www.bukowski.at
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