19.01.2017, 08:06 Uhr

Paten für minderjährige Flüchtlinge gesucht

Im Einsatz für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge: Pate Werner Peschek, Heidemarie Stuck (SOS-Kinderdorf Villach-Landskron), Kinder- und Jugendanwältin Astrid Liebhauser, Patin Christina Petritz, Romana Bürger (KiJA) und Joachim Petscharnig (Kinderfreunde, Einrichtung Görtschach)

UMF-Patenprojekt läuft seit einem Jahr. Nun werden weitere Paten gesucht. Zwei Paten erzählen von ihren Erfahrungen.

KÄRNTEN. Sie haben oft Schlimmes erlebt, einen weiten Weg hinter sich und leben nach der langen Flucht ohne Eltern oder Bezugspersonen in Österreich: unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF). 165 befinden sich in Kärnten im Asylverfahren. Ihr gesetzlicher Vertreter ist das örtliche Jugendamt, betreut werden sie in einer von sechs Einrichtungen. Vor einem Jahr hat die Kinder- und Jugendanwaltschaft das UMF-Patenprojekt ins Leben gerufen. Bisher gab es vier Ausbildungsreihen für Paten, Anfang Februar startet die fünfte und dafür werden interessierte Paten gesucht.

Patenschaft als Ergänzung

"Die Patenschaft ist nicht mit einer Gastfamilie zu verwechseln", so Kinder- und Jugendanwältin Astrid Liebhauser. Sie ist eine Ergänzung zu dem Angebot in UMF-Einrichtungen. "In den Einrichtungen werden die Jugendlichen natürlich mehr als Gruppe wahrgenommen. Die Paten geben ihnen allerdings die Chance, als Einzelperson gesehen zu werden. Das gibt Selbstvertrauen."

Chance auf Integration

Werner Peschek und Christina Petritz aus Klagenfurt sind seit dem Anfang Paten von jeweils einem Jugendlichen (15 und 14 Jahre), untergebracht im Wohnheim in Görtschach. Gleich vorweg: Bereut haben sie ihre Entscheidung nie. Peschek nennt drei Motive, warum er sich entschieden hat, Pate zu werden: "Zuerst sicher ein humanitäres Anliegen. Zweitens ist es eine Art Eigentherapie, weil ich sehr verärgert über die Flüchtlingspolitik in Österreich und der EU bin. Und drittens bin ich überzeugt, dass wir die Jugendlichen vernünftig integrieren müssen. Sonst werden sie später im günstigsten Fall arbeitslos."

Lernen ist Hauptthema

Pescheks Schützling ist afghanischer Abstammung und im Iran aufgewachsen. Die beiden unterhalten sich auf Deutsch. "Momentan ist unser Hauptthema das gemeinsame Lernen. Das ist ihm sehr wichtig, denn er hat sich hohe Ziele gesteckt. Natürlich machen wir bei unseren Treffen auch Ausflüge."

Rückhalt fehlt meist

Petritz trifft sich wie ihr Paten-Kollege etwa ein Mal wöchentlich mit ihrem 14-jährigen Schützling. Auch hier wird gemeinsam gelernt, es stehen Ausflüge oder Kinobesuche auf dem Programm. Auch ihre Familie hat er schon kennengelernt. Dass seine Patin eine Frau ist, ist für den jungen Mann kein Problem, mein Petritz. "Obwohl ich der lebendige Kulturschock bin: nicht verheiratet, kinderlos, berufstätig und ich fahre Auto", lacht sie. Durch ihren Beruf - sie hat mit Jugendlichen und Flüchtlingen zu tun - interessierte sie sich für die Patenschaft: "Ich habe gemerkt, dass den Jugendlichen oft eine Ansprechperson außerhalb der Betreuung fehlt, ein anderer Rückhalt."

Paten als Teil des Teams

Heidemarie Stuck vom SOS-Kinderdorf Villach-Landskron bestätigt die positiven Erfahrungen mit den Patenschaften: "Die Paten sind ein Stück Familie für sie. Und für uns sind sie ein wichtiger Teil des Teams." Erfahrungen mit Eifersucht bei Nicht-Patenkindern hat sie noch keine gemacht. "Weil jede Patenschaft vor allem auch sehr individuell ist. Man unternimmt gemeinsam, wozu Pate und Schützling Lust haben. Das ist sehr individuell."

Wichtiges Feedback

Für Joachim Petscharnig vom Wohnheim in Görtschach ist die Patenschaft eine wertvolle. "Die Jugendlichen merken, dass sie wichtig für jemanden sind, dass sich diese Person Zeit für sie nimmt. Das stärkt. Und die Paten geben ihnen Möglichkeiten, Dinge zu erleben, die wir als Einrichtung oft nicht geben können." Außerdem helfen die Paten auch den Einrichtungen mit Feedback und Verbesserungsvorschlägen bei der Betreuung, weil sie einen Blick von außen haben.

Müssen zusammenpassen

Liebhauser: "Viele der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die noch keinen Paten haben, wünschen sich ebenfalls einen. Allem voraus geht ein intensives Gespräch, bei dem genau besprochen wird, was sich der Pate vorstellt und warum er das machen will. So sehen wir auch, welcher Jugendliche zu welchem Paten passen würde."

Das UMF-Patenprojekt

>> 48 Patinnen und Paten sind seit April 2016 aktiv tätig und kümmern sich um 35 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zwischen 14 und 17 Jahren.
>> Die Patenschaft ist ehrenamtlich und nicht mit einer Gastfamilie zu verwechseln.
>> Als zusätzliche Bezugspersonen treffen sich die Paten mit den Jugendlichen zu unterschiedlichsten Aktivitäten, machen so Integration möglich und sind den jungen Menschen Vorbilder.

Nächster Ausbildungstag für Paten

Der mittlerweile fünfte Ausbildungstag findet am 8. Februar vom 8.30 bis 15 Uhr im Haus der Anwaltschaften in Klagenfurt statt (Völkermarkter Ring 31).
Um Anmeldung wird gebeten: 050 536 57132 oder kija@ktn.gv.at
Mehr Infos: www.kija.ktn.gv.at

Wie wird man Pate?

>> Paten melden sich in der Kinder- und Jugendanwaltschaft zu einem Motivationsgespräch, besuchen den Fortbildungstag, legen eine Strafregisterbescheinigung vor und bekommen einen Hausbesuch von einer Sozialarbeiterin des zuständigen Jugendamtes.
>> Für die Paten gibt es auch regelmäßige Reflexionsgruppen, wo Erfahrungen ausgetauscht, Fragen gestellt und Probleme diskutiert werden können.

UMF: Situation in Kärnten

Insgesamt leben derzeit in Kärnten rund 165 Jugendliche - sie befinden sich noch im Asylverfahren - in sechs UMF-Einrichtungen. Es sind ausschließlich Jungs und sie kommen hauptsächlich aus Syrien und Afghanistan.

Die Einrichtungen:
>> Görtschach/Ferlach (Kinderfreunde Kärnten) mit über 50 Jugendlichen
>> Sekirn/Maria Wörth (Kinderfreunde Steiermark) mit 20 Jugendlichen
>> Landskron/Villach (SOS-Kinderdorf) mit 15 Jugendlichen
>> Treffen (Diakonie) mit über 30 Jugendlichen
>> Feistritz/Drau (Arbeitersamariterbund) mit über 30 Jugendlichen
>> St. Stefan/Lavanttal (B3) mit derzeit 19 Jugendlichen

Wenn in Österreich ein Jugendlicher zum Asylverfahren zugelassen wird, kommt er in eine der Einrichtungen und wartet sein Asylverfahren ab. Dort wird er betreut. Gesetzlicher Vertreter (Obsorge) ist allerdings die zuständige Kinder- und Jugendhilfe (örtliches Jugendamt).
1
Einem Mitglied gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.