Tötet die WM die Romantik? Was Klosterneuburger PaartherapeutInnen raten

Was, wenn es der/die PartnerIn mit dem WM-Fieber übertreibt? PaartherapeutInnen aus der Region wissen Rat.
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  • hochgeladen von Cornelia Grobner

REGION (cog, tw). Schlachtgesänge bis weit nach Mitternacht im Schlafzimmer. Funkstille ab 18 Uhr zwischen den PartnerInnen. Und im abendlichen Match ums Flachbild-TV führen Ronaldo, Neymar und Mertesacker 30:0 gegen die "Desperate Housewifes". Bei vielen Paaren herrscht derzeit Ausnahmezustand. Grund: Manche PartnerInnen sind akut vom "febris brasiliensis", dem gemeinen WM-Fieber befallen. Die Bezirksblätter sprachen mit betroffenen Paaren aus dem Bezirk über ihre Taktik, Abwehrstrategien und den Halbzeit-Stand im Hausfriedens-Match. Und PaartherapeutInnen aus dem Bezirk geben als Schiris Tipps, wie man in 32 harten Spieltagen grobe Fouls und die rote Karte vermeidet, damit man nach dem Finale nicht als Single aufwacht.


Paar-Erfahrungen in der Region

PRO WM

Michaela Eigl: "Wir haben zuhause diesbezüglich keine Probleme. Wenn sich mein Mann das gerne ansieht, dann kann man ihm das diese vier Wochen lang doch vergönnen. Außerdem denke ich, dass die meisten Haushalte auch schon zwei TV-Geräte haben. Ein Miteinander ist immer besser als ein Gegeneinander."
Susi Wukovits: "Da wir beide Fußball-begeistert sind, wird die Zeit der Weltmeisterschaft einfach nur in Zweisamkeit genossen."
Jürgen Rasch: "Ab zum Wirt des Vertrauens! WM schauen mit Freunden und einem guten Bier in einer netten Atmosphäre ist ja nie schlecht."
Eva Policzer: "Mein Mann ist ein großer Fußballfan, ich habe aber kein Problem damit ihm alle paar Jahre diesen Spaß zu gönnen."
Teresa Lafuente: "Ich bin seit der EM 2008 ein großer Fußball-Fan, denn ich habe damals bei einem Public Viewing meinen heutigen Mann kennengelernt."

CONTRA WM
Amir Ben Saoud: "Meine Madame und ich haben diesbezüglich keine Probleme, wir sind beide keine Fußball-WM Fans. Bleibt noch die Frage offen, was wir stattdessen ansehen sollen, weil ja sowieso überall nur Müll läuft. Ich empfehle eine gute DVD oder ein Buch."
Martina Weinberger: "Die Frage stellt sich bei uns nicht, bei uns daheim interessiert sich niemand für Fußball. Wir suchen einfach andere Sender, sollten wir fernsehen wollen."
Beatrice Hader: "Wir haben kein Problem, meinen Mann interessiert Gott sei Dank kein Fußball."
Ilse Jahn: "Wer keinen Fernseher hat, hat kein Problem."
Giovanni Brizzi: "Bei uns zuhause bin ich der Fußballfan, doch heuer habe ich kein Interesse zuzuschauen, nachdem ich erfahren habe, was in Brasilien mit den Menschen auf der Straße passiert – und das nur wegen der WM."

Erfahrungen und Ratschläge von Paartherapeut Klaus Granegger (Kritzendorf):

"Ich glaube nicht, dass ein zeitlich begrenztes Ereignis wie das Mitverfolgen von WM Spielen eine intakte Beziehung schädigen sollte. Natürlich können sich an Schnittstellen wie der WM grundlegende Beziehungsprobleme, oder zumindest ein unausgewogener Umgang zur PartnerIn mit eigenen Bedürfnissen zeigen.
Im Grunde geht es in Beziehungen ja oft um, dass sich gegenseitig auch Freiraum geben können. Es ist sehr wichtig, in einer Partnerschaft auch weiter eigene Interessen, wie WM Schauen und Freundschaften zu pflegen. In einer gelingenden Partnerschaft sollte es möglich sein, sich mit der PartnerIn freie Abende auszumachen. Hier setze ich voraus, dass gemeinsame Zeiten als Paar und auch Zeiten, in welchen die PartnerIn im Ausgleich alleine etwas lustvolles unternehmen kann, vom Fußballfan dann im Gegenzug zur Verfügung gestellt werden.
Im Alltag heißt dies zum Beispiel, dass der Mann dann im Gegenzug zum Fußballschauen beim Wirten, die Kinder an einem anderen Abend versorgt, während die Partnerin sich mit FreundInnen nach dem Sport trifft.
Bei den derzeit bei mir in Therapie befindlichen Paaren kam es bisweilen nicht zu erhöhten Spannungen durch die WM, wobei natürlich 'negative Nachwirkungen auf die Beziehung' wenn ein Partner sich zu sehr am Fußball und zu wenig an der PartnerIn orientiert hat, nicht auszuschließen sind.
Aus paartherapeutischer Sicht sind derartige Konflikte normal, und in der Therapie werden diese Themen von mir als Entwicklungschance für die Beziehung genützt."

Erfahrungen und Ratschläge von Paartherapeutin Saskia Montenegro (Kierling):

"Ich hatte wirklich zweimal das Thema in der Paartherapie – nur zweimal, da sich mittlerweile auch Frauen für Fußball begeistern können, sehen sie doch perfekte männliche durchtrainierte Körper und Männer die Emotionen zeigen. Frauen sind meist emotional abhängig von der Aufmerksamkeit ihres Partners. Sie halten es ganz schwer aus, dass der Partner völlig hypnotisiert vor den Fernseher sitzt, nichts anderes mitbekommt und keine Störung verträgt. In diesen Wochen ist Ausnahmezustand, nichts läuft in gewohnten Bahnen. Die Frau dagegen muss sich weiter um die Kinder kümmern, den Haushalt machen … Die Verpflichtungen müssen trotz Fußball gemacht werden.
Frauen beschweren sich weiters, dass sie während der schönsten Zeit im Jahr keine Unternehmungen machen können, dass der Partner nur Fernsehen möchte, keine Freunde, kein Fortgehen, keine Ausflüge, nichts.
Manche Frauen sind schockiert wie ihr Partner sich bei Fußball verändern kann. Er ist plötzlich ungehobelt, flucht, schimpft, ist aggressiv. Manche Frauen beklagen, dass ihr Partner ihnen gegenüber nicht die Emotionen zeigen kann, wie beim Fußballspiel.
Männer verstehen nicht, warum es ihre Partnerin so stört. Ich habe das Argument gehört 'wenigstens bin ich zuhause, andere Männer sind Golfen, Segeln oder haben andere zeitraubende Hobbys.' Außerdem beklagen sie, dass es eben nur alle zwei Jahre so ein Großevent gibt (EM, WM) und dass es wohl nicht so schlimm sein kann, dass man alle zwei Jahre für ein paar Wochen am Abend seinem Hobby frönt.
Sie können die Eifersucht auf die Fußballzeit nicht verstehen. 'Ansonsten wäre ich um die Uhrzeit doch noch gar nicht zuhause' oder 'ansonsten würde ich im Garten werken, an meinem Motorrad basteln, am Computer sitzen'.
Weiters finden sie es schade, dass die Frau sich nicht einfach daneben setzen kann und mitfiebern kann. Auch würden sich Männer freuen, wenn Freunde eingeladen werden, gegrillt würde und gemeinsam das Event gesehen werden würde.
Männer erzählen, dass sie von Kindheit an selbst Fußball gespielt haben, viele auch in Vereinen, manche hatten auf eine Fußballkarriere gehofft und mussten dann wegen einer Verletzung oder weil sie nicht so stark waren, aufhören. Sie empfinden sich oft als 'Fachmänner' für den Sport, können also mitreden und mitempfinden.
Wie Paare also die WM überleben? Einerseits kann die Frau endlich einmal das machen was sie immer schon machen wollte und hat vielleicht genug Freundinnen, die in der selben Situation sind. Ob Fortgehen, Kino , Museum, Theater besuchen…
Mit Kindern in den Prater, am Spielplatz, ins Schwimmbad … Vielleicht macht sie sich auch bewusst, dass auch sie Hobbys hat und das ganze Jahr diesem Hobby nachgeht. Die Frau des einen Pärchens hat erzählt, dass sie einmal im Monat ihre alten Schulfreundinnen trifft, einmal im Monat ihre Koleginnen, dass sie einmal im Jahr ein verlängertes Wochenende einen Wellnessurlaub mit Freundinnen macht, und dass sie mindestens zweimal die Woche Sport macht. Natürlich kam das Argument, dass auch er ja andere Hobbys außer Fußball hat.
Weiters können Kompromisse gefunden werden: an einem Abend wo kein aufregendes Spiel stattfindet oder an den einzelnen spielfreien Tagen kann intensive Zeit miteinander verbracht werden. Wie wäre es anschließend mit einem Urlaub, wo man wieder intensive Zeit miteinander verbringt? Aber all das nützt nichts, wenn entweder die Beziehung nicht mehr in Ordnung ist oder wenn die Frau auf alles eifersüchtig ist. Dann wird die WM als Anlass zum Streiten genommen.
In einer gut funktionierenden Beziehung stellt die Frau die Liebe ihres Mannes nicht in Frage, nur weil er sich ab 18 Uhr aufs Match konzentriert. In einer gut funktionierenden Beziehung geben sich beide Partner bei vielen kleinen Gelegenheiten unter der Woche die Aufmerksamkeit die sie brauchen, so dass es auf diese Zeit nicht ankommt.

Wenn sich ein Paar liebt, dann respektieren sie auch die Hobbys des jeweils anderen und gönnen ihm/ihr die Zeit. Dann wird die Frau ihm etwas vorbereiten und sein Bier bringen, wenn es leer ist, (Klischee) und auf der anderen Seite wird er ihr vorschlagen, wenn zwei Mannschaften spielen, die ihn nicht interessieren, dass er gerne mit ihr etwas unternimmt. Beziehung heißt miteinander reden, Wünsche aussprechen, Verhandeln … Beziehung heißt Kompromisse und die WM ist eigentlich das geringste Problem. Solche Anlässe stellen eh schon problematische beziehungen auf die Probe."

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