Donnerstag, 28. Oktober 2010 Transflair: Zimmer der Vergangenheit

Literatur bietet vielschichtige Möglichkeiten, in die Tiefen der Zeiten und der Psychen zu führen, vielfältige Verfahrensweisen, private und gesellschaftliche Räume zu schildern und damit nahe zu bringen. Aus einer Familiengeschichte oder aus einer Kriminalerzählung vermag die Sprachkunst ungewöhnliche Einblicke in die Provinzen des Menschen zu geben.

Dazu lesen und darüber sprechen Bora osi, der in Belgrad gelebt hat und dessen Werke dort verboten waren, und Paulus Hochgatterer, der in Wien lebende Niederösterreicher. osi, der Autor des "subversiven Klassikers" Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution, beschreibt Urszenen des osteuropäischen Daseins und vermittelt existentielle Beobachtungen; Hochgatterer zeigt mit seiner anregend aufregenden Prosa ein Psycho- und Gesellschaftspanorama mit Abgründen. Moderation: Klaus Zeyringer.

Paulus Hochgatterer
Die erzählende Prosa des ausgebildeten Mediziners, Kinder- und Jugendpsychiaters nimmt häufig Anleihen aus dem Berufsfeld, in welchem er mit Lebens- und Leidensgeschichten konfrontiert ist. "Ich lerne ständig, wie Menschen mit Lebensumständen zurecht kommen, die unglaublich sind. Und wie sie trotzdem ein halbwegs anständiges und funktionierendes Leben führen." In seiner schriftstellerischen Arbeit spielen die Psychogramme verletzter Seelen, lädierte und ausgegrenzte Individuen eine zentrale Rolle. Es ist der Blick des Psychiaters auf die ganz gewöhnlichen und ganz normal grausamen Existenzbedingungen. Im 2006 erschienenen Roman Die Süße des Lebens führt Hochgatterer Rache als Motiv zur Schmerzbewältigung ein und erzählt im Folgetitel Das Matratzenhaus (2010) die Geschichte unter Beibehaltung der wichtigen Protagonisten weiter. Auch mit ätzendem Sarkasmus der ärztlichen Kunst gegenüber, die oft am Leid ihrer Klientel versagt, spart der Autor nicht.

"Besitzt Gott deines Erachtens einen Geh stock?" Er umkreist sie und fragt, ob Gott Unterhemden trage oder eine Lesebrille, ob er vegetarisch esse, Pfeife rauche und eher ein Auto oder ein Motorradtyp sei. "Motorrad", sagt sie, "und er hat Probleme mit seiner Lendenwirbelsäule." Er hält inne, und bevor er einhaken kann, sagt sie, dass bei Gottes letzter Gesundenuntersuchung der Prostatabefund nicht ganz in Ordnung gewesen sei, und außer dem sei sein Psychiater total unzufrieden mit der Zuverlässigkeit seiner Medikamentenein nahme.
(Aus: Das Matratzenhaus, Deuticke 2010)

Bora osi
Bora osi, geboren 1932 in Zagreb, lebt seit 1992 in Rovinj/Istrien und Berlin. Studium der Philosophie in Belgrad, Übersetzer von Chlebnikow und Majakowski ins Serbokroatische. Sein Werk zeigt Einflüsse der Psychoanalyse. osi galt als Vertreter der Belgrader Avantgarde. Zahlreiche Preise, u. a. Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2002. Wichtigste Buchpublikationen in deutscher Übersetzung: „Wie unsere Klaviere repariert wurden“ (1968), „Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“ (1994), „Die Zollerklärung“ (2001), „Das Land Null“ (2004), „Die Reise nach Alaska „(2007). „Irenas Zimmer“ (Gedichte, 2005).
„Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“ erschien 1994 in deutschsprachiger Übersetzung und erzählt aus der scheinbar naiven Perspektive eines Kindes, bedient sich der "Montage vorgefundenen Materials" (Karl-Markus Gauß) und ist ein satirisch-polemisches Meisterwerk.

Man bat uns zu horchen, was die Feinde in der Nachbarschaft trieben, doch das lehnten wir aus der uns angeborenen Dummheit ab und erlaubten somit, dass diese staatsfeindlichen Tätigkeiten bis an die Grenze des Erträglichen fortgesetzt wurden. (...) Genosse Jovo Sikira hat uns so schön erklärt, dass wir nicht gesehen hatten, was wir gesehen hatten, doch wir sträubten uns dagegen, und das führte zu uner wünschten Konsequenzen. Wir konnten nie begreifen, dass manches sich nicht ereignet hatte, weil es nicht vorgesehen war, und schuld daran war allein unsere alte Angewohnheit, alles zu sehen.

Klaus Zeyringer
Lebt in Angers (F) und in Wien, Professor an der Université Catholique de l’Ouest, Kritiker für Standard, Volltext, Literatur und Kritik. Zudem Experte für Fußball und Karl Valentin; Bücher, zuletzt: Österreichische Literatur seit 1945 (2001); erweiterte Neuauflage 2008 (Studienverlag); Ehrenrunden im Salon. Kultur - Literatur - Betrieb. Essay (2007).

Wann: 11.10.2010 ganztags Wo: ULNÖ, Krems an der Donau auf Karte anzeigen

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