19.11.2017, 17:55 Uhr

Europäische Literaturtage in der Wachau

Spitz: Schloss Spitz | Krems, Spitz - Zum achten Mal fanden die Europäischen Literaturtage in der Wachau statt. Interessierte Leser kamen um neue Autoren kennenzulernen oder ihren Lieblingsautor hautnah zu erleben. Hautnah ist es möglich, weil es eine kleine und überschaubare Veranstaltung geblieben ist. Einzig zur Eröffnung in der Steiner Minoritenkirche kamen mehr Besucher und füllten das Kirchenschiff um einem Interview zwischen Robert Menasse und Philipp Blom zu lauschen. Im neuen Buch stellt Blom die These auf, dass ein Klimawandel auch grundlegende Veränderungen der Gesellschaft bringt. So war es bei der kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert und so könnte es auch jetzt bei unserer Erderwärmung werden.
Überschaubarer waren dann die Veranstaltungen im Schloss in Spitz, die in den folgenden drei Tagen stattfanden. Jeder Besucher hatte die Chance bei einer Tasse Kaffee mit dem jeweils Vortragenden nachher auch zu sprechen.
Wie bei einem Schulstundenplan fanden die Lesungen und Gespräche statt. Jeweils zwei Dichter diskutierten mit einem Moderator. Zwei Durchgänge am Vormittag und zwei am Nachmittag.
• Elisabeth Asbrik aus Schweden sprach über ihr Buch „1947“, bei dem es um einen Wiener geht, der im Zweiten Weltkrieg nach Schweden ausgewandert (geflohen) ist. Ihr gegenüber der Russe
• Sergej Lebedew. Das Thema der beiden war „Als unsere Gegenwart begann“. Lebedew sprach über sein Buch „Menschen im August“ und einem aufgelassenen Arbeitslager im Norden Russlands. Selbstkritisch stellte er fest, dass jeder zweite Europäer negative Erfahrungen mit Russland gemacht hatte und daher Angst vor Russland habe. Sehr weise Sätze wurden von den beiden gesprochen:
- Wenn Toleranz Intoleranz akzeptiert geht die Toleranz unter.
- Demokratie besteht nur, wenn sie ALLE Meinungen erlaubt.
- Gesetze regeln, wann Worte kriminell werden. Die Grenzen der gesetzlichen Regelung sind in Ländern unterschiedlich.
- Gesetze sind kein Schutz gegen Kriminalität. Wir haben weiter Diebe und Mörder. Verbote helfen nicht. Aufklärung – die schon in der Schule beginnen muss - ist notwendig.
Im zweiten Modul standen sich die in Frankreich lebende deutsche Autorin Gila Lustiger und der Franzose Karim Miske mit afrikanischen Wurzeln gegenüber (im wahrsten Sinne des Wortes GEGENÜBER). Sie sprachen weniger über Literatur. Sie beschäftigten sich mit ihren Eindrücken der Anschläge in Paris und dem Problem Frankreichs mit Migranten, die in Vororten von Paris zerstören und Bibliotheken anzünden, obwohl sie französisch sprechen. Die Sprache ist also kein Integrationsfaktor. Dieser Teil wurde in französischer Sprache abgewickelt und von Dolmetschern ins Englische übersetzt. Als Deutschsprachiger musste man im Kopf weiter in die eigene Muttersprache transferieren. Literatur und Sprache gehören eng zusammen. Bei Übersetzungen geht viel verloren. Die Tiefe der Aussagen wurde seichter.
Am Nachmittag dann ein Abschnitt mit zwei abenteuerlustigen Dichtern:
• Ales Steger aus Slowenien, der in seinem Buch „Logbuch der Gegenwart“ kritische Punkte auf dieser Erde besucht und seine Eindrücke dokumentiert.
• Der Pole Andrzej Stasiuk liebt – wie er selbst sagte – Lesen und Autofahren. So ist er von Polen quer durch Russland in die Mongolei gefahren. Er mag Menschen nicht und liebt die Einsamkeit, weshalb er sich in diese wenig kultivierten Landschaften zurückzieht. Darauf nimmt auch sein Buch „East“ Bezug.
Viel Diskussion löste im Publikum das Statement aus, dass Polen zwischen deutscher und russischer Macht eingeklemmt ist.
Im letzten Modul wurden dem Publikum zwei moderne junge Dichter vorgestellt:
• Der Tscheche Jaroslaw Rudis, der mit seinem verfilmten Roman „Grandhotel“ berühmt wurde. Für sein neues Buch hatte er mit Punks in Prag gelebt und sich auch deren Sprache bedient. Er führt den Leser in eine Welt, die die meisten nicht kennen. Auch stilistisch.
• Leif Randt ist ein depressiv schreibender deutscher Dichter. Er schreibt sehr kritisch über die heutige technologische Wohlstandsgesellschaft.
Am Abend wurde nicht nur die südafrikanische Schriftstellerin Deborah Levy vorgestellt, sondern die kritische Türkin Elif Shafak bekam den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels. Es ist das erste Mal, dass ein Nicht-Österreicher diesen Preis bekommt und es ist das erste Mal, dass es kein Mann ist sondern eine Frau. Dass es eine hübsche Frau ist war für alle Besucher ersichtlich, wie dies aber in den Festreden von den zwei Männern (Wirtschaftskammer und Verband des Buchhandels) abgehandelt wurde war machoistisch und unangebracht. Sie sind eben noch nicht erfahren damit auch Frauen zu ehren. Aber es war mutig von den österreichischen Institutionen diese Frau zu ehren. Sie ist nicht Systemkonform mit der derzeitigen türkischen Regierung und hat es daher nicht immer leicht. Sie bleibt aber sachlich und kritisch. Sie sagte von sich selbst „Als Schriftstellerin in der Türkei wird man auf einer Wange geschlagen und auf der anderen geküsst“.
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