Emotionen leben

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Thomas Bergner – mit dem dritten Bildungsweg zum Pfarrer

Thomas Bergner ist seit einem Jahr der Stadtpfarrer von Kufstein. Kommt aus Bad Gastein und kann sagen, dass ihm eine eigene Messe für seine Primizfeier von einer Freundin komponiert wurde. Er besuchte in seiner Studienzeit viele Generalproben u.a. unter Nikolaus Harnoncourt in Salzburg – Musik ist wichtig für ihn.

ART: Vorab eine Frage, die mich schon lange beschäftigt. Darf man einen Pfarrer alles fragen?
ANTWORT: Ja natürlich.
ART: Der Beruf des Pfarrers ist dein dritter Bildungsweg?
ANTWORT: Ja. Verkäufer, Krankenpfleger und dann Pfarrer. Gekellnert habe ich dann noch nebenbei.
ART: In einem Tagescafe?
ANTWORT: (grinst) Nein, nein. In einer Disco. Mit allem, was du dir vorstellen kannst.
ART: Dann darf ich auch fragen, ob du schon öfter verliebt gewesen bist?
ANTWORT: Das war ich. Ich habe auch in einer Beziehung gelebt.
ART: War die Kirche die Konsequenz daraus?
ANTWORT: Nein. Es war keine Flucht in die Kirche.
ART: Welche Musik hast du in dieser Zeit als Jugendlicher, junger Mensch, gehört?
ANTWORT: Rock natürlich! Und dann noch der Jazz. Vor allem als Kooprator in Saalfelden.
ART: Aber ein Instrument hast du nicht auch noch gespielt?
ANTWORT: Doch Trompete.
ART: Bist du auch bei der Bürgermusik gewesen?
ANTWORT: (lacht) Nein! Ich habe nicht lange gespielt. Das Notenlernen hat mich leider nie begeistert.
Schade. Denn im Studium hätte ich es schon sehr brauchen können.
ART: Gab es andere Vereine bzw. bist du ein Vereinsmensch?
ANTWORT: Bei der Freiwilligen Feuerwehr war ich eigentlich immer. Und 25 Jahre bin ich auch als Nikolaus gegangen. Als Kind davon geschädigt und dann selbst als Nikolaus gegangen.
ART: Was hörst du dann als Privatmensch für eine Musik?
ANTWORT: Sehr viel Klassik, aber auch Blasmusik.
ART: Ehrlich?
ANTWORT: Ja. Fasziniert mich wirklich.
ART: Sinfonische Blasmusik?
ANTWORT: Auch – von der Gehobenen bis hin zu der ganz Urigen. Jedoch hat sich das Musik hören erst später bei mir entwickelt. Auch die Klassik. Ich habe gemerkt, dass es mich beruhigt und dann hört man sich es auch gerne an.
ART: Gibt es dann auch vielleicht ein Erlebnis mit Musik, an das du heute immer noch denkst?
ANTWORT: Ja, leider im Bezug mit dem Tod meiner Mutter. Sie ist vor 5 Jahren bei einem Verkehrsunfall verunglückt. Und da haben sie damals in der Messe beim Priesterseminar, einen Teil vom Mozart Requiem gespielt – wunderschön. Eine Sopranistin war auch dabei und das war für mich damals einfach eine Möglichkeit für einen Abschluss. Einen Punkt zu setzen, dass es hilft. Aus dem Grund fahre ich auch heute noch zu Aufführungen.
ART: Wann hast du heute die Zeit zum Musik hören?
ANTWORT: Immer abends. Wenn ich die Predigt vorbereite oder die Texte vom Sonntag anschaue. Oder wenn ich ein Buch lese. Untertags mit einem MP3-Player geht nicht, da hab ich immer das Gefühl ich versäume etwas, z.B. das Telefon (lacht).
ART: Lässt sich Musik mit der Kirche vereinbaren?
ANTWORT: Sehr gut! Augustus sagte ja schon, wer singt, der betet doppelt. Wenn heute die Bläser spielen oder der Kirchenchor singt, kann man derweil sehr viel ummünzen für die Predigt. Komponisten haben ja auch immer Emotionen niedergeschrieben. Ich lese sehr viel über Komponisten und wenn dann steht, er war Agnostiker oder was anderes, fällt es mir schwer, dies zu glauben. Die großen Werke von alten, namhaften Komponisten, wie Mozart, können nur im Glauben an etwas entstanden sein. Wie soll das Mozart-Requiem sonst entstanden sein?
ART: Blasmusik und Kirche?
ANTWORT: Spontan gesagt laut und leise – sehr aussagekräftig! Einfach wieder Emotionen. Wir werden beim Sprechen ja auch lauter und leiser. Die Musik ist wie die Gefühlsschwankungen im Leben. Für mich ist es wichtig, die ganz leisen Töne genauso zu hören, wie die lauten. Dass einen mal so richtig reißt, dies ist für mich, wie die Beziehung zu Gott.
ART: Kann man sagen, Musik inspiriert dich bei
der Messe?
ANTWORT: Ja sehr! Ich verarbeite die Musik spontan, auch in der Predigt. Weiteres ist es sehr beruhigend. Da kannst du noch so nervös sein. Du gehst aus der Sakristei in die Kirche. Die Musik ist da und du weißt, sie setzen ein. Ich brauch das! Es kehrt dann bei mir innerlich Ruhe ein. Ich darf dann auch einer von vielen sein, die das hören dürfen und fühle mich auch nicht abgehoben dadurch.
ART: Du bist ein Pfarrer, der präsent ist. Viele kennen und schätzen dich. Du bist integriert in den Alltag. Ist das normal für dich?
ANTWORT: Das ergibt sich ganz von selbst. Ich kann mich ja als Pfarrer nicht in der Kirche verstecken und warten bis jemand zu mir kommt. Ich sehe den Auftrag der Seelsorge darin, auf den Menschen zuzugehen und zuhören zu können.
ART: Wie reagieren die Menschen auf dich?
ANTWORT: Sehr viele freuen sich darüber auf mich zu treffen und man glaubt gar nicht, wieviel Seelsorge auf der Straße passiert. Oft brauche ich vom Pfarramt bis zu den Kufstein Galerien eineinhalb Stunden. Mich reden einfach viele auf der Straße an. Der Pfarrhof ist oft eine Hemmschwelle. Da kommen viele nur, wenn sie sich zu Taufen, Hochzeiten etc. anmelden. Das versuche ich zu ändern. Es ist jeder herzlich willkommen und die Tür ist offen. Nicht alle werden kommen, die muss man auch lassen. Denn Bekehren bringt da gar nichts. Für die anderen bin ich da.
ART: Gibt es Momente wo du einsam bist?
ANTWORT: Ja, die gibt es. Eine halbe Stunde am Tag ist das Handy ausgeschaltet. Da sitz ich dann alleine in der Kirche oder im Festungsneuhof. Ich geh auch gerne über die Burg drüber. Das braucht der Mensch. Da will ich dann meine Ruhe haben.
ART: Retour zur Stadtmusikkapelle. Ist es dir wichtig, als Pfarrer, mit dem Kapellmeister zu kommunizieren?
ANTWORT: Natürlich. Ganz wesentlich sogar. Es geht nicht nur um die ganzen Hochfeste, wie Weihnachten oder auch die Erstkommunion, den Jahreskreis, sondern auch darum, was dazwischen passiert. Dass die Musik präsent ist. Es wird ja auch die Wertigkeit der Liturgie sehr aufgewertet durch die Musik. Und da meine ich nicht immer nur die Orgel. Letztens spielte ein Bläserquartett. Da bekomme ich Gänsehaut und die Kirchgänger sind im Anschluss beim Gespräch vor der Kirche viel offener – ganz anders.
ART: Du stehst nach der Messe viel mit den Menschen am Pfarrhof. Ist das wichtig?
ANTWORT: Unbedingt. Die, wir, sollen ja miteinander reden. Einfach ratschen über dieses und jenes.
ART: Hast du einen Wunsch an den Verein, an uns?
ANTWORT: Dass vielleicht mehr verschiedene, kleinere Gruppen eine Messgestaltung übernehmen. Auch die Musikschule. Ich will, gerade am Sonntagabend, mehr Abwechslung in die Messgestaltung bekommen. Da kommen auch ganz viele Leute von den umliegenden Orten. Es gibt nicht mehr überall Sonntagabend-Messen.
ART: Wie siehst du die Kirche heute?
ANTWORT: Die Zeit des Abgehobensein ist vorbei. Auch in der Kirche. Offen, angreifbar muss sie sein.
ART: Du sagtest, nach dem ersten Hochamt in Kufstein bist du so begeistert gewesen, von der musikalischen Umsetzung, Gestaltung der Messe. Warum?
ANTWORT: Weil es etwas ganz besonderes war! Es hat auch in Saalfelden einen Chor und musikalische Umrahmung gegeben. Die waren mir aber in einer Messe nie so nahe. Dort war das „Carum factum est“ nicht dasselbe wie hier. Sie haben sich bemüht. Aber es war nicht zu vergleichen. In Kufstein ist das etwas anderes.
ART: Also Bemühen, Engagement und Emotionen sind wichtig?
ANTWORT: Nimm den Thomas, den Kapellmeister. Der ist beim Hausbauen. Dann gestaltet er, wie nebenbei, zu den ganzen Musikschule-, Stadtmusikterminen und dem Privatleben noch die Bergmesse am Pendling. Singt mit der einen, spielt mit den anderen Gruppe, im Anschluss Tanzlmusik. Der ist doch sicher auch müde. Jeder muss froh sein, wenn es so engagierte Menschen gibt, auf die man sich verlassen kann. Und da gibt es viele davon.
ART: Wir haben dich am Vorabend vom 1. Mai besuchen dürfen. Wie war das für dich?
ANTWORT: (grinst) Da steht auf einmal eine Musik da und die spielen für dich. Das war super, was will ich mehr. Dann sagt ein älterer Musikant, dass er schon ewig dabei ist, aber noch nie vom Pfarrer als Musikant in den Pfarr-hof eingeladen wurde. Das gibt mir schon zu denken.
ART: Der Abschluss muss natürlich die Frage sein: Sehen wir uns beim Konzert?
ANTWORT: Ja natürlich! Das ist ein Fixpunkt für mich. Da seids ihr präsent. Außerdem kann ich jetzt nach einem Jahr sagen, ich habe neue Freunde gewonnen. Menschen mit denen ich gut kann. Ich komm gerne.
Interview: Andrea Scheiflinger

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