16 Experten diskutierten
Unterguggenberger Institut startete in Wörgl Fachtagung „sozial & digital“

Fishbowl-Diskussion bei der Tagung sozial & digital – von links Eva Lichtenberger, Jutta Seethaler, Moderator Heinz Hafner und Dr. Marcus Dapp.
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  • Fishbowl-Diskussion bei der Tagung sozial & digital – von links Eva Lichtenberger, Jutta Seethaler, Moderator Heinz Hafner und Dr. Marcus Dapp.
  • Foto: Veronika Spielbichler
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WÖRGL (vsg). Unsere Gesellschaft und Wirtschaft befindet sich in einem rasanten Umbruch. Welche Rolle dabei die Digitalisierung und neue technologische Werkzeuge wie Kryptowährungen spielen – dieser Frage ging das Unterguggenberger Institut Wörgl vor kurzem nach. Unter dem Motto „sozial & digital“ lud das Institut vom 28. bis 30. September zur Fachtagung rund um die Umsetzung von Sozialprojekten im digitalen Wandel ins Tagungshaus Wörgl.
Ziel der vom IT-Spezialisten Heinz J. Hafner ergebnisorientiert moderierten Tagung war eine Bestandsaufnahme bestehender Komplementärwährungen ebenso wie ein Ausblick auf Einsatzmöglichkeiten neuer digitaler Technologien mit der zentralen Frage, was „alte Hasen“ und „junge Wilde“ voneinander lernen können. 16 Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus den Bereichen Regionalwährung, Tauschsysteme, universitäre Forschung sowie Praktiker im Blockchain- und Kryptowährungsbereich trafen auf IT-Spezialisten und Unternehmensgründer, um auszuloten, auf welcher Basis eine aktive und nachhaltige Gestaltung der Zukunft mit neuer dezentraler Digital-Technologie passieren kann und was es dazu braucht.

Zweitwährungen heute – wo drückt der Schuh?

Dass beim Geldsystem der Hebel für Veränderungen liegt, bewies Wörgls Bürgermeister Michael Unterguggenberger bereits während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre mit seinem heute noch weltweit beachteten Freigeldexperiment. Wörgl diente bis heute vielen Zweitwährungs-Initiativen als Vorbild, so auch bei der Gründung der heute erfolgreichsten Regionalwährung im deutschsprachigen Raum, dem "Chiemgauer" in Bayern, die Chiemgauer-Vorstand Stefan Schütz vorstellte. 3.765 Verbraucher machen derzeit mit, lukrieren mit der eurogedeckten Komplementärwährung einen Jahresumsatz von 7,8 Millionen Euro in den beiden Landkreisen Traunstein und Rosenheim. Mit der Verwendung des Regiogeldes, das in Form von Gutscheinen ebenso wie digital umläuft, werden drei Prozent der eingewechselten Summe als Spendengeld für soziale Zwecke geschaffen – bisher im Wert von fast 650.000 Euro.
Erfahrungen aus österreichischen Komplementärwährungs-Initiativen wie Waldviertler und Tauschkreisverbund brachte Rudo Grandits aus dem Südburgenland ein und zieht seine Schlüsse daraus: "Ziele und Wertebasis sollen ganz am Anfang geklärt werden – das ist wichtig in Konfliktsituationen.“ In der Praxis tut sich das Spannungsfeld Ehrenamt und bezahltes Personal auf. "Das Ehrenamt erschöpft sich – wichtig sind nachhaltige Strukturen“, so Grandits, der sich als Praktiker in der Gründung einer Energiegenossenschaft auf Blockchain-Basis ebenso engagiert wie in der Regionalentwicklung.
Während Zweitwährungen in Krisenregionen auch heute boomen, tun sich Initiativen in Wohlstands-Regionen schwer – hier treibt nicht der Mangel, sondern das Bewusstsein für den nötigen Wandel Menschen zum Mitmachen und damit zur Veränderung unseres Wirtschaftssystems. Blockchain-Lösungen können da technische Vereinfachungen bei der Systemverwaltung bringen.

In der Krise den Hebel beim Geldsystem ansetzen

„Die letzte Wirtschaftskrise ist noch nicht ausgestanden, wir sind mittendrin. Wir erleben den überbewertetsten Markt aller Zeiten“, stellt DI Florian Kössler, Investment-Analyst bei Catena Capital fest und will den Hebel beim Geldsystem ansetzen, um das Wirtschafts- und Finanzdenken zu ändern. „Das Finanzsystem verursacht Probleme“, diagnostiziert auch Dr. Marcus Dapp, Dozent der ETH Zürich. Er forscht an der Schnittstelle zwischen Sozialem und Digitalem und befasst sich mit der Schaffung eines neuen, nachhaltigen, dezentralen Geldmodelles für die Schweiz unter Verwendung digitaler Technologie. Mit Cloud Computing, Internet of Things Blockchain & ICO Strategy befasst sich Dr. Stefan Nastic, Advisor der Reinvent Group, einem Spin-Off der TU Wien und weiß, dass die Umsetzung der Blockchain-Technologie im Rahmen von ICO´s oder bei dem Einsatz von Kryptowährungen „kein Kinderspiel sind“. Langsam wachse das Verständnis für neue Technologien, die das Potenzial zur Weltveränderung in sich tragen.
Von Datenkühen, digitalen Nomaden und neuer Netzwerk-Kultur
Die in Form der Kryptowährungen – mehr als 2.000 gibt es derzeit - das Geldsystem und auch das politische Machtgefüge bereits verändert haben. „Das Bitcoin-Ökosystem ist dezentral. Kryptowährungen agieren global, sind regionalen Kontrollmechanismen entzogen“, zeigte Kössler auf. „Es sind kraftvolle Werkzeuge, die aber nicht immer sinnvoll verwendet werden“, ist Berni Mayer überzeugt, der seine Masterarbeit über Blockchain und Energiewirtschaft verfasst hat und sich mit token-basierter Wirtschaft beschäftigt. „Doch noch hat die Blockchain nicht bewiesen, dass sie als Geld funktioniert, Kryptowährungen werden noch als Anlagegeld in der herkömmlichen Denke gesehen“, so Dapp.
„Es fehlt die Weitsicht, wozu diese Technologien in der Lage sind. Wir wollen Transparenz. Aber was heißt das für unser privates, persönliches Leben, wenn alles transparent wird?“ warf Simon Günther, Wirtschaftsinformatiker, Analyst und Blockchain-Enthusiast ein. Wohin kann die Reise mit der neuen Technologie gehen? Da stehen zwei Szenarien am Horizont: Die digitale Diktatur mit alles umfassender Kontrolle oder eine Welt, in der alle gleichgestellt sind und der Kultur der Angst eine Kultur des Vertrauens entgegensetzen.
„Das heutige System ist in der Endphase“, wurde einhellig festgestellt. „Die Frage ist, ob nun der Reset-Knopf gedrückt oder neue Formen kreiert werden“, meint Kössler. „Technogienen bringen unsichtbare Macht mit sich und generieren oftmals undemokratische Entscheidungsfunktionen“, erklärt die Ex-EU-Parlamentarierin Eva Lichtenberger, die im Think Tank Robotik & IT mitwirkt. Sie sieht auch im Hinblick auf die Bewertung von derzeit nicht bezahlten, vor allem von Frauen erbrachten Leistungen für die Grundversorgung Handlungsbedarf, zumal 80 Prozent der technischen Entscheidungen von Männern getroffen werden. Es gelte, neue demokratische Kontrollmechanismen zu entwickeln – nicht zuletzt um auch zu verhindern, dass beim Ausbau künstlicher Intelligenz der Mensch nicht zum Opfer des Systems wird.

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