Interview
Wie eine Wörglerin in Afrika zur Heldin wurde

Elisabeth Cerwenka aus Wörgl setzt sich seit vielen Jahren für Menschen in Ntronang in Ghana ein – dies mit großem Erfolg. Sie konnte dort bereits eine Schule und eine Krankenstation verwirklichen.
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  • Elisabeth Cerwenka aus Wörgl setzt sich seit vielen Jahren für Menschen in Ntronang in Ghana ein – dies mit großem Erfolg. Sie konnte dort bereits eine Schule und eine Krankenstation verwirklichen.
  • Foto: Sebastian Noggler
  • hochgeladen von Barbara Fluckinger

Die BEZIRKSBLÄTTER sprachen mit der Wörglerin Elisabeth Cerwenka, die sich seit vielen Jahren mit ihrem Hilfsprojekt „Grenzenlos helfen“ für Menschen in Ghana einsetzt. 

KUFSTEIN/WÖRGL (bfl). Die Wörglerin Elisabeth Cerwenka war als Beamtin in der Polizei-Direktion Innsbruck im Einsatz und dreißig Jahre bei Sandoz beschäftigt. Seit Ende 2006 ist sie im Ruhestand und arbeitet nun mit vollem Einsatz an ihrem Hilfsprojekt „Grenzenlos helfen“ in Afrika. Sie sammelt mit verschiedenen Spendenprojekten Geld für Menschen in der Provinz Ntronang in Ghana und baute dort unter anderem bereits eine Schule und eine Krankenstation. Im Interview mit den BEZIRKSBLÄTTERN erzählt sie von den Anfängen des Hilfsprojektes, warum sie den Menschen in Ntronang helfen will und wie es um die Situation von Frauen in der Provinz in Ghana bestimmt ist. 

BEZIRKSBLÄTTER: Wie kam es zu deinem Hilfsprojekt „Grenzenlos helfen“?
Elisabeth Cerwenka:
Ich habe im Jahr 2004 mit einer kleinen Gruppe aus Wien privat eine dreieinhalbwöchige Rundreise in Ghana gemacht. Angeboten wurde die Reise von Professor Gottfried Simmel, bei dem ich einige Ausbildungen in Wien gemacht habe. So bin ich das erste Mal grundsätzlich nach Ghana gekommen. Unsere Ankunft war nicht toll, denn wir sind am ersten Tag in unserem Gästehaus in Accra überfallen und ausgeraubt worden. Am 17. Tag dieser Rundreise sind wir in diese Missionsstation "Ntronang" gekommen.

BB: Was hat dich dazu bewogen den Menschen dort zu helfen? Gab es ein einschlägiges Erlebnis?
Cerwenka: Der Aufenthalt in Ntronang hat mit einem Jugendgottesdienst begonnen und nach einer halben Stunde habe ich gewusst, da muss ich wieder hin. Das war der Anfang und meine Entscheidung. Das Jahr darauf bin ich dann schon das erste Mal los gestartet. Zu dem Zeitpunkt hatte ich überhaupt noch keine Idee, dass ich da mal ein Projekt machen werde. Ich habe die Armut und das Elend ganz schnell gesehen und habe für mich entschieden und innerlich gespürt, ich muss wieder hin. Im Jahr darauf bin ich nach Weihnachten mit ein paar tausend Euro hinunter geflogen, um Christkind zu spielen. Wir haben dann damals eine Weihnachts-Party für über 300 Kinder gestartet. Dann habe ich mit dem Geld, das ich noch hatte, gebatikte Stoffe für an die 300 Kinder gekauft und Bekleidung von Schneidern anfertigen lassen. Dann gab es noch einen Ausflug für die Kinder. Wenn hier die Erinnerungen kommen – ich bin irrsinnig dankbar nach wie vor.

BB: Wie genau hilfst du den Menschen dort heute?
Cerwenka: Ich habe dann im zweiten Jahr die Entscheidung getroffen, dass es wichtig ist, mich dort mehr zu engagieren. Damals wusste ich noch nicht, dass ich einmal eine Schule und eine Krankenstation bauen werde. Ich bin in das hineingewachsen. Ich bin jetzt jedes Jahr drei- bis viermal unten. 
Mein Ansatz war und ist, etwas mit den Menschen vor Ort zu tun. Es ist mir ganz wichtig, die Menschen einzubinden und mit ihnen zu reden und möglichst etwas zu tun, dass die ganze Bevölkerung Nutznießer ist und davon etwas hat. Es war nicht meine Idee Einzelprojekte zu verfolgen, sondern zum Beispiel Schuluniformen aufzutreiben, damit die Kinder in die Schule gehen können oder eben diese Schule zu bauen. Das mit den Einzelprojekten, das hat sich einfach in den letzten Jahren entwickelt, weil es manche Situationen gegeben hat, die es wirklich notwendig machen. Aber sonst ist es nach wie vor meins etwas tun, damit möglichst viele Menschen im Ort etwas davon haben.

BB: Wo liegen für dich Herausforderungen und Schwierigkeiten in deiner Arbeit für das Hilfsprojekt?
Cerwenka:
In der Arbeit hier ist die Hauptschwierigkeit das Geld aufzutreiben – das ist das Hauptthema. Ich bin kein Verein, das macht das Ganze einerseits schon viel schwieriger. Die finanzielle Unterstützung speziell durch Firmen ist hier schon sehr bescheiden, weil es dadurch ja nicht die Absetzmöglichkeit gibt und auch die große Bühne, die viele Firmen – auch zu recht – wollen, kann ich nicht bieten. Es gibt viele private Leute, die das Projekt immer wieder unterstützen. Aber natürlich muss ich ständig dran bleiben und schauen.
Die Hauptschwierigkeit in Ghana ist die Sprache, denn es spricht fast niemand Englisch. Dazu kommt, dass der Großteil der Frauen überhaupt Analphabeten sind. Jetzt habe ich Gott sei Dank Samuel, der Einheimischer ist und gut Englisch spricht. Er ist meine wichtigste Kontaktperson. Es ist wichtig, sich mit den Leuten gemeinsam zusammenzusetzen und zu schauen, was steht an und dann auch die Prioritäten zu setzen. Denn anstehen, tut unendlich vieles. 

BB: Was waren für dich die größten Erfolge, die du in deiner Arbeit erzielen konntest?
Cerwenka:
Natürlich der Bau der Schule, weil das so vielen Menschen zugute kommt. Die Krankenstation steht jetzt natürlich noch einmal höher, weil es noch mehr Menschen zugute kommt. Und dann gibt es natürlich schon die kleineren, aber genau so wichtigen Erfolge, wie dass Kinder Schulausbildungen bekommen oder der Fall der kleinen Mary. 

BB: Wie ist die Situation von Frauen in Ntronang?
Cerwenka:
Zuerst muss ich sagen, dass sich meine Erfahrungen wirklich nur auf Ntronang und umliegende Buschdörfer beziehen. Die Frau ist, soweit ich es erfahren habe, natürlich zuständig für die Kindererziehung, den ganzen Haushalt und für das Leben da zusein. Die Frauen haben sicher nicht die Möglichkeiten, wie die Männer. Ich glaube, dass sicher viel mehr Frauen nicht in die Schule gehen konnten, wie Männer. Es ist für beide schwer, aber wenn, dann ist es eher so dass ein Mann eine höhere Schule besuchen oder einen Beruf lernen darf. Da ist die Frau natürlich benachteiligt – natürlich auch auf Grund der vielen Kinder, das ist schon eine Tatsache. Wenn zum Beispiel ein Mann stirbt, gibt es ganz viele Traditionen, bei welchen die Witwe fast dafür bestraft wird. 

BB: Gab es auch für dich als Frau bei deinen Besuchen in Ghana „schwierige“ Situationen oder ähnliches, weil du eben eine Frau bist?
Cerwenka:
Nein, da gab es keine Probleme für mich, wobei ich schon überzeugt bin, dass es zusätzlich auch das ausmacht, weil ich eine Weiße bin. Die Weißen werden an und für sich schon sehr geschätzt. Im Dorf und in den Buschdörfern ist es noch einmal eine andere Situation – ich bin dort nicht mehr Besucher oder Gast. Ich gehöre dort mittlerweile dazu. Als ich die Schule übergeben habe, bin ich zur 'Queen Mother of Development' initiiert worden. 

BB: Wie sehen deine Pläne zum Hilfsprojekt für die Zukunft aus? 
Cerwenka:
Ich habe im Moment schon noch einige Einzelschicksale, bei denen es um Operationen geht, wo ich die Menschen selbst kennengelernt habe. Da habe ich fünf bis sechs Fälle, wo wir dran sind. Das nächste Ziel ist die Frauen zu stärken. Ich unterstütze sie beispielsweise mit einem Startkapital, um verschiedene Projekte oder eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Es ist mir ganz wichtig, dass Frauen eine Berufsausbildung bekommen, damit sie aus der Abhängigkeit kommen. Und dass auch das Denken anders wird. Derzeit definieren sich Frauen in Ntronang noch sehr oft über den Wert der Kinder: Je mehr Kinder sie dem Mann schenken, desto wertvoller sind sie. 

BB: Siehst du dich in deinem Wirken als eine Art Heldin?
Cerwenka: 
Ich fühle mich jetzt nicht als Heldin. Ich bin Gott sei Dank in machen Dingen im Leben auf die Butterseite gefallen. Ich denke, ich habe jetzt einfach die Möglichkeit etwas zurückzugeben und ich bin ganz dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, dass ich das annehmen konnte und auch bereit war, den Weg weiterzugehen. Man kann ganz viel als Einzelperson tun, wenn man dazu bereit ist.
Ich werde auch ganz oft konfrontiert mit anonymen Briefen, in denen gefragt wird, was das ganze soll, und ich werde auch beschimpft. Ich sollte hier etwas tun und nicht dort unten. Ich sage das aber auch ganz klar überall, wo ich eingeladen bin: Ja, es gibt bei uns Armut, das stimmt. Ich behaupte allerdings, dass der Großteil eine Chance hat auf irgendeine Art und Weise hier eine Unterstützung zu bekommen. Und dort unten gibt es das überhaupt nicht. Deswegen gehe ich diesen Weg. 

Weitere Beiträge zum Thema finden Sie hier.
Mehr über Elisabeth Cerwenka und ihr Hilfsprojekt finden Sie hier.

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Autor:

Barbara Fluckinger aus Kufstein

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