Wirtschaft
Euregio Inntal fordert Ende von "Grenzsperre" – mit Video

Die Vertreter der Euregio Inntal sowie aus der Wirtschaft auf Tiroler und bayerischer Seite sind sich einig: Die "De-facto-Grenzsperre" führt zu fatalen wirtschaftlichen Auswirkungen.
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Unternehmer und Euregio schlagen Alarm: Verschärfte Kontrollen im Grenzverkehr haben massive, negative Auswirkungen auf verflochtenes Wirtschaftsleben im Grenzraum. 

KUFSTEIN, BEZIRK KUFSTEIN, KIEFERSFELDEN (bfl). Es sind fatale Auswirkungen, denen man sich dieser Tage in der Grenzregion zwischen Tirol und Bayern gegenüber sieht. Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Restriktionen bringen Beschränkungen im Grenzverkehr mit sich, die es in sich haben, vor allem für den eng vernetzten Raum entlang der Grenze. Seit Mitte Februar gelten verschärfte Einreiseregelungen seitens Deutschlands und auch die Ausreise aus Nordtirol ist nur mit negativem Test möglich. 
Euregio-Inntal-Präsident Walter J. Mayr kam nun mit Vertretern aus der bayerischen Wirtschaft in der Wirtschaftskammer Kufstein zusammen. Gemeinsam mit dem WK-Bezirksstellenobmann Manfred Hautz forderten sie ein schnellstmögliches Ende der "De-facto-Grenzsperre". 

Euregio-Inntal-Präsident Walter J. Mayr will eine Rückkehr zum Schengen-Abkommen und somit eine Situation ohne Grenzkontrollen an den Binnengrenzen der teilnehmenden Staaten.
  • Euregio-Inntal-Präsident Walter J. Mayr will eine Rückkehr zum Schengen-Abkommen und somit eine Situation ohne Grenzkontrollen an den Binnengrenzen der teilnehmenden Staaten.
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Schwerwiegende Probleme für Grenzgänger

Mayr berichtete von mehreren Grenzgängern und der schier unüberwindbaren Problemlage, mit der sich diese derzeit konfrontiert sehen – etwa von einer Frau, die derzeit, weil der Meridian-Zug nicht über die Grenze fährt, zu Fuß mit Krücken über die Grenze "humpeln" muss, um letztendlich zu ihrer Arbeitsstätte in Kufstein zu kommen. Oder von einem Salzburger, der seine Lebenspartnerin in Bayern besuchen will und an der Grenze abgewiesen wird, weil sein negatives Testergebnis "auf dem Handy" und nicht in Papierform vorliegt. 

"Das sind Schwierigkeiten, die nicht unbedingt sein müssten",

zeigt sich Mayr überzeugt. Er spricht sich für eine schnellstmögliche Lösung rund um die Bestimmungen beim Grenzübertritt zwischen Bayern und Tirol aus.

Fatal für eng verwobene Wirtschaft

Dass es dabei nicht nur um die Kontrollen an den Grenzen geht, beweisen die Stimmen aus der Wirtschaft – sowohl diesseits als auch jenseits der Grenze. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Einschränkungen im Grenzverkehr sind massiv und ziehen sich wie ein Rattenschwanz durch unterschiedliche Branchen.
Das betont auch WK-Obmann Hautz, die Situation sei untragbar für die Region. "Von der deutschen Seite wird immer von Grenzkontrollen gesprochen, in der Praxis handelt es sich schlicht und einfach um eine Grenzschließung für uns Nordtiroler", sagt Hautz. Das schädigt die Wirtschaft enorm, denn das Verbot der beruflichen Fahrten nach Deutschland betrifft unter anderem auch Vertriebs- und Montagetätigkeiten, mobile Dienstleistungen, Servicearbeiten sowie Kundenbesuche. Die Wirtschaftskammer Tirol hat kürzlich eine Blitzumfrage mit 2.354 Unternehmen zur Grenzregelung durchgeführt, davon waren 426 aus dem Bezirk Kufstein. Laut dieser haben in diesem Zusammenhang knapp fünfzig Prozent der befragten Tiroler Firmen mit zusätzlichen Kosten zu kämpfen. 

Gütertransport in der Krise

So berichtet Georg Dettendorfer, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern, etwa über Probleme, was den Gütertransport betrifft. Einerseits hat diese Branche mit einem enormen bürokratischen Aufwand zu kämpfen. LKW-Fahrer müssen mit unterschiedlichen Formularen ausgestattet werden, Tests müssen alle 48 Stunden gemacht werden. Es herrscht wegen der Kontrollen auch eine Unkalkulierbarkeit der Transportdauer vor. Zudem entstehen hohe Mehrkosten für Kunden wegen Tests für die Fahrer oder weiten Umwegen über die Schweiz. Dettendorfer berichtet auch von Firmen in Deutschland, die ihre Produktion zum teil einstellen mussten, weil die Lieferketten (aus Italien) gerissen sind. "Aber am meisten belastet durch die Situation sind die Fahrer", betont Dettendorfer. 

"Aber am meisten belastet durch die Situation sind die Fahrer", berichtet Georg Dettendorfer, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern.
  • "Aber am meisten belastet durch die Situation sind die Fahrer", berichtet Georg Dettendorfer, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern.
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Jedes zweite Unternehmen betroffen

Grundsätzlich sind aber Unternehmen aus unterschiedlichen Sparten betroffen. Laut einer IHK-Blitzumfrage unter 1.500 Unternehmen in Bayern hat fast jedes zweite Unternehmen negative Auswirkungen durch die neuen Grenzregelungen zu Tschechien und Tirol. Dettendorfer fordert die sofortige Aufhebung der Grenzkontrollen. Wenn dies nicht möglich sei, dann eine Rückführung auf die Grenzkontrollen, wie sie vor dem 14. Februar durchgeführt wurden. Weiters fordert Dettendorfer die Freie Fahrt für den Grenz- und Güterverkehr sowie einheitliche Test- und Registrierungssysteme. "Wir müssen zurückkommen zu einem gemeinsamen Miteinander, wie vor Corona", so Dettendorfer.

Wirtschaftliche Verluste in der Baubranche

Probleme gibt es auch auf den Baustellen im Grenzbereich – davon weiß Wolfgang Engl, Geschäftsführer der Engl GmbH aus Schwoich zu berichten. Die Firma hat sich auf den Spezialtiefbau und Einsatz von Mobilkranen spezialisiert. Im Zuge der Grenzschließung kamen auf Engl und seine Firma wegen teurer Gerätschaften auf der Baustelle täglich Kostenverluste von bis zu rund 10.000 Euro zu. Seine Mitarbeiter kamen dabei trotz aller Dokumente und Unterlagen nur sporadisch über die Grenze. Für Engl stellt vor allem die Planungsunsicherheit ein Problem dar: "Wir haben das Problem, dass wir einfach nicht wissen, was passiert." Diese Unsicherheit ist Gift für die Baubranche, solange man wegen der De-Facto-Grenzschließung nicht planen kann.  

Auch auf den Baustellen im Grenzbereich brennt der Hut – davon weiß Wolfgang Engl, Geschäftsführer der Engl GmbH aus Schwoich zu berichten.
  • Auch auf den Baustellen im Grenzbereich brennt der Hut – davon weiß Wolfgang Engl, Geschäftsführer der Engl GmbH aus Schwoich zu berichten.
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Sozialer Aspekt ist ein Thema

Auch Heinz Ritzer, Geschäftsführer der Firma "Halton Foodservice GmbH" in Reit im Winkl berichtet von enormen Problemen für ihn und seine Mitarbeiter. Das derzeitige System mit den unterschiedlichen Testungen sei grenzüberschreitend nicht durchdacht, so Ritzer. Schnell einen Antigen-Test zu bekommen bzw. zu organisieren, gestaltet sich vor allem auf deutscher Seite schwer. Er wies dabei auch auf Schwierigkeiten hin, was den sozialen Aspekt angehe, denn seine Belegschaft teile sich (wegen der Grenzgänger) auf in Getestete und Nicht-Getestete. "Das ist schon eine Gesellschaft erster Klasse und eine Gesellschaft zweiter Klasse", sagt Ritzer. 

Heinz Ritzer, Geschäftsführer der Firma "Halton Foodservice GmbH" in Reit im Winkl berichtet von einer Art Zweiklassengesellschaft unter seinen Mitarbeitern – jene, die getestet sind und jene, die es nicht sind.
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Untrennbar verbunden

"Wir in der Grenzregion leben seit Jahrhunderten intensiv zusammen. Die Euregio bemüht sich bereits seit 25 Jahren sehr stark. Sechzig Gemeinden haben 1998 gemeinsam den Beschluss gefasst (...): 'Wir wollen enger zusammenrücken'", zieht Euregio-Inntal-Präsident Walter J. Mayr Bilanz. Die beiden Seiten entlang der Grenze seien untrennbar miteinander verbunden. Das soll auch in Zukunft so bleiben. Die Vertreter auf bayerischer und Tiroler Seite wünschen sich jedenfalls ein wenig Normalität am Grenzbereich – so schnell wie möglich. 

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Euregio-Inntal-Präsident appelliert an Platter
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