"Wilder Kaiser" entschied sich für Anhebung der Aufenthaltsabgabe

AR-Vorsitzender Walter Eisenmann, Martin Kofler (Abt. Tourismus, Land Tirol), Obmann Johannes Adelsberger und GF Lukas Krösslhuber (v.l.).
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  • AR-Vorsitzender Walter Eisenmann, Martin Kofler (Abt. Tourismus, Land Tirol), Obmann Johannes Adelsberger und GF Lukas Krösslhuber (v.l.).
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GOING/BEZIRK (nos). Der Tourismusverband (TVB) "Wilder Kaiser" vereint die Fremdenverkehrsbelange in den Gemeinden Going, Ellmau, Scheffau und Söll und lud am 2. Juli in den "Sportsaal" in Going zur Vollversammlung. Neben den vorgeschriebenen, üblichen Berichten des Vorstands, Aufsichtsrats und der Geschäftsführung sowie der erwartbaren Entlastung hatten die Mitglieder auch über zwei Zukunftsbelange abzustimmen: die grundsätzliche Freigabe der Vollversammlung zur Gründung eines Reisebüros durch den TVB, "falls dies gesetzlich notwendig würde" ("Pauschalreisegesetz"), und die Anhebung der Aufenthaltsabgabe von derzeit 2 Euro auf 2,5 Euro ab dem 1. Mai 2019.

"Das Fuchzgerl, das wir jetzt hinaufgehen, haben wir in den letzten elf Jahren an die Inflation verloren!"

Johannes Adelsberger, Obmann TVB Wilder Kaiser

Diskutiert wurde darüber nicht sonderlich lange, die Abstimmung wurde durch Handheben durchgeführt. Neun Gegenstimmen aus der Stimmgruppe 3 (Wert = 1) und drei aus der Stimmgruppe 2 (Wert = 25) änderten nichts an der breiten Mehrheit für die Anhebung. Eine Stimme aus der ersten Stimmgruppe wird am "Wilden Kaiser" mit 180 bewertet. Der TVB verpflichtete sich im Antrag dazu, die Abgabe in den kommenden fünf Jahren nicht noch einmal anzuheben.

Etwa 3.300 Mitglieder sowie 31 hauptberufliche Mitarbeiter zählt der TVB "Wilder Kaiser" aktuell und gab durch Obmann Johannes Adelsberger ("Bergland", Going), Aufsichtsratsvorsitzenden Walter Eisenmann (GF Hochsöll) und Geschäftsführer Lukas Krösslhuber den mehrheitlich versammelten Mitarbeitern und 92 Mitgliedern (Anzahl ausgegebener Wahlkarten) einen Überblick über die Bilanzen und Aktivitäten des abgelaufenen Geschäftsjahres 2017 sowie einen Ausblick auf die Pläne und Projekte für die kommenden Saisonen.

Gastgeberbürgermeister Alexander Hochfilzer begrüßte die Vollversammlung, die am 2. Juli im "Sportsaal" seiner Gemeinde zusammentrat, lobte die gemeinsame Arbeit der "Partner auf Augenhöhe" und mahnte zur weiteren gemeinsamen Anstrengung, "damit wir das auch in Zukunft beibehalten".

"Es geht um sehr viel. Es geht um unsere Region. Es geht um unsere Heimat!"

Alexander Hochfilzer, Bgm Going am Wilden Kaiser

Marketing über Emotionen statt Inserate

Obmann Adelsberger gab eine Übersicht über kürzlich abgeschlossene und gerade laufende Projekte am "Wilden Kaiser" und gab den Mitgliedern zu bedenken, wie sich Marke und Position des TVB weiterentwickeln lassen könnten. 30 Prozent des Gesamtbudgets stecke der TVB in Marketingaktivitäten, "und das braucht's auch so", ist sich Adelsberger sicher. Dabei wolle man verstärkt auf Emotionalisierung und Geschichtenerzählen setzen und dafür an Plakaten und Inseraten sparen. Auch 40 Prozent der Mehreinnahmen durch die erhöhte Aufenthaltsabgabe plane man im TVB in Marketing zu stecken. Weitere 40 Prozent in Infrastruktur wie Radwege und Beschilderungen, 20 Prozent in Mitgliederbetriebe ("Tourismus-Upcycling") und das "Lebensqualität"-Projekt
Die Präsentation im Laufe des Abends wurde immer wieder durch Werbespots und Imagefilme aufgelockert, darunter war auch der neue Winterspot des TVB, der die nicht ganz ernst zu nehmende Eierlieferung zu den Skihütten der Region thematisiert.

Saisonen verlängern, Verkehr eindämmen

"Der Winter ist kein Selbstläufer", mahnte Adelsberger an und freute sich mit GF Krösslhuber gleichzeitig über immer stärkere Buchungen im Sommer, die Ausdehnung der Saison in den Herbst, den man nun auch gezielt bewerben möchte, durch Events und verlängerte Bergbahn-Betriebsdaten sowie über die steigende Nachfrage an der Öffinutzung durch die Gäste. Das Thema Mobilität, die Anreise per Bahn und die Ausweitung des öffentlichen Nahverkehrs mit Bussen, hat sich der TVB groß auf die Fahnen geschrieben. Auch, weil man die Verkehrsproblematik in den Dorfzentren bessen in den Griff bekommen will:

"Verkehr will keiner, aber Mobilität will jeder. Den Deutschen, der sich mit dem Navi verirrt, den will man nicht, aber der Hauptteil der Verkehrsbelastung in den Dörfern ist einheimisch!", redete die TVB-Führung den Mitgliedern ins Gewissen, denn "wir verkaufen den Städtern Natur, die Abwesenheit von Verkehr".

In den Ortskernen habe man selbst Hebel in der Hand, auf die Belastung an der B178 habe man hingegen wenig Einfluss.
Angekündigt wurden Verhandlungen und eventuell auch eine finanzielle Beteiligung an den Buslinien der Region, wenn diese turnusmäßig 2020 vom VVT wieder ausgeschrieben werden. Man versuche eine stündliche Verbindung zwischen Kufstein und Ellmau zu erwirken und hier auch den "Kaiserjet" einzubinden. "Vielleicht haben wir in ein paar Jahren dann auch sechs statt bisher vier Shuttlebusse in der Region und könnten einen 20-Minuten-Takt erreichen", meinte GF Krösslhuber. Das einzige Mobilitätsangebot, das bei den Gästen offenbar nicht eingeschlagen hat, sei der "Aprés Ski Shuttle" gewesen. Dieser werde nun eingestellt.
Das Thema Mobilität wird auch im Rahmen des "Leader"-Projekts "Lebensqualität am Wilden Kaiser" intensiv bearbeitet. Die breite Akzeptanz touristischer Aktivitäten in der Bevölkerung und die Attraktivierung der Tourismusarbeitsplätze sind hier weitere Nachhaltigkeitsziele. "Das ist nichts, was man für die Schublade produziert hat", so Krösslhuber.

In den vergangenen sechs Jahren konnte der TVB "Wilder Kaiser" einen Anstieg der Sommernächtigungen um 25 Prozent verbuchen und auch "spürbare Zuwachsraten" bei der Anreise mit der Bahn, die lukrativer und künftig mit der Tirolwerbung verstärkt beworben werden soll. Während die Bettenanzahl über alle drei Sektoren (Gewerbliche, Appartements/Ferienwohnungen, Private) gesehen annähernd gleich blieb, verzeichnet man im Privatvermieterbereich einen Rückgang von immerhin 16 Prozent der Betten im Lauf der letzten Jahre. Dabei seien die Kleinvermieter "nicht nur strukturell wichtig", wie Adelsberger meinte.
"Eine Übernachtung ist nur eine Dimension in der Bewertung, eine wichtige, aber nur eine von vielen", gab GF Krösslhuber zu bedenken, denn die Nächtigungszahlen allein spiegel nicht wider wieviel dafür bezahlt werde, ob weitere Angebote angenommen würden und auch nicht "ob wir diesen Gast überhaupt wieder haben wollen in der nächsten Saison". Grundsätzlich sei aber festzustellen:

"Der Sommer funktioniert irrsinnig gut, natürlich auch durch den Bergdoktor-Turbo!"

Die ambitionierten Ziele, die der TVB 2012 in Sachen Vollbelegtstage bis 2020 gesteckt habe, seien in den jüngsten Saisonen schon durchaus eingeholt worden, sommers wie winters. Um weitere Gästezielgruppen zu erreichen, werde der TVB Schnittstellen für "airbnb" und "booking.com" einrichten, kündigte Krösslhuber an. Den Kleinvermietern legte er die Onlineplattform "airbnb" besonders ans Herz, da hier mit 5 Prozent Provision für die Vermittlung nur kleine Gebühren fällig werden. "Booking.com" verlange hier weit höhere Margen, "bringt aber viele Leute".

Sondertilgung "Kaiserbad" trübt Bilanz nicht wirklich

Die "nackten Zahlen" des vergangenen Jahres präsentierte Walter Eisenmann als Aufsichtsratsvorsitzender des TVB. Der TVB im Ganzen und alle Orte außer Ellmau bilanzierten dabei positiv, in Ellmau wurde aufgrund vorhandener liquider Mittel der Kredit für das "Kaiserbad" außertourlich getilgt, was dort ein Minus von rund 1,5 Millionen Euro hinterließ: "Der negative Wert bei den Rücklagen in Ellmau ist hauptsächlich das Kaiserbad und da sind sie wirklich sehr tüchtig bei der Rückzahlung", so Eisenmann.

Eine Übersicht über die Nächtigungszahlen, Budgets und Bilanzen finden Sie in der Bildergalerie zu diesem Beitrag.

Kein großer Diskussionsbedarf vor Abstimmung

Martin Kofler vom Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Tourismus, übernahm schießlich gegen Ende der Versammlung die Abstimmung über die Erhöhung der Aufenthaltsabgabe und die gleichzeitige Verpflichtung, diese in den kommenden fünf Jahren nicht noch einmal zu erhöhen und stellte den Vorschlag den Mitgliedern zur Diskussion. Zuvor bekamen die Mitglieder eine Aufstellung der zehn nächtigungsstärksten TVB in Tirol und der dort verlangten Abgaben zu sehen. Diese rangieren zumeist zwischen 2 Euro und 3 Euro pro Gast und Nacht.
Eine Appartementvermieterin gab hier zu bedenken, dass diese Abgabe unabhängig vom Preis der Nächtigungsvariante geleistet werden müsste, was gerade bei Familien im Verhältnis große Unterschiede zwischen Privatzimmern und Hotelzimmern ergebe. Kofler wandte ein, dass eine verhältnismäßige Einhebung der Abgabe möglich war, bevor das Höchstgericht dies als verfassungswidrig erkannte, da alle Gäste die selbe TVB-Infrastruktur nutzen. Obmann Adelsberger meinte:

"Ich bin davon überzeugt, dass wir alle etwas davon haben. Prozentuell macht das im Privatzimmerbereich natürlich mehr aus, aber wir sind preislich noch weit nicht dort angelangt, was wir eigentlich wert sind! Wir sind immer noch zu günstig."

Die Diskussion war damit auch schon beendet und die Vollversammlung verzichtete auf eine geheime Wahl durch Stimmzettel, stattdessen wurde durch Handaufheben gestimmt. Die Gegenstimmen wurden um Heben der Stimmzettel, die nach Stimmgruppen farblich sortiert sind, gebeten, was zumindest bei einem Mitglied für Verwirrung sorgte – Scheffaus Bürgermeister stimmte so gegen die Erhöhung, ohne es zu wollen. Der Vorschlag ging aber ohnehin mit breiter Mehrheit durch.

Noch klarer war das Ergebnis der Abstimmung zur Anmeldung eines Reisebürogewerbes durch den TVB, was aufgrund des neuen "Pauschalreisegesetzes" notwendig werden könnte. "Da sind wir bei einigen unserer Aktivitäten im Grenzbereich", erklärte Krösslhuber, der gemeinsam mit Vermietercoach Haselsberger zurvor die notwendigen Berechtigungen zur Führung eines solchen Gewerbes per Fortbildung erworben hat. Der TVB-GF sicherte den Mitgliedern zu, dass dies nur eine Präventionsmaßnahme sei, die zur Anwendung komme, "wenn es notwendig sein sollte" und dass der TVB kein Inkasso anstrebe, kein "clearing" und keinen Gewinn aus der Vermittlung: "Es geht uns nur darum, eure Angebote und die Nachfrage der Gäste zusammen zu bringen."

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