23.11.2016, 13:47 Uhr

Eigene Fähigkeiten am Rücken der Pferde stärken

(Foto: Reittherapiezentrum Steckenpferd Linz-Ebelsberg)
eh. Die Geschichte des Pferdes als Mittel der Bewegungstherapie reicht bis ins Altertum zurück: Bereits der griechische Arzt Hippokrates (460 bis 370 v. Chr.) beschrieb die heilende Wirkung des Reitens. In ärztlichen Schriften aus dem 16. bis 18. Jahrhundert stehen meist die gesund erhaltenden und gesundheitsfördernden Aspekte des Reitens im Vordergrund, weniger die therapeutischen Möglichkeiten. So wies Leopold Fleckles, Doktor der Heilkunde und Mitglied der medizinischen Fakultät Wien 1835 auf therapeutisches Reiten zur Heilung von Lungenkrankheiten hin.
Ende der 1960er Jahre wurde in den USA der Einsatz von Tieren im therapeutischen Bereich wissenschaftlich untersucht. In Deutschland begann der Arzt Max Reichenbach 1953, das „Reiten als Therapie“ systematisch anzuwenden. Er gilt als der Begründer des modernen therapeutischen Reitens. Im Jahr 1970 wurde in Deutschland das „Kuratorium für Therapeutisches Reiten“ als erster Verband in diesem Bereich gegründet.
1977 fand in Österreich die Gründungsveranstaltung des „Österreichischen Kurarotium für Hippotherapie“ statt. Gründungsmitglieder waren unter anderem: DDr. Ernst Huber (Vorstand des Sbg. Kinderspitals), Dr. Liselotte Ölsböck (Assistenzärztin, Kinderspital Sbg.), Emmy Tauffkirchen (leitende Physiotherapeutin AKH Kinderspital, Wien), Prof. Dr. Carl Klüwer Präsident: DDr. Ernst Huber. In der Schweiz entstand 1985 die Schweizerische Vereinigung für Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren (SV-HPR).

Therapeutisches Reiten
Es gibt 4 vom Österreichischen Kuratorium für Therapeutisches Reiten anerkannte Sparten des therapeutischen Reitens:

Hippotherapie
Die Hippotherapie setzt Pferde zur Physiotherapie ein. Durchgeführt wir die Therapie von einer Physiotherapeutin mit Zusatzausbildung für Hippotherapie und einem Therapiepferd. Dabei sitzt der Patient in der Gangart Schritt auf dem Pferderücken. Bewegungsimpulse des Pferdes werden auf Becken und Wirbelsäule des Menschen übertragen. Der gesamte Bewegungsapparat muss sich neu einpendeln. So können zum Beispiel halbseitig gelähmte Menschen ein Gefühl für ihre Körpermitte entwickeln. Die Muskelspannung wird positiv beeinflusst, das heißt, schlaffe Muskeln spannen sich an und stark angespannte oder verkrampfte Muskeln hingegen werden locker. Dadurch wird die gesamte Haltung vor allem des Oberkörpers geschult und das Balancegefühl verbessert. Diese neurophysiologische Behandlung muß ärztlich verordnet sein.

Anwendung bei
Zustand nach Schlaganfall oder Schädelhirntrauma
Querschnittlähmung
Bandscheibenproblemen, Hüfterkrankung oder nach Amputationen
Haltungsschwächen
Muskel- oder Stoffwechselerkrankungen

Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten
Das Heilpädagogischen Voltigieren und Reiten fördert und verbessert vorhandene Möglichkeiten und Mittel bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Hilfe eines Therapiepferdes. Abgestimmt auf die Bedürfnisse, Möglichkeiten und Fähigkeiten der Person werden psychologische, psychotherapeutische und rehabilitative Maßnahmen mit Hilfe des Pferdes umgesetzt.


Bei dieser ganzheitlichen Therapieform wird eine positive Beeinflussung des Befindens, des Sozialverhaltens und der Persönlichkeitsentwicklung angestrebt. Das Bewegt- und Getragen werden auf dem Pferderücken und die Gestaltung der Beziehung zum Therapiepferd und zum Therapeuten unterstützen die Menschen mit Beeinträchtigung in der Auseinandersetzung mit ihren eigenen Schwierigkeiten.

Anwendung bei
Lese- Rechtschreibschwäche
Legasthenie und Rechenschwäche
Dyskalkulie
Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten
AD(H)S
Probleme im Wahrnehmungsbereich

Integratives Reiten
Das Pferd als Partner eröffnet Menschen mit Handicap (auch aus ärztlicher Sicht) den Zugang zu einer medizinisch wertvollen Freizeitgestaltung bis hin zur Teilnahme am allgemeinen Turniersport. Hilfsmittel wie z.B. speziell angefertigte Sättel, Steigbügel, Zügel erleichtern das Erreichen reiterlicher Ziele selbst bei ReiterInnen mit schwereren Beeinträchtigungen. Integratives Reiten ist in seinen Anforderungen individuell dosierbar und lässt sich daher der jeweiligen Behinderungsform gut anpassen.

Anwendung bei
ReiterInnen mit körperlichen, geistigen oder Sinnesbehinderungen, die sich "sportlich" betätigen möchten, jedoch keine "Therapie" benötigen.

Ergotherapie mit Pferd
Ziel der Ergotherapie mit Pferd ist es, für alle Klienten und Klientinnen jeder Altersgruppe die größtmögliche Selbständigkeit in ihrer individuellen Lebenssituation zu erreichen. Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen erlernen selbstbestimmt und selbständig zu handeln. Die ergotherapeutischen Maßnahmen werden mit dem Pferd, auf dem Pferd, sowie im Umfeld des Pferdes (Stall, Putzplatz, Reitplatz etc.) durchgeführt und führen zu besserer Wahrnehmung, besserer Koordinierung der einzelnen Handgriffe und in der Folge zu mehr Selbstsicherheit in der Durchführung alltäglicher Handlungen.

Anwendung bei
Verbesserung der Wahrnehmung und Wahrnehmungsverarbeitung
Verbesserung der Handlungsplanung und Handlungskompetenz
Verbesserung der motorischen, kognitiven, psychischen und emotionalen Fähigkeiten

Gesundheitsreiten
Reiten als Gesundheitssport richtet sich an alle Pferde- und Reitinteressierten. Gesundheitsreiten bietet vor allem Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie z.B. Rücken- oder Herz-Kreislaufbeschwerden sehr gute Möglichkeiten, mit individuellen und maßgeschneiderten Trainings eine Verbesserung zu erreichen.
Die gesundheitsfördernden Aspekte des Reitsports sind insbesondere die positiven Auswirkungen auf den Stütz- und Bewegungsapparat, die Schulung von Beweglichkeit und Koordination sowie der Ausgleich der Alltagsbelastung durch die stressregulierende Auswirkung des Reitens und die beruhigende Wirkung der Pferde. Zur Methodik gehört u.a. die Einbeziehung einfacher Gymnastik-, Aufwärm- und Stretchingübungen auf dem Pferderücken. Ganzheitliches Muskel- und Koordinationstraining sowie Ruhe und Entspannungsübungen.

Das Therapiepferd
Es gibt keine spezielle Rasse die immer als Therapiepferd einsetzbar ist. Zu beachten ist, für welche Art der Therapie das Pferd eingesetzt wird und mit welchem Klientel es arbeitet (Kinder, Erwachsene,verschiedene geistige und körperliche Besonderheiten).
Alle diese Faktoren beeinflussen die Auswahlkriterien des passenden Therapiepferdes. Grundsätzlich ist es wichtig, dass das Pferd gesund ist, einen sicheren, gelassenen "Charakter" mit bringt und dem Menschen freundlich gesinnt ist. Weiters sollte das Pferd eine solide Grundausbildung vorweisen und an dieser Arbeit interessiert sein.
Je nach Einsatz wird dann das passende Therapiepferd ausgewählt und dann entsprechend ausgebildet.

Kosten
Die Übernahme der Kosten für Ergotherapie am Pferd, Hippotherapie und Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Für die Hippotherapie ist zusätzlich eine Überweisung vom Facharzt nötig.

Informationen von:
Reittherapiezentrum Steckenpferd Linz-Ebelsberg
Österreichisches Kuratorium für Therapeutisches Reiten
Fotos: Reittherapiezentrum Steckenpferd Linz-Ebelsberg Text: Regionalsport.at
3
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.