24.07.2015, 11:03 Uhr

Cannabis im Bezirk: "Ein Bruchteil konsumiert regelmäßig"

Psychologin Sabine Höller und Geschäftsführerin Birgit Keel (re.) vom Verein Suchtberatung Tirol.

Die Suchtberatung Tirol verzeichnet immer mehr Betroffene, die die Angebote des Vereins nutzen. Eine Entkriminalisierung des Konsums könnte die Hemmschwelle Vieler, über Drogenprobleme zu sprechen, verringern.

WÖRGL/BEZIRK (nos). Geschäftsführerin Birgit Keel und Sabine Höller, Klinische- und Gesundheitspsychologin in der Beratungsstelle Wörgl, bekommen immer mehr zu tun. "Wir beraten und betreuen Menschen mit Suchtproblemen, aber auch Angehörige, Eltern oder Partner finden vermehrt den Weg zu uns", freut sich Keel. Tirolweit, schätzt die Suchtberatung, gibt es etwa 1100 Schwerstabhängige, etwa 120 werden in der Drogenambulanz in der Wörgler Josef-Steinbacherstraße betreut, die über die Psychiatrische Abteilung des Bezirkskrankenhauses Kufstein betrieben wird. Die Suchtberatung Tirol verzeichnete 2014 tirolweit rund 850 Beratungen, 122 davon im "Psychosozialen Zentrum Wörgl", wo mehrere Vereine angesiedelt sind. Sie ist auf illegale Substanzen spezialisiert, für Alkoholkranke oder nicht-stoffgebundene Süchtige, etwa Spieler, sind andere Stellen im Land zuständig, wie Keel erklärt.

Cannabis ist die illegale Droge Nummer Eins

Den groben Schätzungen der Suchtberatungen zufolge, die sie aufgrund des Praxisalltags machen können, haben rund 30 bis 40 Prozent der jungen Erwachsenen im Bezirk zumindest einmal Cannabis probiert. "Weniger als ein Prozent entwickelt daraus ein Problem oder eine Abhängigkeit", so Keel. Nicht einmal fünf Prozent der Konsumenten haben daneben Erfahrungen mit anderen illegalen Substanzen gemacht, nur ein Bruchteil konsumiere überhaupt regelmäßig.
Zum Vergleich: Rund zehn Prozent der Bevölkerung haben ein Alkoholproblem. "Wahrscheinlich würde man heute Alkohol nicht mehr legalisieren", meinen Keel und Höller. Sie würden eine Entkriminalisierung des Cannabiskonsums begrüßen, denn dadurch könnte eine große Hemmschwelle für jene fallen, die aufhören möchten aber eine Stigmatisierung als "Junkie" befürchten.
"Unser Angebot ist anonym und kostenlos, zudem sind wir an die Schweigepflicht gebunden", stellt Keel klar. Dem Verein geht es darum einen Kontakt und eine Beziehung zu den Betroffenen aufzubauen, dies sei ein erster Erfolg auf dem Weg zu einer möglichen Abstinenz.

Immer mehr kommen freiwillig

Rund ein Drittel der Klienten ist zwischen 20 und 24 Jahre alt, der Durchschnitt liegt bei etwa 27 Jahren. Einmal die Woche ist die Suchtberatung auch direkt in der Drogenambulanz vor Ort, ein "Zusammenspiel im Helfersystem", wie Höller und Keel sagen. Der Verein bietet "Hilfe zur Selbsthilfe mit einem multiprofessionellen Team", so Keel. Berater, Sozialarbeiter und Anwälte stehen zur Unterstützung bereit. Das Wörgler Büro ist täglich erreichbar. Rund ein Drittel der Klienten kommt nicht freiwillig, sie werden von Staatsanwaltschaft oder Gericht geschickt. Ein weiteres Drittel wird über Zuweiser wie die Jugendwohlfahrt vermittelt und nimmt das Angebot freiwillig an, als Alternative zu einer Strafe oder einem Verfahren, das dritte Drittel kommt aus eigenem Antrieb. "Die freiwilligen Kontakte nehmen in letzter Zeit zu, wir haben immer mehr Anfragen in Sachen Sucht und Therapie", erzählt Sabine Höller. Auch Eltern, die bei hren Kindern Drogenkonsum vermuten, wenden sich vermehrt an die Stelle. Mit Workshops bildet die Suchtberatung Tirol zudem Multiplikatoren zur Suchtprävention aus. Von den 122 Personen, die 2014 in Wörgl betreut wurden, waren 96 Klienten, vorwiegend Männer, und 26 Angehörige, zumeist Frauen.

Weniger Heroin, kaum Crystal Meth

Neben Cannabis sind besonders Amphetamine (Speed, MDMA, Ecstasy) im Bezirk "beliebt", auch Kokain ist ein Thema in der Suchtberatung. Heroin spiele laut Ansicht der Beraterinnen bei den Jungen so gut wie keine Rolle, aber man berate ältere Konsumenten, teilweise seit Jahren. Methamphetamine wie "Crystal Meth" dürften auch bei uns im Umlauf sein, die Suchtberater kennen aber nur wenige, vereinzelte Fälle. Im bayerischen Wald und Oberösterreich macht die Droge aufgrund der Nähe zur Tschechischen Grenze weitaus größere Probleme.
Für Konsumenten, die den Ausstieg aus dem Konsum schaffen wollen, bietet die Suchtberatung auch eine Begleitung an. "Wir sehen uns da als Casemanager", erklärt Keel. Behördenwege und ähnliche Alltagsbarrieren lassen sich so einfacher erledigen.
Derzeit ist auch beobachtbar, dass das Interesse an stationärer Therapie angestiegen ist. „Wie bereits im Jahr zuvor kontaktierten viele Menschen, die mehrere verschiedene Drogen nehmen, die Beratungsstelle, um sich zum einen Informationen bezüglich stationärer Therapieeinrichtungen einzuholen oder Hilfestellung bei der Vermittlung zum Entzug und anschließender stationärer Therapie zu bekommen. Zum anderen waren oftmals sozialarbeiterische Interventionen ein wesentliches Ziel, um die Klienten vor dem Verlust von Arbeit oder Wohnung zu bewahren. Zudem erforderte das Vorhandensein psychischer Probleme (Ängste, Depressionen sowie Psychosen) die Weitervermittlung zu Psychiatern.“, so Sabine Höller.

Weitere Informationen zur Suchtberatung Tirol gibt's im Internet unter www.verein-suchtberatung.at, eine Liste weiterer Institutionen findet man etwa auf der Website der Schulpsychologie Tirol.
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