09.02.2018, 11:52 Uhr

Licht und Schatten der letzten 100 Jahre in der Festungsstadt

"Kufstein schreibt Geschichte": Das Projekt will die Licht- und Schattenseiten der Jahre 1900 bis 2000 abbilden.

Mit einer mehrteiligen "Edition Kufstein" und einem rund 350-seitigen Buch will die Bezirkshauptstadt ihre jüngste Geschichte aufarbeiten.

KUFSTEIN (nos). 175.000 Euro nimmt die Stadt Kufstein für ein Projekt in die Hand, das bereits vor rund 20 Jahren angestoßen wurde und nun bis zum Jahr 2021 umgesetzt werden soll – das "Kufsteinbuch". Als, zumindest zwischenzeitliches, Ziel steht dann ein rund 350-seitiges Buch in den Regalen der lokal-zeitgeschichtlich Interessierten – und eine mehrbändige "Edition" für die Spezialisten. Bis dahin soll ein mehr als spannender Prozess in der Festungsstadt Themen, Eindrücke und Alltagsgeschichte(n) sammeln. Renommierte Wissenschafter begleiten das Ganze und verfassen die Beiträge.

"Kufstein schreibt Stadtgeschichte"

Angestoßen wurde die Idee eines Kufsteinbuchs bereits um die Jahrtausendwende vom damaligen Gemeinderat des "Offenen Grünen Forums" (OGF) Andreas Falschlunger und der Initiative "Gegenstand", die sich gegen einen Rechtsruck und die damalige schwarz-blaue Bundesregierung richtete. Angedacht war 1999/2000 und bis zum Antrag des OGF und dem schließlich erfolgten Gemeinderatsbeschluss 2016 eine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Festungsstadt. Der Vorschlag wurde harsch kritisiert und belächelt, schließlich einigte man sich auf ein Buch, "das die Licht- wie auch die Schattenseiten der Kufsteiner Zeitgeschichte" abbilden soll. "Wir wollen mit unserer Stadtgeschichte ins Reine kommen", erklärt Falschlunger, "damit sich nichts wiederholt, was wir nicht haben wollen." "Wehret den Anfängen" war das Leitmotiv des Grünen-Gemeinderats, um die Jahre 1900 bis 2000 zu untersuchen. Über 870.000 Stunden vergingen in diesen hundert Jahren. Viel Zeit in der viel geschah, natürlich auch in Kufstein. Was sich einst vor Ort ereignete – Begegnungen, Entscheidungen, Vorfälle, ... – wirkte auch in die damalige Zukunft, das heißt: in die Gegenwart, in der wir heute leben.

Nun wurde das Projekt auf breitere Beine gestellt. Es wird mehr als nur ein Buch, ein breiter Prozess soll den Weg dorthin bereiten und damit "im historischen Bewusstsein" klar machen, "was die Stadt so lebenswert macht", meint Falschlunger zu seinem "Herzensprojekt", dem sich auch Bürgermeister Krumschnabel mittlerweile voll anschließt.

"Nicht nur ein Buchprojekt"

Richard Schwarz wird das Ganze koordinieren und Betreuen, um aus dem mehrteiligen Prozess eine "lebendige Stadtgeschichte" zu formen. Dabei sollen sich besonders auch die Kufsteiner einbringen können und ihre persönlichen Eindrücke und Geschichten wiedergeben.
"Mit diesem Ansatz kann das Projekt durchaus beispielgebend sein!"
Richard Schwarz – Koordination, Konzept, Prozessgestaltung

In drei Phasen will man in der Festungsstadt auf das Erstergebnis kommen. Denn unbedingt abgeschlossen muss der Prozess auch nach dem Buchdruck nicht sein. Gerade die mehrteilige Edition könnte nach Ansinnen von Bgm Krumschnabel "theoretisch ewig weitergeführt" werden.

Die drei Phasen zum Kufsteinbuch

Am 27. Februar wird sich das Gesamtprojekt den Stadtbürgern und Interessierten im Rathaussaal öffentlich vorstellen. Dabei hoffen die Initiatoren und Mitwirkenden nicht nur auf reges Interesse, sondern auch auf Viele, die ihre eigenen Geschichten mitteilen wollen und sich so ins Gesamtwerk einbringen.
"Im Idealfall haben wir zu viel Material und Geschichten"
Richard Schwarz

In einer ersten Phase werden Gespräche und Interviews mit Kufsteinern geführt, die "möglichst viel von diesen hundert Jahren mitbekommen haben". Auch "Erzählcafés" und weitere Formate zur öffentlichen Materialsammlung mit Bürgerbeteiligung sind vorgesehen. Präsentieren, nachfragen, sammeln – das sind die Säulen des Projekts.

Basierend auf diesen Aufzeichnungen und unter Zuhilfenahme seriöser Quellen wird, wissenschaftliche fundiert, eine Grundlagensammlung angelegt anhand derer renommierte Forscher und Experten zu ihren jeweiligen Fachthemen Bände der "Edition Kufstein" veröffentlichen.

Im dritten Schritt dienen diese Fachbände einem "handfesten Ziel", nämlich dem Stadtbuch. Gemeinsam mit den Autoren wird sich Kulturjournalistin Esther Pirchner um die Redaktion der Texte kümmern und in ein Buch "übersetzen", dessen gestalterische Umsetzung Kurt Höretzeder verantworten wird.

Sie schreiben gemeinsam Geschichte

Andreas Exenberger – Themen: „Wirtschafts- und Sozialgeschichte ab 1950“ und „Sportgeschichte“
Geboren 1972 in Kufstein, ging dort von 1978 bis 1990 zur Schule und hatte bis 2000 seinen Lebensmittelpunkt in Endach (zudem Mitglied der Stadtmusikkapelle bis 2005). Ab 1991 Studien der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in Innsbruck, Habilitation in Wirtschafts- und Sozialgeschichte ebenda 2009. Seit 1999 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte der Universität Innsbruck, Arbeitsschwerpunkt dabei Globalisierungs- und Armutsforschung, aber auch einige Publikationen zur Tiroler Lokalgeschichte. Besondere Aufmerksamkeit gilt der allgemeinverständlichen Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie der nachvollziehbaren Aufarbeitung von Daten.

Franz Gratl – Thema: „Die Musikstadt Kufstein im 20. Jahrhundert“
Geboren 1973 in Innsbruck. Studium Musikwissenschaft und Geschichte in Innsbruck, Mag. phil. 1997, Dr. phil. 2002 (Dissertation zur Kirchenmusik Johann Zachs 1713-1773); Mitarbeit an diversen Forschungsprojekten, ab 2002 freier Mitarbeiter von RISM Westösterreich mit Referat Südtirol (seit 2007 RISM Tirol-Südtirol & OFM Austria), Katalogisierung historischer Musikalienbestände in Nord- und Südtirol, Forschungen und Publikationen primär zur Kirchenmusik und zur Musikgeschichte Tirols, seit 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 2007 Kustos der Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, inhaltliche Konzeption und organisatorische Betreuung der Konzert-, CD- und Noteneditionsreihe "musikmuseum", inhaltliche Konzeption und Mitgestaltung von Ausstellungsprojekten („Ein Pionier des historischen Blasinstrumentenbaus – Rudolf Tutz zum 70. Geburtstag“ 2010/11, „Tiroler Musikleben in der NS-Zeit“ 2012/13, „Musik im Tiroler Unterland einst und jetzt“ 2014)

Gisela Hormayr – Thema: „Die Geschichte Kufsteins 1900-1950“
Schulbesuch in Kufstein (Volksschule, Gymnasium); Lehramts- und Doktoratsstudium an der Universität Innsbruck; Vorstandssprecherin von amnesty international Österreich 1993-1996; Lehraufträge an der Universität Innsbruck und der Pädagogischen Hochschule Innsbruck, Mitarbeit an fachdidaktischen Projekten zur Vermittlung der Tiroler Zeitgeschichte. Publikationen: „Ich sterbe stolz und aufrecht“ – Tiroler SozialistInnen und KommunistInnen im Widerstand gegen Hitler, Innsbruck 2012; „Die Zukunft wird unser Sterben einmal anders beleuchten“ – Opfer des katholisch-konservativen Widerstandes in Tirol 1938-1945, Innsbruck 2015; „Wenn ich wenigstens von euch Abschied nehmen könnte“ – Letzte Briefe und Aufzeichnungen von Tiroler NS-Opfern aus der Haft, Innsbruck 2017; Aufsätze u.a. zur Biografie des Kufsteiner Malers und Grafikers Harald Pickert.

Arnold Klotz – Thema: „Städtebauliche Entwicklung der Stadt Kufstein im 20. Jahrhundert“
Geboren 1940 in Wörgl. Nach dem Gymnasium in Kufstein absolvierte er das Studium der Architektur in Wien, wo er direkt im Anschluss am Institut für Städtebau, Raumplanung und Raumordnung tätig wurde. Später war er als Referatsleiter für die räumliche Stadtentwicklung der Stadt Wien und im Vorstand des Stadtplanungsamtes in Innsbruck engagiert, ehe er 1991 zum Bereichsdirektor für die Stadtplanung Wien bestellt wurde. Von 1991 bis 2005 wirkte Klotz als Planungsdirektor bzw. Bereichsdirektor für Stadtplanung in der Magistratsdirektion-Stadtbaudirektion Wien. 2006 wurde er schließlich zum Professor am Institut für Städtebau und Raumplanung der Universität Innsbruck berufen. Von Oktober 2007 bis Februar 2012 war er Vizerektor für Infrastruktur der Universität Innsbruck.

Eva Pfanzelter (& Ulrich Wendl) – Thema: „Migrationsgeschichte der Stadt Kufstein im 20. Jahrhundert“
Geboren 1969 in Bozen, assoziierte Professorin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Europäische und regionale Zeitgeschichte, Erinnerungskulturen und Geschichtspolitik, Digital Humanities. 

Nikolaus Hagen & Maria Heidegger – Thema: „Gesellschaftspolitische Aspekte aus der Kufsteiner Stadtgeschichte 1950 bis 2000“
Maria Heidegger, geb. 1969 in Prutz, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck. Mag. phil. 1993, Dr. phil 1998. Von 1998 bis 2000 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Innsbruck im Fach Österreichische Geschichte, 2005 bis 2013 Universitätsassistentin im Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte. In dieser Zeit Projektleitung eines Interreg-Projekts zur Psychiatriegeschichte Tirols und Konzeption und Durchführung einer Wanderausstellung. Von 2013 bis 2015 Leiterin der Forschungsplattform Geschlechterforschung. 2013 bis 2017 Inhaberin einer Erika-Cremer-Habilitationsstelle zum Thema „Sorgen um die Seele. Psychiatrie und Religion in Tirol, 1830–1850“. Seit 2016 bringt sie ihre Leidenschaft für Geschichte auch bei Heidegger, Hilber und Siegl. Die HISTORIKERinnen ein (www.diehistoriker.at). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Medizin- und Psychiatriegeschichte, Geschichte der Geschlechterbeziehungen, Frömmigkeit, Körpergeschichte, Emotion und Schmerz im Katholizismus und seit 2016 auch spezifische Fragen der Angewandten Geschichte bzw. Public History.
Nikolaus Hagen, Historiker. Studium der Geschichtswissenschaften an der Universität Innsbruck. Dissertation zur „Kultur- und Identitätspolitik im Gau Tirol-Vorarlberg 1938–1945“ (abgeschlossen Dez. 2017). Seit 2014 Projektmitarbeiter und Lehrbeauftragter am Institut fürZeitgeschichte der Universität Innsbruck. Seit 2011 freiberufliche Mitarbeit an regionalgeschichtlichen Forschungs- und Ausstellungsprojekten, u. a. am Jüdischen Museum Hohenems, Küefer-Martis-Huus Ruggell (Liechtenstein) und am Vorarlberg Museum in Bregenz. Zuletzt erschienen: Der Fall Riccabona. Eine Familiengeschichte zwischen Akzeptanz und Bedrohung im 20. Jahrhundert, Wien-Köln-Weimar 2017 (gem. hrsg. mit Peter Melichar).


Gestaltung, Publikationsreihe und Stadtbuch
Kurt Höretzeder, himmel. Studio für Design und Kommunikation, Innsbruck/Scheffau – Feine grafische Arbeiten für Unternehmen, Bücher, Magazine, Zeitschriften, Ausstellungen – und noch einiges anderes mehr.

Initiative und Projektbegleitung
Andreas Falschlunger – Bereits im Jahr 2001 bewilligte der damalige Bürgermeister Marschitz auf Antrag der Bürgerinitiative >gegenstand – kufsteiner initiative für demokratie und menschenrechte< ATS 20.000.- für ein Forschungsprojekt zur Erforschung der Zeit des Nationalsozialismus in Kufstein. Leider verlief die damalige Recherche im Sande. 15 Jahre später ist der Zugang zu den Archiven gesichert, sodass durch den einstimmigen Gemeinderatsbeschluss vom Mai 2016 für ein Kufstein-Buch des 20. Jahrhunderts die vielen Facetten dieser Zeitspanne beleuchtet werden können. Mögen sich daraus viele Erkenntnisse für unser jetziges politisches Handeln ergeben. 

Konzept & Prozesskoordination
Richard Schwarz (www.islandrabe.com) – Geboren 1984 in Wörgl. Studium der Europäischen Ethnologie an der Universität Innsbruck (2003-2011, Mag. phil.) sowie Art and Science an der Universität für Angewandte Kunst in Wien (2009-2011, Master of Arts). Lebt und werkt in Kufstein/Tirol in den Genres Medienkunst und Kulturwissenschaft.

Lektorat
Nikola Langreiter (www.wortstellerei.at) – Geboren 1970, aufgewachsen im Zillertal. Studium der Publizistik/Kommunikations- wissenschaft und der Europäischen Ethnologie in Wien. Ist nach Jahren als Verlags- und Universitätsmitarbeiterin und Redakteurin einer wissenschaftlichen Zeitschrift heute freie Kulturwissenschaftlerin und betreibt das Textbüro „Wortstellerei“ in Lustenau, Österreich.

Redaktion Stadtbuch
Esther Pirchner – geboren 1967 in Innsbruck, arbeitet freiberuflich als Journalistin und Lektorin mit Schwerpunkt Kultur. Als Autorin und Redakteurin verfasst sie Kataloge und Ausstellungstexte, unter anderem für den "erbe kulturraum sölden" und die Ausstellung „Der Turm der Erinnerungen“ in Schloss Tirol. Sie konzipiert und schreibt Festivalprogramme für „Musik im Riesen“ und „fm Riese“, die Festivals der Swarovski Kristallwelten Wattens, sowie Kundenmagazine wie das „Journal“ der Raiffeisenbank Sölden.


Mitmachen
Die Bevölkerung Kufsteins ist eingeladen, sich mit Geschichten, Fotos, Gegenständen, ... und/oder auch Hinweisen zu Personen zu melden, die ihrer Meinung nach von der Stadt Kufstein im 20. Jahrhundert erzählen können. Hinweise, Tipps, Geschichten, usw. können per E-Mail oder im Bürgerservice im Rathaus (Stichwort „Stadtgeschichte“ und Kontaktdaten) eingebracht werden.

Am 27. Februar um 19:30 Uhr wird das Projekt im Rathaussaal öffentlich vorgestellt. Interessierte sind herzlich eingeladen, sich an diesem Abend über „Kufstein schreibt Stadtgeschichte“ zu informieren. Im Rahmen der Präsentation wird Werner Matt, Leiter des Stadtarchivs Dornbirn, über ein ähnliches Projekt in Dornbirn und seine Erfahrungen berichten.
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