08.03.2017, 12:17 Uhr

Mit drei Generationen im Gespräch über ihr "Frau-sein"

Anna Kronbichler (Jahrgang 1938) und Enkelin Sarah Mairer (JG 1995) bekamen als Heranwachsende unterschiedliche Frauenbilder vermittelt.
BEZIRK (nos). Rund um den Weltfrauentag am 8. März werden landauf landab Statistiken gewälzt und Zahlen herangezogen, um die noch immer herrschende strukturelle Benachteiligung von Frauen gegenüber Männern aufzuzeigen. Es ist noch nicht so lange her ist, dass Frauen hierzulande ihr Wahlrecht erstreiten mussten und das Recht, ohne Zustimmung ihres Ehemanns ein Konto eröffnen dürfen, ist noch jüngeren Datums.
Aber wie nehmen Frauen unterschiedlichen Alters im Bezirk Kufstein ihr "Frau-sein" heute wahr und wo orten sie Benachteiligungen? Wir haben uns mit drei Generationen unterhalten: Anna Kronbichler, Jahrgang 1938, Irmgard Mairer, Jahrgang 1966, und Sarah Mairer, Jahrgang 1995, erzählen.

"In unserer Familie sind damals alle auf dem Bauernhof zur Welt gekommen", erinnert sich Anna Kronbichler, "das war damals ganz bescheiden, wir haben uns alle gemeinsam drei Bettstadl im Elternschlafzimmer geteilt". Annas Mutter war Jahrgang 1900, der Weg der Kinder schien schon vorgezeichnet: "Wir haben alle gemeinsam am Hof gearbeitet, als ich nach der Schule alt genug war, wurde ich als Haushaltshilfe nach Kufstein geschickt. Dort habe ich alle möglichen Arbeiten im Haushalt der Familie erledigt. Mit 20 habe ich geheiratet, dann war das vorbei." Elf Monate später wurde Anna zum ersten Mal Mutter, drei weitere Kinder folgten, "dann war's genug", scherzt die heute 79-Jährige.
Anna Schwester durfte einen Beruf erlernen, machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Anna wäre gerne Näherin geworden, hadert aber nicht mit der vertanen Chance: "Ich habe das nie bereut, wir haben immer mit Herz und Seele Landwirtschaft betrieben." Ihren Töchtern wollte Anna da mehr Möglichkeiten bieten.
Annas Brüder hatten sicherlich ein anderes Verhältnis zu den Eltern, besonders zum Vater, erinnert sich die mehrfache Urgroßmutter.
"Den Haushalt führen, kochen, nähen, dass man soviel wie möglich selbst macht und wirtschaftet und so wenig wie möglich dazu kauft", das waren die Hauptaufgaben, mit denen Frau in Annas Generation konfrontiert war – und die Kindererziehung. "Die Männer wurden damals schon noch sehr komisch angesehen, wenn sie mit einem Kinderwagen unterwegs waren", weiß die 79-Jährige, "das hat sich schon sehr stark verändert. Dafür haben Frauen heute anderen Probleme als wir früher! Sie müssen heute halt alle arbeiten gehen, das wird dann auch zuviel. Darum müssten die Familien auch besser zusammenhalten. Dieser Stress ist schon wahnsinnig heute. Wir haben fürher viel körperliche Arbeit gehabt, mussten mit den Händen und am Hof mit den Rössern arbeiten, weil wir keine Maschinen hatten. Allein was die Arbeit betrifft, würde ich schon sagen, dass sich heute alles stark verbessert hat, im Vergleich zu früher."
Einen lange gehegten Wunsch konnte sich Anna erst recht spät erfüllen: "Ich bin früher schon als Mädchen mit dem Traktor gefahren, aber einen Führerschein durfte ich von den Eltern aus nicht machen. Dann kam die Familie dazwischen, aber mit 56 habe ich das noch nachgeholt. Die Welt bleibt ja nicht stehen, da muss man schon mit!"

Irmgard ist eine von Annas Töchtern, wuchs mit einer Schwester und zwei Brüdern in Ebbs auf. Sie empfindet "Frau-sein" heute als "große Freiheit". "Ich kann und darf mich heute auch als Alleinstehende voll entfalten", erklärt die 50-Jährige, "ich kann eine Ausbildung machen, mich selbst verwirklichen." Für sie ist es "natürlich erfüllend, eine Familie zu haben und Mutter zu sein. Es ist schön, über die Kinder etwas weiter zu geben, dass etwas von mir in ihnen bleibt."
Sie erinnert sich schon an kleine Barrieren im Elternhaus, die wurden aber rasch abgebaut: "Zu uns Mädchen hat der Vater damals schon auch gesagt, wir brauchen nichts zu lernen, weil wir eh verheiratet würden." Trotzdem konnten beide eine Ausbildung machen. Auch im normalen Familienalltag gab es klare Strukturen, etwa am Tisch: "Beim Essen wurde bei uns nicht geredet, und wenn, dann haben die Männer gesprochen. Frauen hatten eher still zu sein. Was sich gehört und was nicht, war bei uns schon ein Thema. Mädchen hatten leise und brav zu sein."
"Ich hätte mir gewünscht gefragt zu werden, mitreden zu dürfen, meine Meinung sagen zu können. Das habe ich dafür versucht dann meinen Töchtern mitzugeben. Dass sie so sein dürfen und sollen, wie sie sind."
Die Anforderungen an junge Frauen haben sich ihrer Meinung nach heute nochmals verändert: "Wenn man gleichzeitig seine Frau und seinen Mann stehen muss, ddas ist schon schwierig, das ist eine starke Belastung. Ich glaube, es ist schon nicht zufällig so, dass kleine Buben anders sind als kleine Mädchen, dass Frauen eher dafür gemacht sind, sich im Inneren um die Familie zu kümmern, und Männer von außen. Es ist gut, dass Väter, etwa mit der Papa-Karenz, heute näher an ihren Kindern sein können, das ist wichtig. Natürlich müssen viele Familien auch heute noch durchrechnen, ob sie sich das leisten können, weil die Einkommen von Frauen noch immer niedriger sind. Aber ich sehe es auch problematisch, wenn Kinder zu früh in Betreuung gegeben werden."

Irmgards Tochter Sarah konnte sich frei entscheiden, welche Ausbildung sie machen wollte. Heute ist die bald 22-Jährige NMS-Lehrerin. Auch sie sieht ihr "Frau-sein" als große Freiheit, "womöglich sogar größer als die der Männer heute". "Mädchen sind heute im Heranwachsen tatsächlich etwas freier als Buben", meint die Pädagogin, "die Burschen sind vielen Normen und Bildern ausgesetzt, wie sie als Männer zu sein hätten, das ist bei Mädchen weitaus weniger so." Als Landeslehrerin wird Sarah auch gleich bezahlt wie ihre männlichen Kollegen: "Da macht das Land Tirol keinen Unterscheid, und das ist auch gut so. Dass Frauen in der Privatwirtschaft noch immer um knapp ein Viertel weniger verdienen als Männer, ist eine Frechheit. Das muss sich schleunigst ändern!"
Diese Feststellung teilen alle drei Generationen.
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