06.04.2017, 12:15 Uhr

Im „Silicon Valley“ der Logistik

Alpin-Geschäftsführer Christian Schoner: Chancen im Herzen Europas nutzen und nachhaltig wirtschaften! (Foto: EAfoto.at/Emanuel Adensam)
Kirchbichl: Bauhofstraße 7 |

Mittendrin und nach allen Seiten offen – so versteht sich die Tiroler Logistik- und Speditionsbranche seit jeher. Vor allem im Unterland, in dem es in den letzten drei Jahrzehnten zu einer enormen Konzentration einschlägiger Firmen kam. Angeboten wird alles, was den europäischen Kontinent im wahrsten Sinne des Wortes „bewegt“: Transporte mit großen Volumina oder hohen Massen, „just in time“-Lieferungen, Fahrten mit überlangen oder extrabreiten Aufliegern und – seit kurzem en vogue – alles rund um das „Warehousing“.

Der so prosperierende Wirtschaftszweig giert nach neuen Mitarbeitern/innen und absorbiert förmlich ganze Jahrgänge junger, zielstrebiger Absolventen/innen, die dank exzellenter Vorbereitung in den heimischen Schulen ihre Sprachenkompetenz sowie wirtschaftliche Ausbildung unter Beweis stellen können. Und nebenbei lässt sich im Traumberuf Disponent und Spediteur gutes Geld machen. Augenfällig ist weiters die hohe Zahl an Betriebsneugründungen: in nur wenigen Sparten wird es engagierten Leuten so leichtgemacht, auf eigenen Füßen zu stehen. Klaus Steidl sprach mit Christian Schoner, dem Geschäftsführer der in Kirchbichl ansässigen Alpin Spedition GmbH, über das tägliche Geschäft, Visionen, nachhaltige Ökonomie und Teamgeist.


Herr Schoner, was macht den Reiz aus, dass sich so viele Speditionen in unserem Gebiet ansiedeln?
Tirol hat sich zur Drehscheibe zwischen allen Nord- und Süd-Verbindungen in Mitteleuropa entwickelt. Im Inntal hat es bereits in unserer Vergangenheit Logistikunternehmen an der Transitroute gegeben, die nunmehr über Generationen herausgewachsen sind. Die Alpin Spedition geht am Standort Kirchbichl jedoch einen ganz anderen Weg. Wir wollen durch unsere sehr zukunftsorientierte Unternehmensausrichtung mit „Arbeiten 4.0“ die Speditionsbranche innovativ mitgestalten.

Welche besonderen Herausforderungen müssen Sie als Unternehmer meistern?
Den Spagat zwischen Arbeitswelten und Lebenswelten in Balance zu halten gehört mittlerweile zu einer meiner größten Herausforderungen. Hier liegt es mir sehr am Herzen, meinem Team und mir eine gesundheitsfördernde Arbeitsumgebung anzubieten, die uns motiviert und fördert. Diese Umwelt haben wir uns durch viele Details im Haus geschaffen. Naturmaterialen in allen Räumen, die für ideales Raumklima sorgen, eigene Teambereiche mit Erholungszonen, „Chillfit“ ist unser Fitness- und Entspannungsraum, dort finden regelmäßige Sportprogramme sowie Massagen statt. Gesundes Essen in unserer Teamzone sowie eine Sonnenterasse fernab vom Alltagslärm und dem hektischen Treiben bringen uns immer wieder den nötigen Ausgleich zur hektischen Arbeit. Der Berufsalltag stellt uns täglich vor neue Situationen, da sich der internationale Transport um Vieles komplexer gestaltet als noch vor 20 Jahren. Verschärfte Gesetze im Ausland, Wettbewerb aus Billiglohnländern sowie die aktuelle Gesamtsituation spüren wir in unserem täglichen Handeln. Unsere Mitarbeiter genießen diesen Benefit und wissen, dass wir alle im Alpin-Team unsere Unternehmenswerte mittragen und dadurch unsere Ziele erreichen. So führen wir sehr oft Gespräche mit Bewerbern, die sich mit unserer Unternehmenskultur und Ausrichtung erst einmal gedanklich auseinandersetzen müssen, da sie solche Unternehmen bisher noch nicht kennen.
Wir wissen, wie hart die Herausforderungen im Speditionsalltag sein können, mit dieser neuen Unternehmensausrichtung schaffen wir den Ausgleich dazu, um ihn leichter und angenehmer zu gestalten.

Wie kann man angesichts der großen Konkurrenz überleben?
Seit einigen Jahren arbeite ich mit dem Organisationsentwickler Günther Klammer aus Kufstein an unserer neuen Unternehmensphilosophie. Nach Werten ein Unternehmen aufzubauen und diese Werte auch zu leben ist für mich essentieller und wesentlich bedeutsamer als schnelles Geld zu machen und eine „sinnfreie Firma ohne Spirit“ zu haben. Unser Fokus liegt mittlerweile auf Nachhaltigkeit.

Welche Werte werden in Ihrem Unternehmen gelebt?
Wir leben die Nachhaltigkeit, dass wir ein Umwelt-Bewusstsein schaffen. Einmal in Blickrichtung Umwelt-Natur: Wir verringern den CO2-Footprint, haben Öko-Strom, E-Bikes, E-Cars, Wasserspender, verwenden 100% Recycling-Papier und Schreibgeräte. Sowie in die andere Richtung zu unseren Arbeitsbeziehungen: Wir begegnen uns auf Augenhöhe, arbeiten wertschätzend im Team miteinander und wollen eine gewaltfreie Kommunikation im Team. Wir bieten unseren Lieferanten sowie Auftraggebern eine Fünf-Sterne-Handschlagqualität an, die Qualität statt Quantität bietet. Wir wollen Aufträge abwickeln, die sich für alle Beteiligten erfolgreich und gewinnbringend auswirken. Teamplay wird bei uns großgeschrieben, daher verwenden wir gerne den Spruch „Wir kommt weiter“. Wir wollen ein Team sein, das wertschätzend und emphatisch interagiert, lösungsorientiert arbeitet, sich entwickelt und sich für die Unternehmenswerte einbringt.

Wie hat sich das Geschäft im Laufe der Zeit verändert?
Ich bin seit nunmehr 17 Jahren in der Branche und einiges ist schwieriger geworden. Einiges auch leichter durch die digitalen, automatisierten Arbeitsabläufe. Die Lkw heute hunderte Kilometer leer und ohne Ladung zu schicken, kann sich heute durch den steigenden Kostendruck niemand mehr leisten. Es geht darum, die Transportrouten zu optimieren und die Transportunternehmer bestmöglich mit Anschlussladungen in der Nähe der Entladestelle zu befrachten. Leider ist die Handschlagqualität verloren gegangen, und dadurch benötigen wir auch für die Auftragsabwicklung zur Prüfung aller Transportpartner sehr viel mehr Zeit als in der Vergangenheit.
Was auffällt, es werden immer wieder neue Firmen als sogenannte Scheinfirmen gegründet, um andere zu schädigen. Hier sind wir durch unsere sorgfältige Auswahl aller Beteiligten am Transport bemüht, um verlässliche Unternehmer für unsere Klienten einzusetzen.

Wie sieht die Zukunft aus?
Neue Technologien ersetzen in der Speditionswelt die Arbeitsprozesse. Selbstfahrende Autos sind schon bald Realität und erneuerbare Energien sind im Aufbau. Wir setzen bereits heute Workflows ein, die uns einiges an Arbeit abnehmen. Dafür nehmen wir viel Geld in die Hand, um diese neuen Entwicklungen in Software und Hardware zu investieren und für die Zukunft bestens aufgestellt zu sein. Im März 2017 haben wir unser Produktportfolio mit einer umfassenden Lagerlogistik erweitert. Wir bieten an unserem zusätzlich dafür geschaffenen Standort direkt am Bahnhof Kirchbichl modernste Logistikleistungen – von Einlagerungen bis hin zu Verpackungen und Versand – an.

Welches Profil müssen Ihre Mitarbeiter/innen aufweisen?
Mitarbeiter/innen sollten Kommunikationstalente sein, gerne unterschiedliche Sprachen sprechen und über kaufmännisches Verhandlungsgeschick verfügen. Sie setzen sich für unsere Klienten ein und handeln unternehmerisch sowie verantwortungsbewusst. Tragen und leben unsere Werte nicht, weil es ihnen von der Unternehmensleitung aufs Aug` gedrückt wird, sondern weil sie selbst auch von Werten wie unseren überzeugt sind.

Was sagen Sie jungen Leuten, wenn Sie in die Branche einsteigen wollen?
Zunächst, bitte nehmt euch die Zeit, um das Berufsbild eines Speditionskaufmanns / einer Speditionskauffrau gut zu studieren. Danach ist es sehr wichtig, die Branche kennenzulernen. Dazu bieten wir ein Schnupper-Praktikum in verschiedenen Abteilungen mit einer Job-Rotation an.
In unserem Job geht es manchmal etwas rau zu. Ich sag immer, wenn Nachwuchs-Logistiker etwas bewegen wollen, sind sie bei uns richtig. Sie sollen dazu die richtigen Kommunikationsinstrumente einsetzen. Das klassische Telefon hat lang noch nicht ausgedient. Man kann am Telefon zu unseren Klienten eine Beziehung aufbauen und so die Transortanforderungen von den Auftraggebern gut kennenlernen. Wir begleiten junge Disponenten auf ihrem Weg und bilden aus Einsteigern Fachleute in der Transportlogistik aus. Sie lernen bei uns über interne Schulungen die Speditionswelt kennen. Fachenglisch in der Transportbranche, Speditionsprogramm-Trainings, Verkaufstrainings usw. sind ein kleiner Auszug von Schulungen, die bei uns intern angeboten werden. Durch Coachings von Mentoren erhalten junge Disponenten die Möglichkeit, sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln.

Was sollte sich im Bereich Ausbildung / Bildung tun?
Wir würden uns für die Zukunft von den berufsbildenden Schulen wünschen, dass bereits innerhalb des Schulsystems auf die starke Nachfrage in der Spedition nach neuen Mitarbeitern mit Speditionslehrgängen eingegangen wird. Hier wäre der ganzen Speditionsbranche sehr geholfen, wenn es eigene Ausbildungsschwerpunkte innerhalb der Schulen gibt, die ganz gezielt auf die internationale Transportlogistik in Tirol abzielen. So könnten als Beispiel Fachkenntnisse aus dem Bereich Transport, Spedition, Logistik, Wirtschaftsgeografie, den Fachsprachen Englisch, Französisch und Italienisch in Verbindung mit einem Training on the job angeboten werden.

Weiters ideal wäre natürlich ein einjähriger Lehrgang für künftige Logistiker und Spediteure, in dem man Absolventen von Fachschulen, Quer- und Wiedereinsteiger für das Berufsbild vorbereitet.

Wir danken für das Gespräch.
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