27.03.2017, 15:58 Uhr

„Ich glaube, es war damals gerechter“

Alfred Schreiner zeigt sich bei seinem letzten Interview als Arbeiterkammer-Präsident noch immer sehr kämpferisch. (Foto: AK Burgenland)

Interview mit Alfred Schreiner, der nach 17 Jahren als Arbeiterkammer-Präsident in den Ruhestand geht.

Wenn Sie auf die 17 Jahre als Arbeiterkammer-Präsident zurückblicken: Was macht Sie besonders stolz?
ALFRED SCHREINER: Bereits als ich in die Lehre ging – das war Anfang der 70er-Jahre – forderten wir in der Gewerkschaftsjugend, dass die Lehre durchlässiger sein muss. Und schon damals haben wir gesagt, dass es möglich sein muss, eine Lehre mit Matura abzuschließen. Im Burgenland hat die Arbeiterkammer gemeinsam mit dem Land sicher das beste Konzept zu ,Lehre mit Matura‘ entwickelt. Das macht mich besonders stolz.

Vor allem in den vergangenen Jahren ist der Zuzug von ausländischen Arbeitskräften ein viel diskutiertes Thema. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Gewerkschaft und Arbeiterkammer haben immer wieder darauf hingewiesen, dass der Zuzug gravierende Veränderungen mit sich bringen wird. Uns wurde vorgeworfen, dass wir nur schwarzmalen. Leider haben wir Recht bekommen. Sämtliche Statistiken weisen darauf hin: Die Einkommen und die Arbeitsbedingungen sind schlechter geworden und die Arbeitslosigkeit ist gestiegen.


„Solidarität mit Menschen, denen es schlecht geht, ist nicht mehr so ausgeprägt.“

Wie haben sich die Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt verändert?
Früher hat es einzelne Handelskonzerne gegeben und es war leicht, einen Betriebsrat zu wählen. Heute gibt es Konzerne, die zehntausende Menschen beschäftigen und teilweise mit den Arbeitnehmern schlecht umgehen, sie schlecht bezahlen und wenn jemand Betriebsrat werden möchte, wird er sofort entlassen.

Aber es gab auch früher Unternehmer, die ihre Mitarbeiter nicht immer bestens behandelt haben?

Der Unternehmer hat früher mit seinen Angestellten gescheit umgehen müssen, weil sonst die Leute nicht mehr bei ihm einkaufen gegangen wären. Heute ist es egal, wenn ein Konzern die Mitarbeiter schlecht behandelt. Die Leute kommen trotzdem einkaufen. Solidarität mit Menschen, denen es schlecht geht, ist nicht mehr so ausgeprägt.

„Es ist viel schwieriger geworden, gegen die Weltkonzerne anzukämpfen.“

Das heißt, früher war alles besser?
Das Leben war für die Menschen teilweise sehr schwierig. Aber ich glaube, es war damals gerechter und fairer. Heute haben wir es mehr mit der globalen Gier zu tun. Und es ist viel schwieriger geworden, gegen die Weltkonzerne anzukämpfen.

Die Einkommenssituation in manchen Berufssparten kann Sie auch nicht zufriedenstellen, oder?

Natürlich nicht. Wie soll jemand, der im Gastgewerbe, als Friseurin oder bei einem Rechtsanwalt arbeitet und 1.200 Euro verdient, eine Familie gründen? Und wenn man dann 1.500 Euro Mindestlohn fordert, heißt es: Wir können uns das nicht leisten, erst ab 2025. Das tut weh.

Sie hatten im Juni 2014 einen Schlaganfall. Inwieweit hat das Ihr Leben verändert?
Ich habe lange gebraucht, bis ich wieder reden konnte. Das Formulieren der richtigen Sätze fällt mir heute noch schwer. Und es war vieles, das ich mir beruflich noch vorgenommen hatte, nicht mehr möglich.
Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass Menschen, die von viel härteren Schicksalsschlägen betroffen waren, unheimlich zuversichtlich das Leben meisterten und viel daraus gemacht haben.

Wie werden Sie Ihren Ruhestand verbringen?
Ich habe 45 Jahre nach dem Terminkalender gelebt. Wenn ich in Pension gehe, habe ich mir vorgenommen, dass ich aufstehe, wann ich will, und dass ich hingehe, wohin ich will. Ich werde auch nicht langfristig planen. Es gibt jedenfalls noch viel anzuschauen und zu entdecken.

Kommentar von Chefredakteur Christian Uchann
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