24.05.2017, 00:00 Uhr

Energie AG-Chef Steinecker: Hype ums Elektroauto – Strom wird teurer – und: ohne Atomstrom geht nix

Werner Steinecker ist seit März 2017 Vorstandsvorsitzender der Energie AG. Er hat als Lehrling im Unternehmen begonnen, berufsbegleitend zwei Doktoratsstudien absolviert und war zuletzt Technischer Vorstand der Energie AG. (Foto: BRS/Kramesberger)

Werner Steinecker glaubt, dass die Autos der Zukunft Gas tanken, glaubt nicht an eine Fusion von Energie AG und Linz AG zu seinen Lebzeiten, erklärt, warum Atomstrom derzeit für Österreich noch unverzichtbar ist und verrät, wovor sich die Energiebranche fürchtet.

Wie sehen Sie die Zukunft der Elektroautos?
Ganz Europa ist von der Aussage Norwegens zum Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor und Einstieg in die Elektromobilität enthusiasmiert. Die Norweger sind ja die Schlauen. Aber man hat nur den ersten Halbsatz von den Norwegern gehört. Die haben aber gesagt: Wir steigen aus bis 2022 und steigen um auf Elektromobilität oder Wasserstoffantrieb. Und dieses „oder Wasserstoffantrieb“ wird nirgends diskutiert – man hört immer nur Elektromobilität. Fakt ist, dass derzeit das Elektroauto einen Wahrnehmungshype durch i3 und Tesla hat. Aber warum setzen die großen Hersteller auf Elektroautos? Weil sie sich nichts dabei vergeben. Egal ob Leichtbauweise in Kevlar, Radnabenmotoren und deren besondere Elektroniksteuerung: Wenn ich die Stromquelle Batterie weggebe und eine Brennstoffzelle einbaue, dann könnte künftig Wasserstoff zum Einsatz kommen. Ich glaube aber nicht an die direkte Verwendung von Wasserstoff, sondern dass ein Brennstoffzellenauto Erdgas, CNG, tankt und dann der Wasserstoff im Auto herausreformiert wird. Beim Autoantrieb und bei Lkw der Zukunft wird der Wasserstoff aus einer CNG-Betankung kommen, denn Erdgas ist überall verfügbar und ich kann relativ unkompliziert einen Erdgastank anfüllen und brauche mich nicht mit einem Wasserstofftank quälen.
Wenn Sie heute das Gesamtsample aus Tank und Tankfüllung für eine Autoreichweite von 1000 Kilometern hernehmen und die zugehörige Brennstoffzelle und sie wollen dasselbe mit einer Lithium-Ionen-Batterie erreichen, dann sind Sie gewichtsmäßig beim Vierfachen.

Könnte man denn Erdgas nicht wie bisher gleich im Verbrennungsmotor verfeuern?
Ich bin bei einem klassischen Erdgas-Motor zwar viel emissionsärmer als bei einem Diesel oder Benziner, aber ich habe weiterhin Abgase. Wenn ich aus Erdgas den Wasserstoff im Auto erzeuge, dann habe ich nur noch minimalste Emissionen.

"Elektroautos vielleicht bald Teil der Geschichte"

Wie viele Elektroautos würde denn das derzeitige Stromnetz verkraften?
Nehmen wir das mittelfristige Ziel von 200.000 Elektroautos: Das spürt die Aufkommensstruktur der österreichischen Energiewirtschaft überhaupt nicht, das ist minimal. Wo es zur Sache geht, ist das Stromnetz. Das Betanken eines E-Autos in einer Viertelstunde – so viel Zeit billigt der Mensch dem Elektroauto als Betankungszeit zu – benötigt eine derartige Energiedichte, die nur mit dicken Kabeln dargestellt werden kann. Und da ist die Frage: Wie viele Autos wollen Sie gleichzeitig betanken? Für ein Elektroauto in einer Viertelstunde brauchen Sie eine Ortsnetz-Trafostation, an der ein paar hundert Häuser hängen. Wenn wir unten im Keller des Power-Tower 20 Prozent der Stellplätze ausrüsten mit Elektrobetankung und die wären gleichzeitig zu betanken, mit Schnellbetankung, dann muss sich die Linz AG überlegen, wo sie irgendwo da unten hin ein Umspannwerk baut. Das ist die Realität – und was in der Diskussion meist übersehen wird. Die Elektroautohersteller haben sich nie darüber Gedanken gemacht: Woher kommt denn die Energiedichte im Ladevorgang her?

Viele Ingenieure bei den Autoherstellern sind ohnehin nicht vom Elektroauto überzeugt und kaum ein Unternehmen verdient etwas beim Verkauf von E-Autos ...
Aber Du musst sie in der Palette haben, sonst bist Du nicht dabei. Die Aktionäre fragen ja: Warum habt Ihr keine Elektroautos. Aber nur ein Vergleich: Wenn Sie heute ein Kilogramm Lithium-Ionen-Batterie nehmen und ein Kilogramm Diesel oder Benzin: Beim Benzin haben Sie einen Energieinhalt von 20 Kilowattstunden pro Kilogramm, bei Lithium-Ionen von 0,2 Kilowattstunden. Und Bosch rühmt sich jetzt, dass sie diese 0,2 Kilowattstunden vielleicht um 50 Prozent erhöhen.

Glauben Sie also, dass die Elektromobilität ein Hype ist, der wieder abflauen wird?
Ja, die Frage ist, ob sich das Elektroauto der Zukunft auf die Ballungszentren konzentriert oder ob nicht das serienreife Brennstoffzellenauto – egal ob mit Wasserstoff oder Erdgas-Betankung – insgesamt auch den Verkehr in den Metropolen übernimmt – und dann das Elektroauto Teil der Geschichte wird.

Energieversorger-Netzwerke vor Hacker-Angriffen gut geschützt

Große Aufregung hat zuletzt rund um den Cyber-Angriff auf viele Unternehmen weltweit geherrscht, der beispielsweise sogar das Werk eines französischen Autoherstellers stillgelegt hat. Wie gut sind Energieunternehmen wie die Energie AG darauf vorbereitet, damit nicht ein Blackout die Folge ist?
Der Begriff Blackout bedeutet eine flächendeckende Stromunterbrechung in Europa, nicht wie wenn etwa nach Kyrill 200.000 Kunden vom Netz waren. Der Begriff hat sich halt so eingebürgert, und jetzt sagt man schon: Um Gottes Willen, was ist, wenn es bei mir zuhause zu einem Blackout kommt – wenn vielleicht auch nur in der Kelleretage?
Zu sagen, es würde nie ein Blackout in der richtigen Bedeutung als europaweiten Stromausfall geben, wäre aber fahrlässig. Die Frage ist nur: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Kriminelle, die einen Blackout herbeiführen wollen, suchen sich Unternehmen, die im Internet zuhause sind, meist Windows-Anwender und meist mit alter Software und noch älteren Firewalls. Was Sie heute bei uns in der Energie AG finden und bei den Energieversorgern: Wir verfügen über ein eigenes Netzwerk, haben diese Software schon lange nicht mehr in Verwendung, gerade das Netz hängt nicht an Windows-Rechnern sondern an kaum attackierbaren Unix-Rechnern. Und wir schauen uns permanent die Sicherheitslage an, ob die Firewall passt und die Software. Seit fünf Jahren, seit dem Ausrollen der Smart Meter, beauftragen wir professionelle Hackerfirmen damit: Hackt unsere Systeme!

Aufregung um angebliche Überwachung durch intelligente Stromzähler hochgespielt

Smart Meter, die intelligenten Stromzähler. Viele befürchten dadurch die totale Überwachung.
Da werden Dinge hineingeheimst, das ist einzigartig in Österreich. Wenn man sich in Deutschland oder Skandinavien darüber mit Smart Meter-Strategen unterhält, die schauen einen nur verwundert an: „Boah, habt’s Ihr keine anderen Probleme?“
Wir sind ja durch Telebanking und Co. ohnehin offen im Umgang mit Daten. Aber durch Akteure bis hin zur Arbeiterkammer hat sich das zu einem Hype hochgespielt, was dazu geführt hat, dass wir mittlerweile im Bereich der Smart Meter-Einführung Gesetzesauflagen haben, die sich gewaschen haben. Das geht so weit, dass für den eigentliche Nutzen von einem Smart Meter, die sogenannten Viertelstunden-Daten, die zu Tarifmodellen werden können, unsere 650.000 Kunden explizit die Zustimmung geben müssen: Ja, man darf mit meinen Daten mir so einen Tarif anbieten. Überall anderswo, inklusive Amerika, muss ich sagen, dass ich das nicht will. Wir müssen fragen: „Willst Du das eh, damit wir Dir Nutzen stiften können?“ Erst mit den Viertelstundendaten wird das von der Tarifgestaltung her wirklich sexy für den Kunden. Wir halten derzeit von 650.000 Kunden bei 350.000 – wir sind Vorreiter in Österreich.

Der Endkunde soll sich aber durch den Smart Meter im Endeffekt Geld ersparen.
Ja, ganz genau. Er soll Bewusstsein bekommen. Um es billiger und einfacher zu machen, braucht er eine Home Automation, die dann dafür sorgt, dass er immer die günstigste Einschaltzeit für die Gefriertruhe hat oder für die Waschmaschine und dass er das günstigste Angebot von der Strombörse bekommt. Ich muss dazu nicht das Haus uminstallieren, es reicht, wenn ich adressierbare Geräte habe, also in der Gefriertruhe eine Art Simcard.

Ist es möglich, die Einsparungen für eine Durchschnittsfamilie zu benennen?
Wir wissen es nicht, weil wir sowas von am Anfang stehen damit. Was wir wissen: Durch die Smart Meter-Informationen sind wir auf der Netzseite in der Lage, Ausbaumaßnahmen zu simulieren. Durch hohe Photovoltaik-Einspeisung hätte bisher der Hausverstand gesagt: Dort müssen wir eine Leitungsverstärkung machen. Mittlerweile wissen wir, wo die Toleranzen sind und dass wir uns etwa 30 Prozent der Ausbaukosten im Netz ersparen.

Fusion von Energie AG und Linz AG "werde ich nicht erleben"


Es kommt immer wieder die Forderung, aus Energie AG und Linz AG ein Unternehmen zu formen – es scheint aber immer am politischen Willen zu scheitern. Was ist aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Der Umgang miteinander ist ein sehr pragmatischer. Das alte Lagerdenken aus ESG- und OKA-Zeiten hat man schon längst hinter sich gelassen und das war vielleicht auch ein Generationenthema. Die Leute arbeiten unkompliziertest zusammen, wir ergänzen uns.
Es gibt eine sehr große Unterschiedlichkeit beider Häuser – die Linz AG ist ein sehr städtisch geprägtes Infrastrukturunternehmen, mit Teilen, die wir nicht kennen, wie den Hafen, die Bestattung, Hallenbäder oder die Grottenbahn. Wo Schnittmengen da sind, kooperiert man entweder bereits, wie bei der Enamo im Stromverkauf. Und bei anderen wie den Gaskraftwerken, dem Betrieb von Gas- & Stromnetzen wird man Kooperation suchen, ohne Gefahr zu laufen, dass einer den anderen als Beherrscher sieht. Das ist das Urtrauma aus ESG-OKA-Zeiten, dass die große OKA die kleine ESG frisst, das ist alles Blödsinn. Das werde ich nie erleben. Was ich erleben werde, ist ein höheres Maß an Kooperation.

Strom wird etwas teurer

Die im Raum stehende Abkoppelung Österreichs vom deutschen Strommarkt mit vielen negativen Folgen konnte verhindert werden – worum ging es da wirklich?
Das Gelungene am Kompromiss ist, dass die von den Deutschen geforderte Mitbeteiligung an den Kosten von rund 300 Millionen pro Jahr für Österreich wegverhandelt werden konnte. Das Problem ist Folgendes: Die Deutschen brauchen im Süden Energieeinspeisung, haben aber Überschuss im Norden durch die Windanlagen. Sie bringen diesen Überschuss aber nicht durch Deutschland in den Süden, weil ihnen 3500 Kilometer Hochspannungsleitungen fehlen. Jetzt muss der Strom sich einen Ersatzweg über Polen, Tschechien, Österreich wieder rein nach Süddeutschland suchen. Ein Gutteil geht auch gleich runter auf den Balkan oder wird von den Österreichern verbraucht, weil der Windstrom sehr günstig ist, da der Preis durch den Überschuss verfällt. Und der Österreicher geht her und sagt: Naja, dann lass ich mir den fast geschenkten Strom ins Land kommen, fahr meine eigenen Kraftwerke zurück und feiere lustigen Stromverbrauch zu sehr günstigen Konditionen. Der Deutsche sagt: Ich brauche im Süden Ausgleichsenergie. Und der Österreicher antwortet: Ich habe klasse Kraftwerke wie Timelkam oder Mellach, ich liefere die Ausgleichsenergie, will aber gutes Geld dafür. Und das hat die Deutschen zur Weißglut gebracht: „Auf der einen Seite konsumierst Du unsere vom deutschen Steuerzahler bezahlte Überschussmenge und lässt Dir die Ausgleichsenergie sehr fürstlich zahlen. An diesen Ausgleichsenergiekosten hätte ich Dich deshalb gerne beteiligt – und da ist immer eine Zahl von 200 bis 300 Millionen Euro in Diskussion gewesen, die nun durch die Einigung weggefallen ist. Im Endeffekt hätten das die Kunden bezahlen müssen.
Ein bisschen wird sich aber der Strom trotzdem verteuern, da nicht mehr so große Mengen billigen Stroms von Nord nach Süd kommen und die Österreicher mit den eigenen, teureren Anlagen produzieren müssen. Da rede ich speziell von den Wintermonaten, wo ich wenig Wasserstrom habe – da muss mehr mit thermischen Anlagen gefahren werden. Für die Energieversorger kostenneutral, denn: Was ich für die Kilowattstunde mehr verlangen kann, muss ich an höheren Produktionskosten reinstecken.

Ohne Atomstrom geht nix

Die Netzstabilität wird durch die geringeren Strommengen aus Deutschland nicht in Frage gestellt?
Hätten die Deutschen ihre Drohung wahrgemacht, und hätten viel weniger Strom bei uns hereingeschickt, dann hätte es an der Leistung gefehlt und dann wäre es eng geworden. Wir haben heuer im Jänner ein paarmal Situationen gehabt, da hätten wir ohne Energiemenge auch aus Dukovany und Temelin ein Riesenproblem gehabt.

Ohne Atomstrom geht also nix?
Ja, das war, als Mitte Jänner diese Dunkelflaute war, 14 Tage lang. Kein Wind, kaum Photovoltaik. Darum ist die spannende Frage, wenn die Deutschen 2022 11.000 Megawatt aus Atomkraft vom Netz nehmen: Wo wird dieser Strom erzeugt.

Kann das auf Österreich negative Auswirkungen haben?
Das kann sein – ich glaube es zwar nicht, aber es sind Betriebszustände andenkbar, bei denen ich sage: Das muss ich kein zweites Mal haben.

Schreckenszenario für Energieversorger: Jeder hat sein Kraftwerk im Keller

Wie wird die Energiezukunft aus Ihrer Sicht überhaupt aussehen – hat bald jeder sein eigenes kleines Kraftwerk im Keller?
Es ist ein Schreckensszenario für die klassischen Energieversorger aber auch für das Thema Versorgungssicherheit, dass genau diese Anlagen in Form einer Brennstoffzelle in Kühlschrankgröße und einer Leistung von 700 Watt bis einem Kilowatt sich tausendfach in Kellern wiederfinden. Betrieben mit Erdgasanschluss, aus Erdgas wird Wasserstoff erzeugt, der dann in der Brennstoffzelle Energie erzeugt. Und der Kunde entscheidet selbst, ob er Wärme für die Heizung produziert und den Überschussstrom ins Netz schickt. Vielleicht an einem kühlen Oktobertag mit viel Sonne, der optimal für die Solarstromerzeugung ist. Dann habe ich von der Photovoltaik viel Strom und auch von diesen Minikraftwerken im Keller, eine Übermenge im Netz und keine Verbraucher. Davor hat der klassische Netzbetreiber Riesenrespekt und sehnt sich nach einer Idee, die lautet: Das virtuelle Kraftwerk. Also dass ich diese tausenden kleinen Kraftwerke zusammenschalte und wie ein großes Kraftwerk betreibe und ich als Netzbetreiber entscheide: Ich produziere nicht Strom und Wärme, sondern es gibt zusätzlich zur Brennstoffzelle eine Gasbrennwert-Therme, mit der nur Wasser und Haus geheizt aber nicht Strom erzeugt wird. Und der Kunde merkt nix davon, sondern er hat nur den Komfort.

Kunden werden von Billiganbietern "für blöd verkauft"

Wie wird der Strommarkt künftig aussehen, wie tun sich klassische Energieversorger wie die Energie AG im Wettbewerb mit jenen Anbietern, die nur mit Strom handeln und mit Billigangeboten locken?
Unter den ersten 50 Anbietern im Tarifrechner des E-Regulators finden Sie vielleicht vier, die eigene Kraftwerke haben. Alle anderen verkaufen Strom aus der Überschussproduktion und verkaufen solange, solange es geht. Und wenn sich das Geschäftsmodell nicht mehr ausgeht, gehen sie in Konkurs. Das Geschäftsmodell ist ja einfach. Sie bieten dem Kunden einen Vertrag an, bei dem er im ersten Jahr den Strom fast geschenkt bekommt. Super billig. Im zweiten Jahr gehen diese Anbieter mit dem Strompreis um das Neun- bis Zehnfache rauf. Wenn der Kunde nach einem Jahr vergisst, zu kündigen – das Recht hat er aber wer denkt daran -, dann trifft ihn der Schlag im zweiten Jahr. Und die Billiganbieter holen sich im zweiten Jahr alles zurück. Dieses Freibeutertum, den Kunden ein bissl für blöd zu verkaufen und wenn’s irgendwie geht mit’m Kappl zu fangen, das hat auch in dieser Branche schon lange um sich gegriffen.
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