24.06.2016, 13:47 Uhr

Oberösterreich will britische "Abwanderer" holen

Wohin steuert die EU? Fiat könnte jedenfalls seinen Traktoren-Produktionsstandort von Großbritannien nach St. Valentin verlegen. (Foto: Steyr Traktoren)

Strugl: "Focus auf Betriebe legen, die ihren Standort von Großbritannien auf das Festland verlegen wollen."

OÖ. Was Sergio Marchionne, Chef des Konzerns Fiat Chrysler Automobiles (FCA), am vergangenen Wochenende in Venedig angekündigt hat, könnte bald Wirklichkeit werden: Der Manager sagte, dass er im Fall eines Brexit die Traktoren-Produktion vom britischen Standort Basildon nach St. Valentin verlegen werde. In Basildon produziert der Konzern mit der Land- und Baumaschinengruppe CNH (Case New Holland) jährlich rund 22.000 Traktoren und beschäftigt 1000 Mitarbeiter.

Wirtschaftslandesrat Michael Strugl hat deshalb die oberösterreichische Agentur Business Upper Austria damit beauftragt, Firmen mit ähnlichen Absichten nach Oberösterreich zu holen: „Unsere Wirtschaftsagentur soll jetzt gezielt einen Focus auf derartige ‚Abwanderer‘ aus Großbritannien legen."

Strugl: "Exporte werden erschwert"

Derzeit ist Großbritannien der sechstwichtigste Handelspartner von Oberösterreich. "Aufgrund der zu erwartenden Kursverluste des britischen Pfund werden die Exporte nach Großbritannien für Oberösterreichs Betriebe erschwert", so Strugl. Insgesamt hat Österreich im Jahr 2015 Waren im Wert von 4,2 Milliarden Euro nach Großbritannien ausgeführt, dem standen Importe von knapp 2,5 Milliarden Euro gegenüber. „Etwa ein Viertel aller österreichischen Exporte stammen aus Oberösterreich, womit der Brexit Oberösterreichs Wirtschaft besonders treffen wird“, erklärt Strugl.

Greiner: "Auswirkungen auf die oö. Industrie noch nicht abschätzbar"

Axel Greiner, Präsident der oberösterreichischen Industriellenvereinigung, erklärt in einer Aussendung: "Brexit ist bedauerlich, aber zu respektieren. Die Auswirkungen auf die oö. Industrie und ihre in Großbritannien aktiven Betriebe ist noch nicht abschätzbar." Oberösterreich brauche aber auch weiterhin eine starke EU, um auf den globalen Märkten Erfolg haben zu können. Daher sei es wichtig, dass die Europäische Union aus der Abstimmung die "richtigen Schlüsse zieht, zusammenrückt und letztlich noch stärker wird".

Landesrat Strugl sieht Brexit grundsätzlich mit Besorgnis: „Die Trennung der zweitgrößten Wirtschaft von der EU wird die wirtschaftliche Dynamik der Staatengemeinschaft massiv bremsen und die internationale Position der EU schwächen."

Pühringer: "Kein Spielraum mehr"

Landeshauptmann Josef Pühringer erklärte via Aussendung, dass Großbritannien eindeutig wirtschaftlicher Verlierer dieser Entscheidung sei: "Wirtschaftsforscher sagen Großbritannien einen deutlichen Konjunktureinbruch voraus. Dazu kommen die negativen Auswirkungen auf die Börse, die hoffentlich nur von kurzer Dauer sein werden. Das Ergebnis schadet aber auch Europa. Es verliert eine seiner größten Volkswirtschaften. Es wird als internationaler Player, der die Interessen seiner Mitglieder vertritt, künftig deutlich weniger Gewicht auf die Waage bringen." Der Landeshauptmann machte auch deutlich, dass nun die Juncker-Formel "out ist out" gelten müsse und es keinen Spielraum mehr für Nachverhandlungen gebe – "Vor allem, weil die Beispielwirkung für andere EU-Gegner in Europa enorm wäre."

voestalpine-Chef Eder: "Europa von einzelne kleine Nationalstaaten wird in globalisierter Welt keine Zukunft haben

"Es ist ein sehr nachdenklich stimmender Tag für Europa, aber man muss den Ausgang des Referendums in Großbritannien respektieren und so auch zur Kennnis nehmen. Mir persönlich fällt es schwer, diese Entscheidung der Briten gegen die EU zu akzeptieren, da ich das Land und die Menschen sehr schätze. Für die Menschen in Europa ist damit ist die Euphorie von 1989 mit der Öffnung nach Osten und der Geburt eines großen gemeinsamen Europa jetzt endgültig verloren gegangen."
So kommentiert voestalpine-Generaldirektor Wolfgang Eder den Ausgang des Referendums. Die voestalpine erwarte keinen unmittelbaren Einfluss durch Brexit, "da wir international breit aufgestellt sind und unsere Aktivitäten global konsequent ausbauen." Der Konzern hat im abgelaufenen Geschäftsjahr 2015/16 in Großbritannien mit rund 660 Mitarbeitern an 10 Standorten einen Umsatz von fast 335 Millionen Euro erwirtschaftet
Eder erwartet trotz “Scheidung” einen konstruktiven Weg der weiteren Zusammenarbeit. Er schließt Dominoeffekte in anderen EU-Staaten nicht aus. "Eines ist aber vollkommen klar: Europas Zukunft kann nicht in einem neuen Nationalismus liegen. Auch in Österreich werden verstärkte Diskussionen zum Thema Europäische Union aufkommen. Sollte es jedoch zu einem Referendum in Österreich kommen setze ich darauf, dass den Österreichern folgendes bewusst ist: Das im europäischen Vergleich kleine Österreich würde bei einer Abkehr von der europäischen Idee zum Spielball der internationalen Spekulation werden, mit unabsehbaren Folgen für Wirtschaft, Arbeitsplätze und Wohlstand. Wir müssen klar sagen, dass wir ein vereintes Europa aus politischen und wirtschaftlichen Gründen wollen. Europa muss es zudem schaffen, auf Basis konsequent gelebter Prinzipien stringenter, klarer und transparenter zu werden. Ein Europa von einzelnen, im internationalen Vergleich kleinen Nationalstaaten wird in einer globalisierten Welt keine Zukunft haben. Wenn dennoch einzelne Länder die EU verlassen möchten, dann muss man ihnen künftig auch die Wahl dazu lassen. Andererseits darf sich aber Europa von Ländern, die alle zwei Jahre drohen die EU zu verlassen, auch nicht permanent erpressen lassen."


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