23.10.2016, 23:11 Uhr

Plastik ist mehr als nur ein Sackerl

Eine Delegation der Wirtschaftskammer Oberösterreich besuchte die "K" in Düsseldorf, die weltweite Leitmesse der Kunststoffindustrie. Zahlreiche Unternehmer aus dem Land ob der Enns waren mit dabei und zeigten, wie viel Know How aus unserem Bundesland kommt.
DÜSSELDORF/OÖ. Sie sind weich oder hart, sie glänzen, rascheln und lassen sich mit anderen Werkstoffen verbinden. Unser modernes Leben ist ohne Kunststoffe nicht vorstellbar. Dennoch hat die Branche mit schlechtem Image zu kämpfen – denn wer an Plastik denkt, hat das negative Bild des Wegwerf-Sackerls im Kopf. Dass Kunststoff viel mehr ist, wurde auf der „K“ in Düsseldorf, der Leitmesse der Kunststoffbranche, deutlich. Eine Delegation der Sparte Industrie der OÖ Wirtschaftskammer machte sich vor Ort ein Bild von neuen Trends.

Alles digital bei Engel

Die Branche bewegt vieles: Die Digitalisierung hält in sämtlichen Bereichen der Industrie Einzug. Das Unternehmen Engel aus Schwertberg hatte sich zum Beispiel diesem Thema gewidmet und zeigte unter dem Motto „Inject 4.0“ digitalisierte, hochpräzise Anlagen, in denen Kunststoffe in Form gegossen werden. Auf Engel-Maschinen können bis zu sechs verschiedene Polymere in einem Schritt verarbeitet werden. Sämtliche Daten werden erhoben und so verarbeitet, dass sie dem Unternehmen von Nutzen sind. So wird der Betreiber zeitgerecht über Wartungsmaßnahmen informiert, die Anlage produziert immer exakt die gleichen Teile – ohne Ausschuss – und verwendet dabei stets das Minimum an benötigter Energie. Engel beschäftigt 5500 Mitarbeiter weltweit und macht einen Umsatz von rund 1,3 Milliarden Euro.

Technik: Laut, groß und hautnah

Oberösterreich war insgesamt mit zahlreichen beeindruckenden Ständen vertreten: Maschinen und Anlagen, teilweise mehrere Stockwerke hoch, produzierten vor Publikum. So konnte man sich gleich ein Bild von den Produkten machen, die weltweit mit Technik aus OÖ erzeugt werden. So eine Anlage präsentierte zum Beispiel SML aus Lenzing. Bis unter die Decke der Messehalle reichte die Konstruktion, auf der meterweise hauchdünne Folie lief. Dieser Kunststoff ist gerade einmal 0,012 Millimeter dick und weist 13 verschiedene Schichten auf. Nach der Messe wird die Maschine abgebaut und nach Hamburg transportiert. Dort wird sie schließlich verschifft und bald ihrem neuen Besitzer in Brasilien Freude bereiten.

Ebenfalls bei der Produktion zuschauen konnte man bei IFW, einem Unternehmen aus Micheldorf. Die Firma entwickelt Spritzguss-Werkzeuge und ist Weltmarktführer in diesem Segment. Wer sich nun unter einem Werkzeug ein handliches Teil vorstellt, der wurde am Messestand schnell eines besseren belehrt: In einem riesigen Glaskasten war ein hochkomplexes Teil ausgestellt, das Rohr-Fittinge herstellt. Mit diesem neuen Werkzeug kann die doppelte Stückzahl in der gleichen Zeit mit gleichen Kosten produziert werden. "Die Chinesen waren schon da und wollten sie fotografieren", erzählt Geschäftsführer Josef Nahringbauer. Nun hängt ein Schild mit einer durchgestrichenen Kamera am Glaskasten – man müsse sonst befürchten, dass die neue Maschine in China nachgebaut werde, so der IFW-Chef.

Interessant war es auch bei Polytec EMC: Das Marchtrenker Unternehmen präsentierte eine Maschine zur Erzeugung von Elastomer-Kunststoffen, wie Roland Schütz erklärte. Mit dem Mischkopf werden verschiedene flüssige Kunststoff-Zutaten gemixt und dosiert. Dann kann der Kunststoff aushärten. So entstehen zum Beispiel die Räder von Gabelstaplern.

Zwei Recycling-Experten

Immer mehr Raum greift das Thema Recycling – hier geht es aber nicht nur darum, der Branche eine Imagepolitur zu verpassen. Künftig wird es immer wichtiger werden, Rohstoffe, Material und somit auch die Wertschöpfung der Kunststoffindustrie in Europa zu bewahren. „Der Kreislauf kann geschlossen werden, wenn wir alle zusammenhalten“, sagte Manfred Hackl, Chef des Recycling-Anlagenbauers Erema. Das Unternehmen aus Ansfelden hat auf der Messe gleich sein Können demonstriert, indem es in einem Zelt die insgesamt 30 Tonnen Kunststoffabfälle der Messe vor Publikum recycelt hat. Auf der ganzen Welt stehen derzeit 5.000 Erema-Anlagen, das Unternehmen beschäftigt 480 Mitarbeiter auf allen fünf Kontinenten.

Oberösterreich stellte auf der „K“ 37 der 81 österreichischen Aussteller. „Es ist weltweit einzigartig, in einem so kleinen Land eine so hohe Konzentration der Kunststoffindustrie zu haben“, sagt Friedrich Kastner, Beiratssprecher des oö. Kunststoff-Clusters. Kastner war auch als ein Vertreter des Recycling-Spezialisten Next Generation Holding vor Ort. Das Unternehmen aus Feldkirchen zeigte unter anderem eine Recycling-Anlage, die höherwertigere Kunststoffe produzieren kann, als das Ausgangsmaterial ist. Dies ist deswegen so bedeutend, weil durch häufiges Benutzen und Recyceln die Kunststoffe oft ihre Qualität verlieren. Mit solchen Anlagen wird es künftig umso leichter, den Recycling-Kreislauf zu schließen. "Wir realisieren hier eine Vision", sagte Next Generation Holding-Geschäftsführer Josef Hochreiter.

Eyecatcher, die gefangen nehmen

Am Messestand von Fill kam man nicht vorbei: Denn wer schon von der floralen Optik der Wanddekoration und der Cocktailbar unbeeindruckt blieb, der wurde spätestens bei den lebhaften und anschaulichen Ausführungen von Geschäftsführer Wolfgang Rathner und dem Kunststoff-Experten Wilhelm Rupertsberger gefangen genommen. Fill produziert unter anderem Anlagen, auf denen Composites produziert werden. Das bedeutet, dass verschiedene Werkstoffe zu einem Material verbunden werden. Dadurch kann man deren Vorteile kombinieren: So ist zum Beispiel ein Teil aus einer Verbindung von Textilfasern mit Kunststoff extrem leicht und gleichzeitig sehr stabil. Composite-Teile von Fill-Anlagen werden in der Sport- und Autoindustrie benötigt. So produziert BMW etwa Cockpit-Teile für seine Elektroautos auf Fill-Maschinen. Die insgesamt 720 Mitarbeiter am Standort in Gurten erwirtschaften einen Konzernumsatz von 140 Millionen Euro.

Mit neuem Auftritt und neuer Marke war die Greiner Extrusion Group auf der Messe vertreten. Sie ist sozusagen der "Fleischwolf" in der Greiner Gruppe: Man schüttet oben in die Anlage diverse Kunststoffgranulate hinein. Durch Wärme und Druck kommt auf der anderen Seite ein fertiges Produkt – wie durch eine Lochplatte gedrückt – heraus. Im konkreten Fall war auf der Messe ein "Fleischwolf" ausgestellt, der Kunststoff-Fensterrahmen produziert. "In Westeuropa werden fünfzig Prozent aller Fensterrahmen auf Anlagen von Greiner gefertigt", sagt Vorstandsvorsitzender Axel Kühner. Pro Jahr produziert das Unternehmen etwa 200 solcher Anlagen.

Einer der ersten Stunde

Als 1999 der Kunststoff-Cluster als einer der ersten in Oberösterreich installiert wurde, konnte wohl noch keiner ahnen, welche Dimensionen er einmal bekommen würde: Durch die länderübergreifende Zusammenarbeit mit Salzburg und Niederösterreich hat er sich zum größten Cluster Österreichs entwickelt. Die Unternehmen beschäftigen insgesamt 63.000 Mitarbeiter. Damals wie heute ist das Motto "Innovation durch Kooperation" – und vielleicht wird tatsächlich schon in naher Zukunft der Traum von der nahtlosen Kreislaufwirtschaft Wirklichkeit.
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