05.10.2017, 08:54 Uhr

WKOÖ-Präsidentin Hummer: Lehrlinge sind im Ausland die Heroes

Oberösterreichs Wirtschaftskammer-Präsidentin Doris Hummer: Ohne Standortpaket der künftigen Bundesregierung ist der derzeitige Wirtschaftsaufschwung nicht nachhaltig. (Foto: Robert Maybach)

Doris Hummer, Präsidentin der Wirtschaftskammer Oberösterreich, im Interview: Duale Akademie für AHS-Absolventen und Schul- oder Uniabbrecher – Oberösterreich verdankt seinen Wohlstand den Fachkräften – Gespräche zum Wiederbeleben der Sozialpartnerschaft in Oberösterreich am Laufen, aber es kann noch dauern – Wirtschaftsaufschwung in Österreich noch nicht nachhaltig.

Schulen und Unternehmen kämpfen um die Jugendlichen, deren Zahl gesunken ist. Wie kann die Lehre punkten?
45 Prozent der Jugendlichen entscheiden sich für die duale Ausbildung. Das ist konstant. Und damit ist die Lehre die größte Ausbildungsrichtung, die wir haben. Die Herausforderung: Die Jugendlichen sind weniger geworden. 2009 hatten wir in Oberösterreich noch rund 28.000 Lehrlinge, aktuell sind wir bei 23.000, aber damit am Boden angekommen. Was die demographische Entwicklung anlangt, so ist die bei den Lehrlingen sogar wieder leicht steigend. Aber in bestimmten Berufen wie dem Tourismus haben wir Rückgänge. Da müssen wir ansetzen bei den Berufen, die nicht so attraktiv scheinen, indem wir sie neu definieren und aufbauen. Der Wettbewerb ist also da, er wird auch nicht einfacher. Aber ich sehe in der dualen Ausbildung, in der Lehre große Chancen. Deswegen arbeiten wir an einem Konzept „Duale Akademie“. Mit ihr wollen jene, die heute in eine Schule gehen, dort aber nicht richtig angesiedelt sind, die Chance geben, eine duale Ausbildung auf höchstem Niveau zu machen.

Wer soll noch mit dieser Dualen Akademie angesprochen werden?

Vor allem jene, die etwa nach der Matura Lehre machen wollen. Wir haben viele AHS-Maturanten, die dastehen und sagen: „Ich habe keine Ahnung, was ich mal tun soll." Da ist der Einstieg ins Berufsleben mit einer Lehre, mit einem Handwerk, das Richtige, um Fuß zu fassen oder sogar später eine akademische Ausbildung zu machen. Auch für die, die eine Schule abbrechen und nicht wissen, was sie dann tun sollen. Oder jene, die auf der Uni gelandet sind und das Studium nicht beenden. Gerade in Bereichen wie zum Beispiel in der Metalltechnik, der IT, der Mechatronik, da gibt es erfolgreiche Beispiele, da könnten wir mit solchen Schienen die jungen Menschen abholen.

Auf wieviele Umsteiger ist die Duale Akademie ausgelegt?

Es werden am Beginn rund 500 junge Menschen sein. Die Duale Akademie bietet keine bessere oder andere Lehre sondern eine Ergänzung zur normalen Lehre. Mir ist wichtig, dass die großen Vorteile, die eine duale Ausbildung bietet, anerkannt werden. Und dass wir die Bilder in den Köpfen – vor allem der Eltern – verändern. Wir haben heute Universitätsprofessoren, die als Lehrling begonnen haben. Es gibt so viele tolle Beispiele, die zeigen: Alles was ich in der Lehre mitbekommen habe, hat sichergestellt, dass ich heute meinen Job erfolgreich machen kann.

Verdanken Wohlstand den Fachkräften

Aus vielen Unternehmen kommt die Klage, dass Jugendlichen heute entscheidende Fähigkeiten abgehen.
Ja. Denn heute entscheiden sich junge Menschen für eine Lehre, die früher keine Ausbildung gemacht haben. Das ist aber gut so. Das bedeutet, dass wir die Betriebe unterstützen müssen, weil es ein Mehr an Qualifikation braucht, damit diese jungen Menschen erfolgreich ihren Weg machen können. Wir haben aber auch viele tolle Beispiele, dass Schulabbrecher, die auf eine Lehre umsteigen, mit Auszeichnung abschließen – weil ihnen in der dualen Ausbildung plötzlich der Knopf aufgeht, weil es eine andere Form des Lernens ist. Aber wir haben oft Defizite im sozialen Bereich. Die hat es früher in der Dimension nicht gegeben. Das stellt unsere Lehrbetriebe vor große Herausforderungen. Hier sehe ich unsere Rolle als Wirtschaftskammer und WIFI auch darin, diese Defizite durch Vorbereitungskurse und Coaching auszugleichen.

Derzeit gilt die Lehre oft als zweite Wahl – wie kann das Image verbessert werden?
Aufzeigen, dass mit einer dualen Ausbildung alle Wege offenstehen. Was ich da lerne, kann ich niemals in einer Schule lernen Oder auf einer Uni. Das ist learning by doing. Ich weiß, wie ein Tagesablauf in einer Firma aussieht, ich weiß, was es heißt, mit meinen Händen etwas zu produzieren. Das sind Fähigkeiten, die kann ich nicht in der Theorie lernen. Und dafür sind wir in der ganzen Welt gefragt. Diese Geschichten müssen wir erzählen. Beispiel: Starlim Sterner schickt seine Lehrlinge zu anderen Niederlassungen in Kanada. Und die sind dort die Heroes. Die gerade fertige Fachkraft, die eine Lehre gemacht hat, ist dort in den Kompetenzen allen anderen meilenweit voraus. In Oberösterreich haben wir unseren Wohlstand vor allem jenen zu verdanken, die durch das Arbeiten lernen und wissen, dass man in der Früh aufstehen, arbeiten und was können muss.

Meister und Master gleichstellen

Wäre es dann nicht angebracht, die duale Ausbildung auf eine Stufe mit der akademischen zu stellen, sprich: Sollte der Meister auch ein Master sein?
Ja, es ist für mich auch gleichwertig, da müssen wir auch eine Gerechtigkeit im Ausbildungssystem schaffen. Der Bachelor und Master wird öffentlich finanziert, der Meister wird zwar gefördert, aber die Leute müssen ihn selbst bezahlen. Je nach Beruf kostet die Prüfung zwischen 2.500 und 7000 Euro. Auch da ist die Politik gefragt. Derzeit strebt die Wirtschaftskammer Österreich an, die Meister- und Befähigungsprüfungen auf eine Ebene mit den Bachelorausbildungen nach dem Bologna-System zu bekommen. Wenn alles gut geht, sollte das im Lauf des Jahres 2018 abgeschlossen sein.

Wie muss sich die Lehre verändern, um auch künftig Garant für Oberösterreichs Wohlstand zu sein?
Wir wollen die Berufsbilder weiterentwickeln. Digitale und soziale Kompetenz sowie Internationalität. Diese drei Kompetenzen wollen wir viel, viel stärker verankern – auch durch die Duale Akademie, um auch dadurch eine Aufwertung des Berufsbildes zu erreichen.

Welche neuen Berufsbilder wird es in der Lehrlingsausbildung geben?
Es kommen ganz neue, die gerade entwickelt werden – etwa der e-commerce-Kaufmann. Die Modularität erhöht sich. Wir haben auch noch nicht in allen Berufsbildern die Veränderungen etwa durch die Digitalisierung implementiert. 

Geht das schnell genug?
Da müssten wir dringend auf die Tube drücken. Deswegen werden wir parallel mit Kursangeboten die Wirtschaft unterstützen, weil leider Gottes das öffentliche System in dieser Hinsicht etwas träge ist.

Wirtschaftskammer OÖ wird voll digitalisiert

Trägheit wird ja auch dem Kammersystem unterstellt. Die Digitalisierung verändert alles – wie verändert sich die Wirtschaftskammer?
Wir haben ein ganz großes Maßnahmenpaket zur Digitalisierung gestartet. Alle Branchen und Fachgruppen wurden durchleuchtet: Welche Gefahrenpotenziale sind da, welche Chancen gibt es? Neue Produkte, neue Absatzwegen, neue Prozesse. Da sind wir durch. Wir wollen als Wirtschaftskammer Vorbild sein. Wir werden die gesamte Poststelle digital aufsetzen. Es wird kein Brief mehr in einer Postmappe durchs Haus wandern, sondern alles elektronisch ablaufen. Wir wollen in den digitalen Prozessen Vorreiter sein, etwa chatbots in der Beratung nutzen. Das machen wir etwa bei der Gründerberatung bereits. Was die Digitalisierung an Chancen bietet, das wollen wir selber umsetzen – damit wir die Betriebe dann beraten können, was gut läuft und was noch schwierig ist. Darüber hinaus haben wir etwa eine 24-Stunden-Hotline zum Thema Cyber-Security gegründet. Sie berät und unterstützt, wenn es zu Cyber-Attacken kommt. Dazu gibt es den Online-Kompass, mit dem sich jeder Betrieb selbst analysieren kann durch einen Fragenkatalog: Was ist bei mir gut aufgestellt, wo hab ich noch Handlungsbedarf. Dazu kommen noch die Webinare – also wir nutzen alle Chancen der Digitalisierung für unser Service.

Wird das auch Einfluss auf die Strukturen in der Kammer haben?

Wir haben vor, die Strukturen zu verändern. Aber nicht indem wir Sparten abschaffen, sondern indem die Verwaltung dahinter so effizient und kostengünstig wie möglich aufgestellt wird.

Es gibt ja im Wahlkampf die Forderung nach einem Ende der Zwangsmitgliedschaft bei den Kammern ...
Das sehe ich völlig entspannt. Es ist eine berechtigte Diskussion und betrifft alle Kammern im Land, von der Apothekerkammer über die Arbeiterkammer bis zur Ärztekammer. Wenn die Mitglieder sagen, die Dienstleistung und Interessensvertretung ist gut, dann hat man auch morgen noch eine Bestandsberechtigung. Wir haben der Sozialpartnerschaft in Österreich viel zu verdanken. Aber das berechtigt nicht für morgen. Ich bin überzeugt, dass die Pflichtmitgliedschaft, wie wir sie in der Wirtschaftskammer haben, der Garant ist für eine solidarische Wirtschaftsstruktur, für den regionalen Ausgleich und für den Ausgleich zwischen Klein und Groß. Ansonsten gilt das Prinzip: Wer zahlt, bestimmt die Leistung. Von unseren 95.000 Betrieben zahlen 60 Prozent nur Grundumlage weil sie gar keinen Mitarbeiter haben, also zwischen 35 und 100 Euro pro Jahr. Dafür bekommen sie alles: Vom WIFI über jegliche rechtliche Beratung oder Veranstaltung im Haus, über die 24-Stunden-Cybersecurity-Hotline.

Kritik kam ja von den großen Unternehmen, die viel einzahlen ...

Ich wage zu behaupten, dass wir die in Oberösterreich schon überzeugt haben. Ich habe mit all jenen bereits zum Antritt meiner Präsidentschaft Gespräche geführt und bin bewusst zu jenen gegangen, die der Wirtschaftskammer und ihren Leistungen kritisch gegenüberstehen. Ich kann berichten, dass es lauter konstruktive und wertschätzende Gespräche waren. Sie sehen den Wert und die Bedeutung. Aber wir müssen auch liefern als Wirtschaftskammer, wir müssen stark sein in der Interessensvertretung, sicherstellen dass die Standortfaktoren eingehalten werden. Da geht es um Themen wie Arbeitszeitflexibilisierung, Bürokratie, Abgabenquotensenkung. Wenn wir das schaffen, dann ist es für die Großen ein Erfolg. Für die kleineren und mittleren Betriebe ist das Service ein wichtiger Faktor. Die brauchen inhaltlich die Unterstützung und Begleitung. Da haben wir viel Rückendeckung, auch weil wir bei uns im Haus angefangen und gesagt haben. Wir wollen uns neu aufstellen, schneller und effizienter werden.

Wiederbeleben der Sozialpartnerschaft in OÖ kann dauern

Wie geht es mit der Sozialpartnerschaft in Oberösterreich weiter?
Wir führen Gespräche, wir definieren gerade die Spielregeln: die Vorstellungen, wie das Zusammenspiel in einer Partnerschaft funktionieren soll. So etwas wie das Arbeiterkammer-Video und das systematische Schlechtmachen der Betriebe akzeptiere ich in Oberösterreich nicht. Ich möchte eine Zusammenarbeit im Sinne der Standortpartnerschaft, aber sicher nicht, wenn unsere Betriebe so behandelt werden.

Wie lange dauert es noch, bis die Sozialpartnerschaft wieder in Kraft gesetzt wird?
Am Ende wird alles gut, und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende.

Also noch lange. Die AK wird also heuer bei der Messe Jugend & Beruf ausgeschlossen bleiben ...
Bei dieser Jugend & Beruf ist die Arbeiterkammer kein Partner. Diese Entscheidung ist damals mit der Veröffentlichung des Videos von der Arbeiterkammer selbst getroffen worden. Aber wir sind im Gespräch, wie wir das nächstes Jahr machen. Und wenn wir es schaffen, bis dorthin vertrauensbildende Maßnahmen zu realisieren, dann bin ich überzeugt, dass diese Partnerschaft wieder leben kann. Aber auf reine Versprechen verlassen wir uns nicht. Da müssen schon sichtbare Taten folgen.

Aufschwung ist noch nicht nachhaltig

Positiver als die Sozialpartnerschaft hat sich die Wirtschaft entwickelt ...

Wir haben zum ersten Mal mit diesen prognostizierten 2,7 Prozent Wachstumspunkten, die wir heuer verwirklichen werden, konjunkturellen Rückenwind. Aber: Das ist meiner Meinung nach noch nicht nachhaltig. Wir können uns von den halbwegs erfreulichen Wachstumszahlen wieder verabschieden, wenn nicht im Herbst mit der neuen Regierung tatsächlich ein umfangreiches Standortpaket kommt. Das muss den Arbeitskraftmangel in Angriff nehmen, sicherstellen, dass Innovation und Forschung für die Betriebe unterstützt werden, die Abgabenquote senken und Bürokratie abbauen. Kommen stattdessen neue Steuern und eine höhere Abgabenquote, höhere Lohnnebenkosten, dann Gute Nacht.  Eine WIFO-Studie, die wir bei Professer Badelt in Auftrag gegeben haben, gibt den klaren Ratschlag: Wir müssen auf Wachstum und Produktivität setzen. Da sind wir im Vergleich zu anderen Ländern hinten.
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