19.12.2014, 13:42 Uhr

Wirtschaft: Das sind die stärksten und schwächsten Regionen Österreichs

Die Wirtschaft in den Regionen entwickelt sich sehr unterschiedlich. (Foto: Pixelio)

Zwar sind in Österreich die Zeiten der Kurzarbeit während der Wirtschaftskrise 2009 lange vorbei. Trotzdem scheint seither die Wirtschaft nicht richtig in Schwung gekommen zu sein. Das trifft allerdings nur bedingt zu: Denn betrachtet man die einzelnen Regionen, dann zeigen sich massive Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung. Und auch einige Überraschungen: Im Jahr 2012 wuchs beispielsweise die Wirtschaft des Nordburgenlands stärker als in jeder anderen Region. Wir haben uns die Spitzenreiter und Sorgenkinder unter den Regionen etwas genauer angesehen – mit interaktiver Infografik.



Der beste Richtwert, um die Wirtschaftsleistungen der Regionen miteinander vergleichen zu können, ist das regionale Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder auch Bruttoregionalprodukt (BRP) genannt. Um auf Ebene der Europäischen Union die wirtschaftliche Entwicklung besser vergleichen zu können, werden zudem politische Bezirk in Regionen eingeteilt (Details dazu siehe Anmerkungen). Vergleicht man nun die unterschiedlichen Regionen (Wachstum des BRP / Kopf 2012) miteinander, dann offenbaren sich große Unterschiede:


(Ein Klick auf die einzelnen Regionen zeigt ein Infofeld mit den wichtigsten Werten)

1. Das Nordburgenland wuchs 2012 mit Abstand am stärksten

Im letzten Jahr wuchs der BRP / Kopf im Burgenland mehr als sieben Prozent – deutlich mehr als in jeder anderen Region. Matthias Firgo und Peter Mayerhofer vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) erklären sich gegenüber der RMA das robuste Wachstum vor allem durch so genannte "positive Umlandeffekte": Unternehmen suchen unter anderem aufgrund der begrenzten Fläche und hohen Mietpreise in Wien nach Alternativen im Umland. Hier bietet sich das Nordburgenland an. Auch große Unternehmen setzen diesen Schritt: So hat beispielsweise Coca Cola 2012 seinen Produktionsstandort von der Bundeshauptstadt ins Burgenland verlegt.

2. Salzburg und Umgebung liegt beim BRP / Kopf an der Spitze

Im Jahr 2012 lag die Wertschöpfung pro Kopf im Raum Salzburg bei 49.100 Euro und übernahm damit erstmals die Spitze. Auch hier begründen Firgo und Mayerhofer die positive Entwicklung durch Umlandeffekte und die Einteilung der NUTS-3 Regionen: Wien steht für sich als Region alleine, während es in Salzburg durch die Zurechnung des Umlands keine Abwanderung der Wertschöpfung gibt.

3. Die östliche Steiermark wuchs in zehn Jahren um fast 70 Prozent

Über den Zeitraum von 2003 bis 2012 zeichnet sich vor allem die Region östliche Obersteiermark durch ein Wachstum des BRP / Kopf von 68,5 Prozent aus. Wien liegt in dieser Kategorie hingegen an letzter Stelle mit einem Anstieg von lediglich 27,5 Prozent. Zwei Gründe erklären diese Entwicklung:

Gute Anpassung: Die östliche Obersteirermark ist eine stark industrielastige Region. Im letzten Jahrzehnt hat es vor allem der dort dominierend Sektor der Metallerzeugung geschafft, sich an moderne Entwicklungen anzupassen.
Bevölkerungsentwicklung: Firgo und Mayerhofer sehen grundsätzlich die Abwanderung von Bevölkerung als ein Faktor für die positivere Entwicklung der Wirtschaft am Land: "Bei vielen ländlichen Regionen ist ein hohes BRP / Kopf Wachstum vor allem auf schrumpfende Bevölkerung bei gleichzeitigem Verbleib der wirtschaftlichen Leitbetriebe zurückzuführen". Zieht man zum Vergleich die Entwicklung des absolute BRP heran, liegt die östliche Obersteiermark auf Rang 24 von 35 bei den Regionen.

4. Die Wirtschaft im Weinviertel schrumpfte 2012 um drei Prozent

In nur zwei Regionen schrumpfte das BRP 2012: Im Weinviertel mit etwas mehr als drei Prozent und in der West- und Südsteiermark mit knapp zwei Prozent. Auch hier gibt es zwei Gründe:

Schwache Struktur: Beide Regionen verfügen über eine schwache und agrarisch geprägte wirtschaftliche Struktur. Somit gibt es kaum Bereiche mit hohem Wachstumspotential.
Geographische Lage: Sowohl das Weinviertel als auch die West- und Südsteiermark zeichnen sich durch ihre Randlage aus. Das heißt: Sie profitieren nicht, wie etwa das Nordburgenland oder das Umland von Wien, durch wachsstumsstarke Nachbarregionen.

5. Regionen im Westen haben für die Zukunft ein höheres Potential

Die beiden WIFO-Experten sehen für die Zukunft ein höheres Potential in den westlichen Regionen Österreichs. Gründe sind hiefür vor allem der Anteil an Regionen mit einem hochwertigen industriellen Sektor und gute Vorraussetzungen für so genannte Aufholprozesse, wie etwa die Nähe zu andere wachsenden Märkten und Regionen im In- und Ausland. Im Burgenland sehen die Firgo und Mayerhofer jedoch eine Ausnahme, da es zwischen den dynamischen Regionen Wien und Bratislava liegt.




Anmerkungen:
• Die im Artikel benutzten Regionen beziehen sich auf die Definition einer mehrstufigen Rangordnung auf EU-Ebene. Dieses System wird mit NUTS (aus dem französischen: "Nomenclature des unités territoriales statistiques") abgekürzt. Auf Österreich bezogen gibt es drei Stufen: NUTS-1 ist dabei Gesamtösterreich, NUTS-2 sind die neun Bundesländer; NUTS-3 ist eine Gruppe aus 35 Regionen, in denen jeweils mehrere politische Bezirke zusammengefasst werden. [Zurück]
• Das BRP wird nach laufenden Preisen, also nominell, berechnet. Das heißt es wird nicht, wie bei realem Wachstum, Inflation beziehungsweise Deflation eingerechnet. [Zurück]
• Die von der Statistik Austria veröffentlichten Daten der NUTS-3 Regionen reichen lediglich bis ins Jahr 2012. Auf Bundeslandebene gibt es bereits Werte für das vergangenen Jahr. [Zurück]
• Den Berechnungen liegt das so genannte "Europäische System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung 2010" (ESVG 2010) zugrunde. Dieses gilt seit September diesen Jahres und bezieht sich rückwirkend auf volkswirtschaftlichen Berechnungen ab 1995. [Zurück]
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