18.10.2016, 16:04 Uhr

Aufgeblättert – "Ein Winter in Wien" von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb entführt uns in "Ein Winter in Wien" in das historische Wien von 1910, wo die 18-jährige Marie Haidinger als Kindermädchen bei einem berühmten Dichter arbeitet.

Die junge Marie Haidinger hat in ihrem Leben schon viele Entbehrungen auf sich nehmen müssen. Das elterliche Haus war geprägt von einer strengen Erziehung, viel Arbeit von Kindesbeinen an und wenig Zuneigung. Einzig Maries Großmutter stellt für die Jugendliche ein Refugium von Geborgenheit und Verständnis dar.

Nachdem Marie ihre Pflichtschuljahre abgeschlossen hat, verbietet ihr der Vater weiter zur Schule zu gehen. Stattdessen gilt sie fortan als vollwertige Arbeitskraft, die für ihren Lebensunterhalt selbst zu sorgen hat und schon bald das elterliche Zuhause verlassen muss. Aller Anfang ist schwer, vor allem 1910, in einer Zeit, in der das Rollenbild der Frau gänzlich anders geprägt ist.

Gebeutelt von der harten Realtität ergattert Marie schließendlich die Stelle als Zimmermädchen beim Erzähler und Dramatiker Arthur Schnitzler und seiner jungen, zänkischen Frau Olga. Marie schließt die beiden Kinder Heinrich und Lili schnell ins Herz und auch das Verhältnis zwischen dem Arbeitgeber und ihr lässt sich als harmonisch bezeichnen.

Als Marie eines Tages für den Dienstherrn ein Buch aus der Buchhandlung Stock abholen soll, trifft sie dort auf den jungen Gehilfen Oskar Novak, der sich Hals über Kopf in das Kindermädchen verliebt. Doch das Glück wird getrübt, als Heinrich auf dem Weihnachtsmarkt auf einmal verschwindet und Marie um ihre geliebte Stelle bangen muss.

"Ein Winter in Wien" gewährt dem Leser Einblick in die Zeit und das Sittenbild von 1910. Bildung war der Oberschicht vorbehalten und Arbeitsrechte unterlagen dem guten Willen des Arbeitsgebers. Petra Hartlieb wählt mit dem Winter eine Jahreszeit, die der Geschichte eine verträumte und heimelige Atmosphäre verleiht. Die Protagonistin Marie Haidinger wird, trotz ihrer Lebensgeschichte, als liebevoller und dankbarer Mensch mit Träumen zur plastischen Figur ausgearbeitet.

Arthur Schnitzler wird in seiner Nebenrolle als verständnisvoller und gerechter Dienstherr beschrieben. Und auch Oskar Novak, der durch den Verlust beider Elternteile zum Waisen wurde, kann Sympathiepunkte sammeln.

"Ein Winter in Wien" ist das ideale Buch, um den kalten Winterabend entspannt ausklingen zu lassen.



176 Seiten – erhältlich bei Kindler-Rowohlt um 16,95 EUR (Taschenbuch) | 14,99 EUR (Ebook)
Verlag: Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-7645-0564-6








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23.581
Renate Blatterer aus Favoriten | 21.10.2016 | 18:51   Melden
585
Iris Wilke aus Land Wien | 27.10.2016 | 08:32   Melden
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