07.09.2017, 15:08 Uhr

Ashwien Sankholkar: "Der Fall Grasser ist besonders krass"

Der Wiedner Journalist Ashwien Sankholkar fasst die größten Korruptionsfällen der Zweiten Republik in einem Buch zusammen. (Foto: Maximilian Spitzauer)

BAWAG-Skandal, BUWOG- und Telekom-Affäre, Eurofighter-Eklat - diese Korruptionsfälle sind jedem Österreicher aus den Medien bekannt. Doch wer blickt wirklich durch? Der Wiedner Wirtschaftsjournalist Ashwien Sankholkar schildert diese Fälle nun einfach erklärt in seinem Buch "Der geplünderte Staat und seine Profiteure".

Wieviele Korruptionsfälle schildern Sie in Ihrem Buch?
ASHWIEN SANKHOLKAR:
Das Buch enthält acht Kapitel. Sieben Wirtschaftskrimis, vom Burgtheater über Nationalbank und Eurofighter bis zur Telekom Austria. Das Schlusskapitel ist mein Plädoyer für mehr Transparenz, Verantwortung und Kontrolle, mit Lösungsvorschlägen gegen den Raubbau am Staat.

Was möchten Sie mit dem Buch bewirken?
Ich versuche, aufzuwecken. Es ist vieles in Vergessenheit geraten, was nicht vergessen werden darf. Das habe ich in Gesprächen mit jungen Journalistenkollegen gemerkt. Meine Motivation für das Buch war, alle Sachen, die Wahnsinn sind, zusammenzuschreiben. Dafür ist in keinem Magazin oder Zeitung Platz.

Was ist Ihr persönlicher "Lieblingsskandal"?
Vielleicht der Fall Buwog. Dem Skandalreigen rund um Karl-Heinz Grasser widme ich viel Raum im Buch. Grassers Freunde scheffelten Millionenprovisionen bei Regierungsaufträgen. Das ist schon sehr außergewöhnlich. Dass ein ehemaliger Finanzminister aber zugibt, als Regierungsmitglied eine halbe Million Euro von der Schwiegermutter im Plastiksackerln bekommen und dann mit dem Auto von der Schweiz nach Österreich gebracht zu haben - das ist Hollywood.

Wie bekommen Sie Wind von möglichen Korruptionsfällen? Haben Sie Informanten oder recherchieren Sie, wenn Ihnen etwas seltsam vorkommt?
Beides. Ich habe ein Netzwerk an Leuten, die mir Vertrauen entgegen bringen – und mich mit Informationen versorgen. Informantenschutz ist mir sehr wichtig, da bin ganz alte Schule, da bin ich sehr wachsam. Telefonate können überwacht, Bewegungsprofile erstellt werden. Die Treffen finden daher meist in abgelegenen Orten statt. Ein T’schocherl in der Vorstadt garantiert mehr Diskretion als Imperial oder Sacher. Die Gefahr erkannt zu werden, geht dort gegen Null. Natürlich lese ich viel und gehe mit wachem Auge durch Wien – und finde auch so interessante Stories.

Hatten Sie schon einmal Gewissheit und konnten nicht berichten, da es letztendlich an Fakten zur Veröffentlichung mangelte?
Das kommt immer wieder vor. Wenn ich meinen Verdacht nicht belegen, meine Hypothese nicht verifizieren kann, dann schreibe ich nichts. Das ist der Unterschied zwischen einem Profi und einem Hobbyjournalisten. Ich überprüfe alle Hinweise sehr genau und gehe nur mit Sachen an die Öffentlichkeit, bei denen ich mir sicher bin. Die Geschichten müssen nicht nur vor Gericht halten. Ich will mir auch jeden Tag in den Spiegel schauen können.

Wurde schon einmal versucht, Sie zu kaufen?
Ja, aber der Versuch ist kolossal gescheitert. Da hilft nur eine klare Haltung. Die spricht sich dann sehr rasch herum und Bestechungsversuche kommen dann nicht mehr vor.

Haben Sie auch Drohungen erhalten?
Ja. Häufig wird die wirtschaftliche Existenz bedroht. Beschwerden, Klagen, Unterlassungserklärungen gehören zum Leben eines investigativen Journalisten. Im Gegensatz zu meinen Kolleginnen und Kollegen in Zentral- und Osteuropa oder der Türkei sind Leib und Leben in Österreich eher selten in Gefahr. Ausnahmen bestätigen die Regel. Bei meinen Hypo Alpe Adria-Recherchen ab 2010 erhielt ich immer wieder Anrufe und SMS mit der Botschaft `Passen Sie auf!´. Was war passiert? Ich war damals auf einen Mafiaclan gestossen, der Geschäfte mit der Hypo machte. Meine Quellen warnten mich früh, dass ‚der Pate’ nicht zimperlich ist. Ich bin der Story nicht weiter nachgegangen, habe meine Mafia-Recherchen eingestellt.

Was wäre passiert, wenn Sie Ihre Recherchen nicht abgebrochen hätten?
Das wäre reine Spekulation. Ich weiß aber was Kollegen am Balkan passiert ist: Kleinere „Unfälle“ mit bleibenden Folgen, wie zertrümmerte Kniescheiben, abgeschnittene Ohren oder Narben im Gesicht. Das zielt nicht nur auf die betroffenen ab, sondern ist auch ein Warnung an alle anderen Journalisten. In Österreich gehört das glücklicherweise nicht zum Alltag eines Wirtschaftsreporters.

Haben Politiker Angst vor Ihnen?
Nein, eher Respekt.

Laufen diese Skandale stets nach dem gleichen Schema ab, dass sich ein Gieriger bereichern will oder gibt es tatsächlich auch Leute, die hineinschlittern?
Selbstverständlich gibt es die wo hineinschlittern. Beim Immofinanz-Komplex wurde das transparent. An der Konzernspitze stand ein starker Mann, der die Marschroute vorgab. Sein Wort war Gesetz. In den Tochterfirmen saßen seine Marionetten in Geschäftsführerposten. Sie handelten auf mündliche Anordnungen des Oberbosses. ‚Nein’-Sagern drohte der Rauswurf. So werden auch redliche Menschen zu Rechtsverstößen angeleitet. Die ‚Ja’-Sager sind – wenn Sie so wollen – hineingeschlittert ins Kriminelle und in Haftungen.

Es fällt auf, dass keine Frauen in Korruptionsskandale verwickelt sind. Sind Frauen nicht korrupt, vorsichtiger oder einfach nicht in diesen Positionen?
Gute Frage. Das ist mir noch nie aufgefallen, aber ja, das stimmt.

Sind Ihnen die Entschuldigungen der Angeklagten vor Gericht schon gut bekannt?
Ich habe sehr oft beobachtet, dass bei heiklen Fragen vor Gericht eine akute Form von Amnesie einsetzt. Wenn ich für einen Tipp 9,6 Millionen Euro Provision erhalten habe wie im Fall BUWOG, dann merke ich mir mein Leben lang wer mir diesem Tipp gegeben hat. Ist es nicht so?! Ich weiß vielleicht nicht mehr, wann genau das war und Details wie welches Hemd mein Tippgeber und ich getragen haben. Aber den Namen vergesse ich nie. Walter Meischberger kann sich nicht mehr an seinen Buwog-Kontakt erinnern. Ich bringe in meinem Buch auch andere Beispiele, etwa Alfons Mensdorff-Pouilly. Der vor Gericht offen zugab, den Staatsanwalt belogen zu haben, als er im Verhör sagte, dass er kein Geld von der Telekom erhalten habe. Warum er geschwindelt habe? Mensdorffs Antwort: ‚Das war eine Schutzbehauptung. Das durfte ich sagen.’

Darf er das?
Eigentlich nicht, natürlich wollen Staatsanwalt und Richter die Wahrheit hören. Beim Lügen erwischt zu werden, ist schlecht. Als Zeuge unterliegt man der Wahrheitspflicht. Falsche Zeugenaussagen sind strafbar. Anders bei Beschuldigten, die nicht die Wahrheit sagen. Die dürfen für Falschaussagen nicht bestraft werden. Der Staatsanwalt muss das strafbare Verhalten beweisen. So gesehen hat der Beschuldigte Mensdorff nicht ganz unrecht.

Inwiefern spielt die Justiz bei Korruptionsfällen mit? Müssen die Richter nicht mit Folgen rechnen, wenn sie einen hochrangigen Politiker verurteilen?
Das müssen Sie einen Richter fragen. Offiziell gibt es keine Zwei-Klassen-Justiz. Bei prominenten Fällen entsteht aber immer wieder der Eindruck, das manche „gleicher“ sind als andere. Bei Prominenten arbeiten die Staatsanwälte besonders gründlich . Oft werden unnötige Extrarunden gedreht bis sie einen Fall abschließen. Der Fall Grasser ist besonders krass. Der Anklageentwurf hat sechs Prüfstellen durchlaufen und fast zwei Jahre gekostet – das war viel zu lang. Schließlich wurde die Anklageschrift von den Angeklagten abermals beeinsprucht. Man sollte meinen, dass der Einspruch ins Leere geht. Es war ja mehrfach akribisch geprüft worden. Doch genau das Gegenteil: ein ganzer Anklagepunkt wurde rausgestrichen. Mich stört, dass die justizinternen Prüfungeen viel zu lange dauern – und am Ende wenig bringen. Die Strafjustiz arbeitet viel zu langsam. Karrieremäßig können Verurteilungen sogar Vorteile bringen: Richterin Claudia Bandion-Ortner, die Bawag-General Helmut Elsner verurteilte, wurde Justizministerin und Bawag-Staatsanwalt Georg Krakow sogar ihr Kabinettschef im Justizministerium.

Kann es sein, dass ein Grasserfreund im Justizministerium sitzt?
Ich bin kein Verschwörungstheoretiker.

Haben Sie Vertrauen in die österreichische Justiz?
Ja. Aber es ist schon gut, dass es eine begleitende Kontrolle durch die freie Presse gibt. Die Justiz macht ihre Hausaufgaben mehr oder weniger gründlich. Dass Hausübungen nicht vergessen und rechtzeitig abgegeben werden, kontrollieren wir Journalisten.

An wen richtet sich Ihr Buch?
An alle, die den Überblick über die großen Banken- und Politskandale verloren haben. An alle, die der Privilegienstadl in Nationalbank und Burgtheater empört. Der Leser braucht kein Vorwissen über Straf- und Steuerrecht sowie Briefkastenfirmen oder Offshore-Finanzplätze. Das alles wird leicht verständlich erklärt.

Was ist für Sie persönlich der größte Skandal der Zweiten Republik?
Vor zehn Jahren hätte ich Ihnen geantwortet, dass der BAWAG-Skandal rund um die einst rote Gewerkschaftsbank nicht mehr getoppt werden kann. Eine falsche Einschätzung. Buwog, Eurofighter Hypo Alpe-Adria, Telekom – suchen Sie es sich aus. Die Skandaldichte unter der schwarz-blauen Regierungszeit 2000-2006 ist sicherlich beispiellos.


Zur Sache

"Der geplünderte Staat und seine Profiteure" des mit dem Alfred Worm-Preis ausgezeichneten Aufdeckerjournalisten Ashwien Sankholkar ("Format") erscheint am 19. September als Hardcover im Residenz Verlag. Es ist im gängigen Buchhandel um etwa 22 Euro erhältlich.

ISBN: 9783701734269
ISBN ebook: 9783701745616

Gewinnspiel

"Der geplünderte Staat und seine Profiteure" wird am Freitag, den 22. September um 20 Uhr von Kabarettist Florian Scheuba ("wir Staatskünstler") im Rabenhof Theater präsentiert. Die bz verlost 3x2 Karten. Zum Mitmachen einfach klicken!

Die Aktion ist bereits beendet!

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