18.10.2016, 13:05 Uhr

Ist der Tod tatsächlich ein Wiener?

Der kuriose Sitzsarg kann im Bestattungsmuseum besichtigt werden. (Foto: Bestattung und Friedhöfe GmbH)

"Der Tod muss ein Wiener sein" heisst ein Lied von Georg Kreisler aus dem Jahr 1969. Doch hat Wien wirklich die Urheberrechte auf das Sterben? Eine Spurensuche nach dem morbiden Wien.

WIEN. Wien und der Tod sind untrennbar miteinander verbunden. Zumindest wenn man bei unseren deutschen Nachbarn nachfragt, wird diese morbide Liebe bestätigt. Tatsächlich lohnt sich ein möglichst nüchterner Blick auf die morbide Leidenschaft der Wiener: Bereits als Kind singt man in den Kindergärten der Hauptstadt "Oh, du lieber Augustin" - eine Lobeshymne auf jenen Alkoholiker, der die Wiener während der Pestepidemie im Jahre 1679 mit anstößigen Liedern aufheiterte und eine Nacht in einer Pestgrube verbrachte, in die er volltrunken hineinpurzelte. Augustin überlebte die Nacht inmitten der hoch ansteckenden Pesttoten und beweist damit, dass selbst der schwarze Tod nicht so schlimm ist - zumindest in Wien.

Weiter geht die musikalische Reise beim Heranwachsen der jungen Wiener mit der "Schenen Leich" vom Ostbahn-Kurti im Plattenregal und dem fröhlichen Mitsingen zu "Es lebe der Zentralfriedhof" von Wolfgang Ambros. Für ältere Herrschaften ist dann "Der Tod muss ein Wiener sein" von Georg Kreisler der lustige Höhepunkt des gemütlich-fröhlichen Heurigenbesuchs.

Doch auch mit dem richtigen Spielzeug können Wiener Eltern ihren Nachwuchs von klein auf mit dem Gevatter Tod vertraut machen: Von Lego gibt es seit einigen Monaten die Leichentram, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg die Verstorbenen zum Wiener Zentralfriedhof führte, zum Selberbasteln. Und versprochen: Die im Set enthaltenen Lego-Särge bringen nicht nur Kinderaugen zum Strahlen!

Erholungsraum Friedhof

Will der Wiener an Wochenenden frische Luft schnappen, steht ein kleiner Spaziergang auf einem der 53 Friedhöfe an: Neben dem Klassiker Zentralfriedhof, der vor allem mit seinem jüdischen Teil die Touristen in Scharen anlockt, stehen auch weltweit einzigartige Gottesäcker vom denkmalgeschützten St. Marxer Friedhof über den idyllischen Waldfriedhof am Kahlenberg bis zum gespenstischen Friedhof der Namenlosen auf der Ausflugsliste der Wiener. Der Friedhof der Namenlosen ist übrigens ein besonderes Kleinod: Hier wurden einst die angeschwemmten Wasserleichen, die die Donau beim Albernen Hafen in Simmering freigab, beerdigt. Von schwangeren Dienstmädchen aus dem 19. Jahrhundert bis zum 11-jährigen Wilhelm Töhn, der am 1. Juni 1904 "durch fremde Hand" ertrank, reicht die Liste der hier Begrabenen.

Bei Regenwetter zieht es Wiener Familien ins Trockene. Unter dem Stephansdom etwa sorgen die Katakomben mit ihren 10.000 Toten für wohlige Gänsehaut bei groß und klein. Wer es lieber konservativ mag, stattet Kaiser und Co. in der Kapuzinergruft einen Besuch ab. Besonders beliebt sind die Sonderführungen bei Kerzenschein zwischen den Särgen von Sisi und Kronprinz Rudolf.

Natürlich sind die Toten für die Wiener Bevölkerung allgegenwärtig; überzeugen kann man sich von der Parallelwelt bei einer Friedhofstour der Vienna Ghosthunters.

Skurilles im Bestattungsmuseum

Wem der paranormale Friedhofsbesuch zu wenig wissenschaftlich ist, begibt sich in das Bestattungsmuseum auf dem Zentralfriedhof. Hier wird historisch belegt, dass die Hauptstädter bereits seit Jahrhunderten die Vorreiter in Sachen Tod waren. Der Sparsarg etwa, von Kaiser Joseph II. 1784 eingeführt, war wiederverwendbar: Befand sich der Sarg über dem Grab, klappte die Unterseite auf und der Tote fiel in die Grube. Der Sarg konnte wiederverwertet werden - innovative Nachhaltigkeit aus dem 18. Jahrhundert. Auch der Rettungswecker aus der Wohnung des Totengräbers vom Währinger Ostfriedhof aus dem Jahr 1828 ist ausgestellt: Eine Schnur am Handgelenk des Bestatteten war mit dem Wecker verbunden - beim Erwachen aus dem Scheintod konnte der ins Leben zurückgekehrte Währinger einfach mit der Hand winken und getrost auf die Totengräber warten. Ein Relikt, das nicht nur Edgar Allan Poe-Fans Worte der Bewunderung abringt.

Zu guter Letzt darf im Wiener Bestattungsmuseum natürlich auch herzlich gelacht werden: Der Sitzsarg der Sargerzeugung Atzgersdorf wurde für das Museum nach einem Bild des surrealistischen Malers René Magritte angefertigt. Übrigens: Ein Stopp im Museumsshop lohnt sich. Mit dem Zigarettenpackerl, das mit dem Aufdruck "Rauchen sichert Arbeitsplätze" versehen ist, ist man garantiert der Star auf der nächsten Dinnerparty.

Für eine vertiefende Bildung stehen noch weitere Museen in Wien zur Verfügung, wie zum Beispiel das Kriminalmuseum in der Leopoldstadt und das Foltermuseum in Mariahilf.

Begräbnis: gerne - aber wie?

Tritt der Tod dann tatsächlich in Erscheinung, hat der Wiener die Qual der Wahl: Neben einer Waldbestattung, die den Toten in einen Baum verwandeln soll, kann die Asche auch in einen Diamanten eingeschlossen und als stilsicherer Anhänger um den Hals getragen werden. Hobbygärtner können in Wien ebenfalls getrost auf ihr Ende blicken: Die bepflanzbare Urne der edlen Porzellanmanufaktur Augarten, die beim Gießen die Pflanze mit Mineralstoffen aus der Asche versorgt, garantiert den grünen Daumen über den Tod hinaus.

Natürlich können in Simmering nahe dem Zentralfriedhof auch die geliebten Haustiere zur Ruhe gesetzt werden: Der Tierfriedhof in der Anton-Mayer-Gasse bietet seit 2011 pietätvolle Begräbnisse von der Aufbahrung im Holzsarg bis zur Begräbnisstätte mit Grabsteinen in Katzenform für die verblichenen Vierbeiner.

Anleitungen zum Wiener-werden

Für alle Wahlwiener und jene, die es gerne werden wollen, hier die wichtigsten links im Überblick: www.bestattungsmuseum.at, www.kriminalmuseum.at, www.foltermuseum.at, Tierfriedhof Wien, www.friedhof-der-namenlosen.at, www.kaisergruft.at, die Katakombenführung und "Es lebe der Zentralfriedhof"
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