11. Europäischer Mediengipfel Lech am Arlberg: Die neue Weltunordnung im Fokus

Rainer Nowak (Chefredakteur Die Presse) im Gespräch mit Julian Reichelt (Vorsitzender der BILD-Chefredaktionen - BILD/ BILD Digital/ BILD am Sonntag / B.Z., rechts)
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  • Rainer Nowak (Chefredakteur Die Presse) im Gespräch mit Julian Reichelt (Vorsitzender der BILD-Chefredaktionen - BILD/ BILD Digital/ BILD am Sonntag / B.Z., rechts)
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LECH. Am Samstagvormittag neigte sich der diesjährige Mediengipfel mit einem Programmhighlight zu Ende: Julian Reichelt (Vorsitzender der BILD-Chefredaktionen - BILD/ BILD Digital/ BILD am Sonntag / B.Z.) sprach in der Pressestunde mit Rainer Nowak (Chefredakteur Die Presse) über seine sehr persönlichen Erfahrungen bezüglich der Weltunordnung. „Ich habe in den letzten drei Jahren die Situation in Aleppo hautnah journalistisch miterlebt“, berichtete der ehemalige Kriegsberichterstatter. Als Grund für die vielen Missstände der Welt sieht er unter anderem ein fehlendes Bewusstsein der Politik für falsche Entscheidungen. „Sehr dramatisch ist die tiefe Überzeugung, das Richtige getan zu haben. Politiker haben oft nicht das Gefühl, etwas fundamental falsch gemacht zu haben.“ Dabei nimmt er konkret Bezug auf Barak Obama. Die Probleme Europas und Europas Nachbarn seien die Auswirkungen der ersten wirklich linken Administration Amerikas. „Europa hat die USA als Sehnsuchtsland abgelöst, aber bisher können wir noch nicht damit umgehen“, ergänzte er in Bezug auf die Flüchtlingsproblematik.

Kommunikationsproblem

„Expertise in a World of Struggle“ – unter diesem Motto stand bereits am Freitagabend die Keynote von David Kennedy (Jurist, Professor an der Harvard Law School und Fakultätsdirektor am Institute for Global Law and Policy der Harvard Law School). Nach einleitenden Worten von Andreas Altmann (Rektor MCI – Management Center Innsbruck) eröffnete er mit seinem englischsprachigen Vortrag den Abend in der Kunsthalle arlberg1800. Ob die heutige Weltordnung instabil ist, lässt sich seiner Meinung nach nicht so einfach beantworten – aber es fühle sich definitiv so an. Ein Teil des Problems liege in einem neuen politischen Vokabular, das oft als Expertise bezeichnet wird und mehr der Strategie als der Wahrheit dient. „Comedy und Humor scheint vielleicht gerade deswegen oft ehrlicher als die Nachrichten selbst.“ Ebenso kritisierte er, dass das Experten-Vokabular strategisch genutzt wurde, anstatt Tatsachen klar anzusprechen. Vermeintliche Expertise werde die Welt deshalb nicht wieder stabilisieren.

Amerika als Treiber der Weltunordnung

Im darauffolgenden Panel unter der Leitung von Pascal Thibaut (Leiter des Verbands der Auslandspresse in Berlin), standen hingegen die Auswirkungen der Geschehnisse in den USA im Fokus. Nach dem Motto „America first“ dienen ihre Interessen kaum mehr einem globalen Publikum, sondern richten sich vermehrt nach innen – dabei waren sich die Diskussionsgäste zum größten Teil einig. Tyson Barker, Program Director and Fellow bei The Aspen Institute Deutschland, betonte allerdings: „Trump ist nicht das Problem. Er ist lediglich ein Symptom eines viel tieferliegenden Problems.” Diese Meinung teilte auch Josef Braml (Politikwissenschaftler, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik): „Die Weltordnung zerbricht, weil Amerika zu schwach ist und eine defekte, illiberale Demokratie präsentiert.“ Während die USA schwächelt, gewinne hingegen Asien und vor allem China an Stärke. „Die alte Ordnung gibt es nicht mehr. Die Frage ist, wie die neue aussehen wird“, ergänzte Raimund Löw (ORF Korrespondent) und lenkte den Fokus eher auf die Unfähigkeit Europas, sich zusammenzuschließen. Auch die Vertreterin der Mercator-Stiftung, Verena Ringler hält Europa für derzeit überfordert. Nicht zuletzt, weil es sich zu lange auf die Ordnungsmacht USA verlassen hat. Sie plädierte dafür, die Stärken des Kontinents mehr zu nutzen – wie zum Beispiel eine friedliche Krisenlösung.

Europas Versäumnisse

Ebenso einen europäischen Ansatz verfolgte die anschließende Diskussion unter der Leitung von Armin Thurnher, Herausgeber und Chefredakteur des Falters. Als eine der Hauptursachen für aktuelle Probleme stellte sich fehlende Kommunikation und zu wenig Bekenntnis zur EU heraus. „Aus der derzeitigen Weltunordnung sollten wir die Schlussfolgerung ziehen, dass wir als Europäer in den Dialog mit anderen Ländern intensivieren müssen. Das war eines der größten Versäumnisse der letzten Jahrzehnte“, meinte Franz Fischler (ehemaliger EU Kommissar und Präsident Forum Alpbach). Othmar Karas, Mitglied des Europäischen Parlaments, kritisierte hingegen die fehlende Loyalität gegenüber Europa: „Ich akzeptiere nicht, dass man sagt, man gewinnt mit Europa keine Wahlen. Das ist Feigheit, das ist Populismus.“ Ebenso nahm Kathrin Stainer-Hämmerle (Politikwissenschaftlerin) Bezug auf die letzten politischen Wahlen in Österreich: „Niemand hat darüber geredet, was die EU für Österreich gebracht hat. Wir fühlen uns sehr sicher und schätzen es oft zu wenig.“ Letztendlich waren sich alle einig, dass die großen Probleme der Gegenwart nur auf der europäischen Ebene gelöst werden können.
Den Abschluss des diesjährigen Mediengipfels bildete am Samstag der Internationale Presseclub. Der langjährige Medienmanager, Journalist und Berater Markus Spillmann diskutierte mit Paul Flückiger (Korrespondent in Warschau im Netzwerk von weltreporter.net), Inga Rogg (Türkei und Nah Ost-Korrespondentin NZZ und NZZ am Sonntag) und Pascal Nufer (SRF Korrespondent für China) über die aktuellen, erschwerten Bedingungen im Journalismus.

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