75 Jahre Kriegsende
Die letzten Stunden des Zweiten Weltkriegs im Bezirk Landeck

Französische Besatzungssoldaten in der Pontlatzkaserne in Landeck.
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  • Französische Besatzungssoldaten in der Pontlatzkaserne in Landeck.
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BEZIRK LANDECK (otko). Amerikaner und Franzosen befreiten den Bezirk Landeck vom Nazi-Regime. Am 5. Mai 1945 wurde die Stadt Landeck kampflos an die amerikanischen Truppen übergeben.

Letztes Aufgebot wurde mobilisiert

Der Zweite Weltkrieg in Europa ende vor 75 Jahren mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8. Mai. Anfang Mai marschierten auch die Alliierten – Amerikaner und Franzosen – im Bezirk Landeck ein und sorgten für die Befreiung vom Nazi-Regime.
DDr. Roman Spiss ("Landeck 1918-1945", Innsbruck 1998, S. 358-367) sowie Erich Delago ("Das Kriegsende", im Heimatbuch Zams, Zams 1991, 81-83) haben die letzten Kriegstage ausführlich geschildert: Bis 1945 war der Bezirk Landeck wegen der Nähe zur neutralen Schweiz von Kriegshandlungen verschont geblieben. Auch gab es keine großen Industrieanlagen für Bombardierungen. Lediglich 1943 gab es einen Bombenangriff auf die Trisannabrücke.
Ende 1944/Anfang 1945 wurde mit dem "Volkssturm", der in Tirol Standschützen hieß (auch bekannt als "Besensturm") das letzte Aufgebot mobilisiert. Alte Männer und Jugendliche sollten in der Tradition der Tiroler Standschützen die feindliche Übermacht vertreiben. Die verantwortlichen Nazigrößen des Bezirkes zogen dabei die historischen Vergleiche mit 1703 und 1809 heran. Am 21. April wurde der Volkssturm nach Landeck einberufen, wobei viele Volkssturmmänner aufgrund der nahenden Auflösung des Dritten Reichs in die Wälder flohen. Zu einem Kriegseinsatz der Landecker Standschützen kam es aber nicht mehr.

Landeck zur offenen Stadt erklärt

Durch die prekäre Kriegslage kamen immer mehr Soldaten und Flüchtlinge in den Kreis Landeck. Die deutschen Truppen, die von allen Seiten durch den Bezirk durchfluteten zeigten aber Ende April deutliche Auflösungserscheinungen. Im Bezirk Landeck waren rund 20.000 Mann – starke SS-Verbände und das 19. und 24. Armeekorps – zusammengezogen worden. In der Bevölkerung herrschte Angst, dass die Truppen bis zum äußersten Widerstand leisten könnten.
Nach der Befreiung von Innsbruck am 3. Mai trat nun auch in Landeck die Widerstandsbewegung rund um Josef Stockhammer in Erscheinung. Im Verlauf des 4. Mai verließen die hohen Nazis (Kreisleiter, sein Stab und führende Parteimitglieder) die Stadt. Am Abend forderten die Amerikaner, die ihre Hauptkampflinie in Starkenbach bezogen hatten, die kampflose Übergabe der Stadt – ansonsten würde Landeck bombardiert werden.
Nach Verhandlungen zogen sich die deutschen Truppen kampflos am 5. Mai aus Landeck-Zams Richtung Oberes Gericht zurück. Das Armeeoberkommando hatte seinen Sitz im Fließer Widum. Gegen 15.45 Uhr erreichten die ersten amerikanischen Truppen Zams. Bereits um 15 Uhr hatte die Widerstandsbewegung die rot-weiß-rote Fahne auf der Bezirkshauptmannschaft gehisst. Auch auf der äußersten Nordwestecke des Galugg in Zams war bereits zwei Tage vorher ebenfalls eine rot-weiß-rote Fahne gehisst worden. Der offizielle Einmarsch der Amerikaner erfolgte in Landeck erst gegen 18.00 Uhr. (Quellen: Siehe Roman Spiss und Erich Delago)
Die kampflose Übergabe der Stadt Landeck wird der Landecker Widerstandsgruppe angerechnet. Allerdings hat der ehemalige Stadtarchivar Georg Zobel ein Protokoll der deutschen Offiziere in seinem Buch "Mosaiksteine aus Landecks Vergangenheit, Landeck 2014, S. 578-580" publiziert, worin die Ereignisse der Übergabe etwas anders dargestellt werden.

Der viersprachige Identitätsausweis aus der Zeit der alliierten Besatzung Österreichs.
  • Der viersprachige Identitätsausweis aus der Zeit der alliierten Besatzung Österreichs.
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Franzosen in St. Anton am Arlberg

Am 6. Mai 1945 wurden weitere Teile des Bezirks von den Alliierten besetzt. Von Vorarlberg kommend hatten französische Truppen St. Anton am Arlberg besetzt. Da der Arlbergtunnel durch einen gesprengten Waggon blockiert kamen die französischen Truppen über den Hochtannberg bei Lawinengefahr über den Arlbergpass. In Pettneu am Arlberg trafen sie auf die von Landeck aus kommenden Amerikaner, wo eine Demarkationslinie errichtet wurde. Am  Mooserkreuz in St. Anton am Arlberg befindet sich noch heute ein französisches Denkmal. Auch im Paznaun trafen die Amerikaner bei Ischgl auf französische Truppen, die über das Zeinisjoch aus dem Montafon gekommen waren. Beim Weiler Hintergrist wurde ebenfalls eine Demarkationslinie errichtet. Allen voran die marokkanischen Soldaten, die in der französischen Armee dienten, sorgten für einigen Staunen in der heimischen Bevölkerung.

Übergabe der Besatzungsmacht in der Stadt Landeck durch die Amerikaner an die Franzosen.
  • Übergabe der Besatzungsmacht in der Stadt Landeck durch die Amerikaner an die Franzosen.
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Reger Handel und Tausch

Der Langestheier Josef Öttl schilderte in der Schulchronik die letzten Kriegstage (Josef Walser, ein paar "Paznaun-Bilder" aus der nationalsozialistischen Ära, in : Oswald Perktold/Richard Treidl (Hg.): Schreiben in Tirol am Beispiel Gemeindeblatt für den Bezirk Landeck unter O. P., Landeck 1988, S. 40): "Am Montag, 30. April, fluteten Teile der Deutschen Wehrmacht – lange Züge von Autos, Fuhrwerken und losen Pferden – ununterbrochen unser Heimattal. (...) Manche Offiziere fordern zum Widerstande auf. Ihre Befehle werden aber nicht mehr befolgt, und viele aus der Mannschaft verschwinden in den nahen Wäldern. In der ersten Maiwoche fühlte man sich im Tal nicht sicher, weil die Soldaten – in See sind es 500 bis 600 – überall herumstreifen. Man gründet daher in jedem Ort einen 'Heimatschutz'. (...) Zwischen der hiesigen Bevölkerung und der Deutschen Miliz entwickelt sich ein reger Handel und Tausch. Waffen erhält man meist nicht (...) Aber kleinere Fahrzeuge – Fahrräder und Motorräder – und Radioapparate erhält man durch Kauf und Tausch. Lebensmittel (Mehl, Reis, Kaffee) und der viel begehrte Tabak werden von manchen in Mengen nach Hause geschleppt."
Am 7. Mai stellten die durch das Obere Gericht vorrückenden amerikanischen Truppen den Kontakt zur 5. US-Armee am Reschen her. Schließlich zogen die Amerikaner Anfang Juli 1945 ab und die französischen Truppen übernahmen für die nächsten zehn Jahre den ganzen Bezirk Landeck.

Widerstand verhinderte sinnlose Zerstörungen

Während der letzten Kriegstagen konnte von beherzten Männern die sinnlose Sprengung zahlreicher Brücken, wie der Trisannabrücke, oder des Arlbergtunnels verhindert werden.
In Ried im Oberinntal wurde von Viktor Cerny am 2. Mai 1945 ermordet. Er war Anführer der Widerstandsgruppe gegen das Nazi-Regime, weißt Günter Patscheider vom Kulturverein SigmundsRied hin. Der in Prerau (Tschechien) 1896 geborene Ing. Viktor Czerny arbeitete seit 1938 als Forstmeister in Ried im Oberinntal. Im April 1945 war er führend am Aufbau einer Widerstandgruppe im dortigen Gerichtsbezirk beteiligt. Anfang Mai 1945 plante die Gruppe eine Aktion zur Entmachtung der lokalen NS-Führung. Parteifunktionäre, Bürgermeister und Ortsgruppenleiter sollten verhaftet werden. Als jedoch die Parteistellen in Ried und Landeck Kenntnis von den Plänen erhielten, kam es zu einer Verhaftungsaktion gegen die führenden Männer der Widerstandgruppe. In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 wurde das Haus Czernys umstellt und dieser beim Versuch zu flüchten erschossen  (Quelle: Zeugen des Widerstandes, S. 21. Tiroler Landesarchiv, Opferfürsorgeakt Theodora Czerny. Widerstand und Verfolgung in Tirol 2, S. 543-550).

Der letzte Schultag in See

Die Lehrerin Maria Tschiderer aus See schildert in der Schulchronik die letzten Tage des Nazi-Regimes: "Der letzte Naziakt spielte sich am 24.4.1945 in der Klasse ab. Ich erhielt den amtlichen Auftrag, das Hitlerbild wegzubringen. Als ich zur Schule kam, war das Haus von SS-Polizei besetzt. Es waren auch einige Kinder anwesend. Ich ging ins Klassenzimmer, wo die Mannschaft Bänke, Tische und das Pult schon aufeinander gestapelt hatte. Trotzdem schickte ich mich an das Hitlerbild abzunehmen. Da packte mich ein Leutnant bei den Schultern, riss mich herunter und ein anderer, ein dicker Kerl, der Sprache nach ein Bayer, der mit beiden Fäusten auf meinen Kopf hin und her haute und dabei schrie: 'Wir lassen unseren Führer nicht beleidigen und schänden.' (...) In das Rasseln der Gewehre (...) mischt sich das Schreien der Kinder. Wären unter diesen 20 Männern nicht auch einige menschliche, normale Leute dabei gewesen, hätte diese Auseinandersetzung sicher noch ernster werden können." (Quelle: Othmar Kolp, Gemeindebuch See, See 2008, S. 117)

Die Amis sind da

Josef Öttl aus Langesthei schildert in der Schulchronik die Situation nach der Kapitulation: "Die Teile der Deutschen Wehrmacht werden mit ihren Waffen und der noch übrig gebliebenen Habe nach Landeck zur Übergabe abgeschoben. Die durch die Wälder Geflüchteten suchen Auswege über Pässe und Jöcher und manche stellen sich hier den Militärkommandos. (...) Nun schaltet und waltet bei uns das amerikanische Militärkommando. (...) Größere uns kleinere Truppenabteilungen ziehen in alle Richtungen aus und machen dort Hausdurchsuchungen, wo ihnen etwas verdächtig vorkommt oder dort, wo einer verraten wird, er sei im Besitz von Waffen, Uniformen, und von der Wehrmacht erworbene Feldstecher werden zusammengetragen und auf einem Haufen verbrannt." (Quelle: Siehe Josef Walser)

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