Landeck: Die letzten Stunden des Krieges

Übergabe der Besatzungsmacht durch die Amerikaner an die Franzosen.
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  • Übergabe der Besatzungsmacht durch die Amerikaner an die Franzosen.
  • Foto: Stadtarchiv Landeck
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BEZIRK (otko). Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht. Anfang Mai marschierten auch die Alliierten – Amerikaner und Franzosen – im Bezirk Landeck ein.
DDr. Roman Spiss ("Landeck 1918-1945", Innsbruck 1998, S. 358-367) sowie Erich Delago ("Das Kriegsende", im Heimatbuch Zams, Zams 1991, 81-83) haben die letzten Kriegstage ausführlich geschildert: Bis 1945 war der Bezirk wegen der Nähe zur neutralen Schweiz von Kriegshandlungen verschont geblieben. Auch gab es keine großen Industrieanlagen für Bombardierungen. Lediglich 1943 gab es einen Bombenangriff auf die Trisannabrücke.
Ende 1944/Anfang 1945 wurde mit dem "Volkssturm", der in Tirol Standschützen hieß (auch bekannt als "Besensturm") das letzte Aufgebot mobilisiert. Alte Männer und Jugendliche sollten in der Tradition der Tiroler Standschützen die feindliche Übermacht vertreiben. Die verantwortlichen Nazigrößen des Bezirkes zogen dabei die historischen Vergleiche mit 1703 und 1809 heran. Am 21. April wurde der Volkssturm nach Landeck einberufen, wobei viele Volkssturmmänner aufgrund der nahenden Auflösung des Dritten Reichs in die Wälder flohen. Zu einem Kriegseinsatz der Landecker Standschützen kam es aber nicht mehr.

Zur offenen Stadt erklärt

Durch die prekäre Kriegslage kamen immer mehr Soldaten und Flüchtlinge in den Kreis Landeck. Die deutschen Truppen, die von allen Seiten durch den Bezirk durchfluteten zeigten aber Ende April deutliche Auflösungserscheinungen. Im Bezirk Landeck waren rund 20.000 Mann – starke SS-Verbände und das 19. und 24. Armeekorps – zusammengezogen worden. In der Bevölkerung herrschte Angst, dass die Truppen bis zum äußersten Widerstand leisten könnten.
Nach der Befreiung von Innsbruck am 3. Mai trat nun auch in Landeck die Widerstandsbewegung rund um Josef Stockhammer in Erscheinung. Im Verlauf des 4. Mai verließen die hohen Nazis (Kreisleiter, sein Stab und führende Parteimitglieder) die Stadt. Am Abend forderten die Amerikaner, die ihre Hauptkampflinie in Starkenbach bezogen hatten, die kampflose Übergabe der Stadt – ansonsten würde Landeck bombardiert werden.
Nach Verhandlungen zogen sich die deutschen Truppen kampflos am 5. Mai aus Landeck-Zams Richtung Oberes Gericht zurück. Das Armeeoberkommando hatte seinen Sitz im Fließer Widum. Gegen 15.45 Uhr erreichten die ersten amerikanischen Truppen Zams. Bereits um 15 Uhr hatte die Widerstandsbewegung die rot-weiß-rote Fahne auf der Bezirkshauptmannschaft gehisst. Auch auf der äußersten Nordwestecke des Galugg in Zams war bereits zwei Tage vorher ebenfalls eine rot-weiß-rote Fahne gehisst worden. Der offizielle Einmarsch der Amerikaner erfolgte in Landeck erst gegen 18.00 Uhr.
Die kampflose Übergabe der Stadt Landeck wird der Landecker Widerstandsgruppe angerechnet. Allerdings hat der ehemalige Stadtarchivar Georg Zobel ein Protokoll der deutschen Offiziere in seinem Buch "Mosaiksteine aus Landecks Vergangenheit, Landeck 2014, S. 578-580" publiziert, worin die Ereignisse der Übergabe etwas anders dargestellt werden.

Sinnlose Zerstörungen verhindert

Am 6. Mai 1945 wurden weitere Teile des Bezirks von den Alliierten besetzt. Von Vorarlberg kommend hatten französische Truppen St. Anton am Arlberg besetzt. In Pettneu trafen sie auf die von Landeck aus kommenden Amerikaner, wo eine Demarkationslinie errichtet wurde. Auch im Paznaun trafen die Amerikaner bei Ischgl auf französische Truppen, die über das Zeinisjoch aus dem Montafon gekommen waren. Beim Weiler Hintergrist wurde ebenfalls eine Demarkationslinie errichtet. Der Langestheier Josef Öttl schilderte in der Schulchronik die letzten Kriegstage (Josef Walser, ein paar "Paznaun-Bilder" aus der nationalsozialistischen Ära, in : Oswald Perktold/Richard Treidl (Hg.): Schreiben in Tirol am Beispiel Gemeindeblatt für den Bezirk Landeck unter O. P., Landeck 1988, S. 40): "Am Montag, 30. April, fluteten Teile der Deutschen Wehrmacht – lange Züge von Autos, Fuhrwerken und losen Pferden – ununterbrochen unser Heimattal. (...) Manche Offiziere fordern zum Widerstande auf. Ihre Befehle werden aber nicht mehr befolgt, und viele aus der Mannschaft verschwinden in den nahen Wäldern. In der ersten Maiwoche fühlte man sich im Tal nicht sicher, weil die Soldaten – in See sind es 500 bis 600 – überall herumstreifen. Man gründet daher in jedem Ort einen 'Heimatschutz'. (...) Zwischen der hiesigen Bevölkerung und der Deutschen Miliz entwickelt sich ein reger Handel und Tausch. Waffen erhält man meist nicht (...) Aber kleinere Fahrzeuge – Fahrräder und Motorräder – und Radioapparate erhält man durch Kauf und Tausch. Lebensmittel (Mehl, Reis, Kaffee) und der viel begehrte Tabak werden von manchen in Mengen nach Hause geschleppt."
Am 7. Mai stellten die durch das Obere Gericht vorrückenden amerikanischen Truppen den Kontakt zur 5. US-Armee am Reschen her.
Während der letzten Kriegstagen konnte von beherzten Männern die sinnlose Sprengung zahlreicher Brücken, wie der Trisannabrücke, oder des Arlbergtunnels verhindert werden.
Schließlich zogen die Amerikaner Anfang Juli 1945 ab und die französischen Truppen übernahmen für die nächsten zehn Jahre den ganzen Bezirk Landeck.

 

Ersten Kaugummis

Beim "Gespräch im Treppenhaus" in der NMS Clemens Holzmeister erinnerte sich die Künstlerin Gertrude Schrott an das Wendejahr 1945: "Daheim wurde nicht vom Krieg gesprochen. Bei Fliegeralarm mussten wir in den Luftschutzkeller. Jeder Stadtteil hatte seinen Tunnel. Wenn wir nicht in der Schule sein wollten, hatten wir öfters sogar Freude über den Alarm und es war teilweise auch lustig, obwohl man auch Angst hatte." Auch an den Beginn der Besatzungszeit und den Einzug der Amerikaner kann sich Schrott noch erinnern. "Wir mussten jubeln und Fahnen schwingen. Zuerst kamen die Amis und dann die Franzosen. Im Hof der Schule war ein Lager, dort haben wir von den Soldaten erste Kaugummis und auch Schokolade bekommen. Auch die abgeschnittenen Ecken der Sandwiches haben wir gesammelt." Gertrude Schrotts Elternhaus sollte beschlagnahmt werden. "Die Soldaten sind in die Privathäuser gekommen. Meine Schwester hat am Flügel gespielt und die Soldaten haben dann mit ihr gesungen und stattdessen das Nachbarhaus geplündert", so Schrott.

Letzte Schultag

Die Lehrerin Maria Tschiderer aus See schildert in der Schulchronik die letzten Tage des Nazi-Regimes: "Der letzte Naziakt spielte sich am 24.4.1945 in der Klasse ab. Ich erhielt den amtlichen Auftrag, das Hitlerbild wegzubringen. Als ich zur Schule kam, war das Haus von SS-Polizei besetzt. Es waren auch einige Kinder anwesend. Ich ging ins Klassenzimmer, wo die Mannschaft Bänke, Tische und das Pult schon aufeinander gestapelt hatte. Trotzdem schickte ich mich an das Hitlerbild abzunehmen. Da packte mich ein Leutnant bei den Schultern, riss mich herunter und ein anderer, ein dicker Kerl, der Sprache nach ein Bayer, der mit beiden Fäusten auf meinen Kopf hin und her haute und dabei schrie: 'Wir lassen unseren Führer nicht beleidigen und schänden.' (...) In das Rasseln der Gewehre (...) mischt sich das Schreien der Kinder. Wären unter diesen 20 Männern nicht auch einige menschliche, normale Leute dabei gewesen, hätte diese Auseinandersetzung sicher noch ernster werden können."

Die Amis sind da

Josef Öttl aus Langesthei schildert in der Schulchronik die Situation nach der Kapitulation: "Die Teile der Deutschen Wehrmacht werden mit ihren Waffen und der noch übrig gebliebenen Habe nach Landeck zur Übergabe abgeschoben. Die durch die Wälder Geflüchteten suchen Auswege über Pässe und Jöcher und manche stellen sich hier den Militärkommandos. (...) Nun schaltet und waltet bei uns das amerikanische Militärkommando. (...) Größere uns kleinere Truppenabteilungen ziehen in alle Richtungen aus und machen dort Hausdurchsuchungen, wo ihnen etwas verdächtig vorkommt oder dort, wo einer verraten wird, er sei im Besitz von Waffen, Uniformen, und von der Wehrmacht erworbene Feldstecher werden zusammengetragen und auf einem Haufen verbrannt." (Siehe Josef Walser)

KOMMENTAR: Krieg und Elend als zukünftige Mahnung

Mit den Gedenkfeiern zum Ende des Zweiten Weltkrieges blicken wir in unserer Region auf 70 friedliche Jahre zurück. Als Lehre aus den Schrecken des Krieges und des Naziterrors mit dem Holocaust, ist das Projekt der europäischen Einigung entstanden. Frühere Erzfeinde sind nun in der EU friedlich vereint. Ein Krieg in Europa ist heute fast undenkbar geworden, zu eng sind die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen. Allerdings sollten wir aber nicht vergessen, dass es unzählige Kriege und Katastrophen vor unserer (europäischen) Haustüre gibt. Daher sollten wir auch in Sachen Kriegsflüchtlinge Solidarität zeigen. Unser Bezirk blieb zwar von direkten Kampfhandlungen und Luftangriffen weitgehend verschont, trotzdem gab es auch hier tausende Flüchtlinge und Not und Elend in der Zivilbevölkerung. Viele Männer und Söhne kamen aus dem Krieg nicht zurück oder verbrachten Jahre in Gefangenschaft. Daher soll es auch in Zukunft heißen: "Nie wieder Krieg!"

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