13.11.2016, 00:10 Uhr

Wenn der Otto kein Heiliger ist

Mit der Seligsprechung von Otto Neururer, im November 1996, ging ein lange verfolgter Wunsch von Bischof Stecher in Erfüllung: Der selige Pfarrer von Götzens und gebürtige Oberländer als Patron der Familien.
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Predigt von Bischof Reinhold Stecher über seinen geliebten Religionslehrer - den Märtyrerpriester Otto Neururer

Liebe junge Freunde!

Wenn ich zu einem Märtyrerfest der Kirche eine Predigt halten muss, gilt für die Ansprache immer dieselbe Schwierigkeit. Die Gestalten sind so weit weg. Ob es sich um Laurentius oder Sebastian, Georg oder Christophorus, Agnes oder Barbara handelt – zwischen ihnen und uns liegen eineinhalb Jahrtausende. Und wenn auch an ihrer historischen Existenz kaum zu zweifeln ist, die Legenden haben die Geschichte ihres Lebens überwuchert, ihr Martyrium wurde phantastisch ausgeschmückt, ihre Wundertaten fromm übersteigert oder erfunden – es ist nicht einfach mit den alten Märtyrern.

Bei Otto Neururer, der als kleines, etwas verschrecktes Büblein aus eher ärmlichen Verhältnissen aus dem fernen Piller im Oberland in dieses Haus eingezogen ist, als blitzgescheiter, guter Schüler, der aber gesundheitliche Schwierigkeiten hatte und z.T. aussetzen musste, mit diesem Otto Neururer verhält es sich anders. Er reicht in mein Leben herein. Ich hab ihn lebendig vor mir.

Er war mein Katechet in der Volksschule. Er hat mich im Dom zu Innsbruck, wie ich sechs Jahre alt war, zur Erstkommunion geführt. Er war ein stiller Mann, kein hinreißender Erzähler, nicht das, was man einen geborenen, imponierenden Pädagogen nennt. Aber eines ist mir in Erinnerung geblieben, immer, durch alle Jahre: Wie er uns von der heiligen Wandlung und ihrem Geheimnis erzählt hat. Sogar als Kind hab ich gespürt, dass er selbst zu tiefst ergriffen war. Aber sonst war er in der Schule nicht spektakulär. Er war ein einfacher Tiroler Priester, sicher mit einer tiefen spirituellen Prägung vom Brixner Priesterseminar, aber Besonderes war an ihm nicht. Er war eher bescheiden, zurückhaltend, ängstlich – er konnte sich nicht gut verkaufen.

Mit dem Jahre 1938 hat sich für Nordtirols Kirche die Situation über Nacht radikal verändert. Ich war damals 16 Jahre alt, im 7. Kurs Gymnasium. Auf der Stelle waren wir von der Katholischen Jugend illegal. Alle Vereine und Organisationen wurden verboten, ihre Heimat beschlagnahmt und geplündert. Wenn ein Kaplan mit vier Jugendlichen einen Ausflug machte, galt das als illegale Gruppenbildung. Alle Klöster wurden aufgehoben. Eine Reihe von Kirchen gesperrt, z.T. als Magazine benutzt. Jeder vierte Geistliche der Diözese war von der Gestapo vorgeladen. In den ersten Tagen nach dem 13. März gab es im Raum Innsbruck 1200 Verhaftungen. Die ersten KZ-Transporte rollten nach Dachau. Die Apostolische Administratur Innsbruck-Feldkirch erlebte die schärfste Kirchenverfolgung des damaligen Deutschen Reichs. Der Rechtsstaat war über Nacht tot. Ich muss das einmal sagen, denn wenn von diesen Zeiten heute die Rede ist, dann flattern über die Bildschirme in Österreich und Deutschland nur die Filme mit den jubelnden Massen unter wehenden Hakenkreuzfahnen. Was hinter dieser Kulisse passiert ist – davon gibt es keine Filme. Von der Angst der Hunderttausenden keine Dokumentation.

In dieser Welt stand nun der liebe Otto Neururer als Pfarrer von Götzens. Und es senkte sich über sein Leben das Verhängnis. Ein etwas unbedarftes Mädchen seiner Pfarre war dabei, einen ganz unmöglichen, charakterlosen Menschen zu heiraten. Und Neururer hat das getan, was er als verantwortungsbewusster Pfarrer tun musste: Er hat dem Mädchen abgeraten. Dessen Unglück wäre ja programmiert gewesen. Aber der abgelehnte Bräutigam war ein Busenfreund des Gauleiters Hofer. Und so wurde Neururer wegen „Herabsetzung der deutschen Ehe“ von der Gestapo verhaftet und in ihr Innsbrucker Gefängnis eingeliefert. Über den Eingang diese Hauses hätte das Wort Dantes gut gepasst: „Lasciate ogne speranza voi ch’entrate …“
Ich muss ein wenig diese Welt schildern. Ein Jahr nach Neururer bin ich selbst in dieses Gefängnis gekommen. In den Verhörräumen der Gestapo und in der Einzelzelle monatelanger Haft war jeder Rechtsstaat ausgelöscht. Es gab kein Gesetz, auf das man sich berufen konnte, kein Recht, keinen Rechtsanwalt, kein Gericht. Es gab keine Beschwerdemöglichkeit, kein Besuchsrecht, keinerlei Unterstützung von außen. Es gab nur Verhöre, Verhöre ohne Ende. Bei einer Verpflegung, die kaum dieses Wort verdiente, konnte man nicht versuchen, sich in der Zelle etwas fit zu halten. Es wurde einem sofort schwarz vor den Augen. Über den Verhören lag immer die Drohung: „Sie kommen ins KZ“. Ich war damals, als ich wegen Vorbereitung einer Wallfahrt ins Gefängnis kam, 18einhalb Jahre alt. Aber ich hatte neun Monate Reichsarbeitsdienst mit allen Schleifereien und Schikanen hinter mir. Für Otto Neururer, der damals ja schon 60 Jahre alt war, muss diese Welt der Brutalität und Rechtlosigkeit schrecklich gewesen sein. Die kritisch-überlegenen Geister von heute, bis hinein in die akademische und politische Szene, die davon reden, dass man damals doch viel mutiger sein hätte sollen, haben nicht die leiseste Ahnung, was es heißt, wenn man in einem derartigen Tyrannenstaat auch nur im geistigen Widerstand war wie wir von der Kirche. Du bist völlig isoliert, auf den Straßen ertönte gerade das Siegesgeschrei über den Einmarsch der Deutschen in Paris – und die Trommeln und Fanfaren der Hitlerjugend. Und du stehst im Sträflingsgewand, halbverhungert, ungepflegt vor den Verhörern, von denen du weißt, dass sie vor keinem Mord zurückschrecken. Ich habe selbst erlebt – und Neururer wird genauso erlebt haben, dass man sich bei dieser Bearbeitung und diesen Methoden auf einmal wie ein Verbrecher fühlt. Erst in der Einsamkeit der Zelle kommt man wieder zu sich und sagt sich: Nein, die Verbrecher sind schon die anderen – du hast ja nichts Böses getan. Aber eines kann ich versichern: Man hat keine heroischen Gefühle …

Neururer kam dann ins KZ Dachau. Hier sind nun Prügel, Demütigungen, sadistische Quälereien das tägliche Brot. Es sind viele Österreicher in Dachau, darunter auch der spätere Bundeskanzler Raab und Außenminister Figl. Und mir haben Häftlinge erzählt, dass der stille Tiroler Pfarrer, der den Schikanen gesundheitlich kaum gewachsen war, auf einmal so etwas wie eine geheime Anlaufstelle seiner Mithäftlinge wurde. Nun ist in dem „Antihelden“ Neururer eine Größe aufgewacht, die man nicht für möglich gehalten hätte, wenn man ihn gekannt hat. Vielleicht wurde er wegen dieser Rolle ins KZ Buchenwald verlegt. Dort vollendete sich sein Schicksal. Ein Agentprovocateur, ein Häftling machte sich an ihn heran und bat um Glaubensunterricht. Neururer wusste, dass auf einer derartigen Tätigkeit der Tod stand. Und er ahnte, dass der Mann ein Spitzel war. Aber Neururer sagte zu einem Freund: „Wenn ich als Priester um diesen Dienst gebeten werde, muss ich es tun.“ Zwei Tage später wurde er in den Todesbunker geholt und mit dem Kopf nach unten so lange aufgehängt bis er tot war, anscheinend 36 Stunden. Weil er der erste ermordete Priester war und das Lager noch kein eigenes Krematorium hatte, wurde seine Leiche im öffentlichen Krematorium verbrannt – und von dort wurde die Asche, wie bei anderen auch, nach Hause geschickt. Und so haben wir von Neururer als einzigem Opfer von sechs Millionen KZ-Häftlingen die Asche, die sicher echt ist. Aber das ist eine Nebensache.

Als ich Bischof wurde, kam ein alter Bauer aus Obernberg am Brenner zu mir und sagte: „Herr Bischof, ich bin der Letzte, der neben Neururer auf der Pritsche gelegen ist, wie sie ihn in den Todesbunker geholt haben. Und jetzt sage ich Ihnen: Wenn der Otto kein Heiliger ist, gibt es keine. Er hat noch das letzte Brot geteilt – und nie über seine Peiniger geschimpft.“ Dann habe ich den Prozess begonnen. Der oberste Verantwortliche für alle Seligsprechungen der NS-Zeit hat das Urteil des alten Bauern geteilt: Er hat zu mir gesagt, nachdem er die acht Bände Material durchgearbeitet hatte: „Herr Bischof, Sie wissen, was bei uns in der Heiligsprechungskongregation los ist. Unter Johannes Paul II. ist ja das Gedränge groß geworden. Ich sage Ihnen jetzt etwas, was ich zu keinem Bischof in der Welt bis heute gesagt habe: Die Causa Neururer ist die beste, die in diesem Haus liegt.“ – Und die neun Theologen in der Welt, die die Letztbeurteilung abgeben, waren der gleichen Meinung: Zum erstenmal in der langen Reihe der Selig- und Heiligsprechungen waren alle neun ohne jeden Einwand einverstanden. Neururer ist der einzige Märtyrer, der um der Würde der Ehe willen ins Gefängnis gekommen ist und wegen seiner priesterlichen Pflichterfüllung im KZ ermordet wurde.

Für mich ist Otto Neururer der heimliche Generalvikar der Diözese und der Helfer in vielen schwierigen Lagen geworden. Und für das Vinzentinum ist der kleine blasse Schüler von einst, dem man nicht allzuviel zugetraut hätte, vor allem wohl keinen Heroismus großen Stils, fürs Vinzentinum ist er der Sieger, der den schwierigsten Slalom des Lebens bewältigt hat, der Sieger, der im mörderischen Giro jener Zeiten mit den schweren Bergstrecken der blutigen Verfolgung letztlich doch auf dem Stockerl gestanden ist.

So, meine lieben jungen Freunde. Das ist ein kleiner Originalbericht über den ehemaligen Schüler des Vinzentinums, der als Märtyrer von euch weit weg ist, aber doch nur ein Menschenleben weit. Ich bin damals im letzten Augenblick vom KZ-Transport weggekommen und dafür viereinhalb Jahre an die Front. Aber vor zwei Jahren bin ich doch nach Dachau gekommen. Und dort, wo die SS ihre berüchtigten Folterkasernen hatte, habe ich den Schwestern des Karmel Exerzitien gegeben. Am Abend bin ich hinausgetreten auf den großen Platz, auf dem nur Barackenfundamente zu sehen sind, auf den Platz, der für so viele die Hölle war, die ich gekannt habe, auch für meinen lieben Katecheten Otto Neururer.

Heute habt ihr Derartiges nicht zu fürchten. Es gibt keine Verfolgung. Und einen derartigen Tyrannenstaat kann man sich gar nicht vorstellen. Damals hat das Christsein das Leben kosten können. Das kostet es heute nicht. Aber trotzdem habt ihr es nicht leichter als wir damals. Das Christsein ist heute auch teuer – inmitten einer Welt von Konsum und Wohlstand, Frieden und Freiheit, aber mitten in all den weichen Wellen unserer Zeit habt ihr es nicht leichter. Ich hoffe, dass euch euer heldenhafter Vinzentiner Otto Neururer auch die Gnade erbittet in einer Welt wie der heutigen ein christliches Profil zu bewahren. Und ein wenig solltet ihr auf Otto den Grossen stolz sein. Und er wird sein Vinzentinum nie vergessen.

Predigt von Bischof Reinhold Stecher vor der Vinzentinergemeinschaft, Mai 2008


Die Gemeinde der Kaplanei Piller (Pfarre Fliess) feiert am Christkönigssonntag, den 20. November 2016, zusammen mit der Musikkapelle (Cäcilienfeier) und dem Kirchenchor Piller um 9.30 Uhr einen feierlichen Gottesdienst.
Am Abend um 19.30 Uhr findet im Gasthaus Hirschen ein Filmvortrag von der Seligsprechung statt.

Am Samstag, den 26. November 2016,
um 15:30 Uhr in der Barbarakirche in Fließ:
Heilige Messe
im Gedenken an die Seligsprechung
von Pfarrer Otto Neururer und Pater Jakob Gapp
und zu Ehren des heiligen Papstes Johannes Paul II.


Zu den Gedenkfeiern sind alle Gläubige aus nah und fern herzlich eingeladen.
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