27.09.2016, 12:30 Uhr

Galtürer Almbegegnung: Nahversorgung – Was brauchen wir?

Podiumsdiskussion: Markus Schermer, Charly Marend, Anton Mattle, Martina Brunner, Daniel Nigg, Alfons Wachter und Bernhard Guggenbichler (v.l.).

Bei der 11. Galtürer Almbegegnung wurde über das Thema Nahversorgung im Dorf diskutiert.

GALTÜR (otko). Zur bereits elften Auflage der Galtürer Almbegegnung wurde vergangenen Freitag am Vorabend der Almkäsepolympiade ins Alpinarium Galtür geladen. Geschäftsführer Bgm. Anton Mattle freute sich über einen vollen Saal.
Eine Expertenrunde diskutierte beim kultivierten Streitgespräch zum Thema "Nahversorgung am Land. Was brauchen wir im Dorf?". Nicht nur am Podium sondern auch im Publikum, das mitdiskutierte, prallten die Meinungen aufeinander.
Das letzte Geschäft im Dorf sperrt zu. Handwerker, Kleinbauern und Ärzte: Alle sind nur der Notnagel und nicht konkurrenzfähig gegen das Massenangebot. Als Einstieg stellten Anna Hämmerle, Theresia Zimmermann und Alina Bachmann von der HLW Rankweil ihre Arbeit "Nahversorgung im Lebensmittelhandel in Vorarlberg" vor. Linda Weber (Uni Innsbruck) präsentierte im Anschluss unter dem Titel "Dörfliche Versorgung im Wandel" die Ergebnisse einer Umfrage zum Projekt Dorfladen in Trins (Gschnitztal).

Lebensqualität erhalten

Für Charly Marend vom Vorarlberger Verein für dörfliche Nahversorgung, hängt die Lebensqualität in den Dörfern mit einer guten Nahversorgung zusammen. "In vielen Orten in Vorarlberg ist der Dorfladen das letzte, was übriggeblieben ist. Neben den materiellen brauchen die Leute auch immaterielle Lebensmittel wie die Gemeinschaft", so Marend. In Vorarlberg werden vom Land und den Gemeinden pro Jahr insgesamt 1,4 Mio. Euro in die Nahversorgungsförderung investiert. "Mit diesen Förderungen kommen die noch bestehenden Dorfläden betriebswirtschaftlich auf eine schwarze Null", betont Marend. Zudem sei auch eine Entbürokratisierung dringend nötig.
Martina Brunner, Landesleiterin der Tiroler Landjugend und Gemeinderätin in Aurach, beleuchtete das Thema aus Sicht der jüngeren Generation: "Die Jugend braucht vor allem einen sozialen Treffpunkt und dazu gehört auch die Mobilität. Wir müssen aber nicht alles in einem Ort haben und es braucht regionale und überregionale Zusammenarbeit."

Echte Regionalität

Mit ganz anderen Problemen hat Daniel Nigg, Obmann der Sennerei Grins und Bauer, zu kämpfen. 120.000 Kilogramm Milch von 20 bis 22 Lieferanten werden dort verarbeitet. Der Abgang wird von Seiten der Politik finanziert. "Es gibt in Sachen Regionalität viele Sonntagsreden und es ist wenig Authentizität dabei. Noch vor 14 Jahren hatten wir 50 Lieferanten und wenn es so weiter geht, können wir in 20 Jahren zusperren. Wichtig ist, dass die Lieferanten selbst hinter ihrem Betrieb stehen", plädierte Nigg.
Ähnlich sieht es auch Alfons Wachter: "Wir Bäcker haben geglaubt Nahversorger spielen zu müssen. Zwischen 3,50 und 3,60 Euro lässt eine Kunde pro Einkauf im Geschäft. Unter 1.000 Euro Tagesumsatz ist eine Filiale nicht finanzierbar." Im Gegensatz zu früher gibt es den Stammkunden nicht mehr. Nur durch den starken Tourismus sei der Erhalt der Struktur möglich, wobei von Seiten der Hotellerie noch mehr Unterstützung nötig sei.
Im Krankenhaus Zams werden jährlich 600.000 Euro in den Lebensmitteleinkauf investiert. "Als Großabnehmer haben wir oft Probleme beim regionalen Einkauf, da wir bei der Menge ein gewisses Quantum und gleichbleibende Qualität benötigen. Dazu kommen noch die umfangreichen Hygieneauflagen", erläuterte GF Bernhard Guggenbichler.

Bessere Raumordnung

Einig war sich das Podium, dass in Sachen Raumordnung in der Vergangenheit viel schief gelaufen sei. Große Einkaufszentren wurden am Rand der Städte gebaut. "Hier ist ein Frevel passiert und daher sterben die Geschäfte in den Tälern", meinte Wachter. "Die Kunden wollen ein großes Angebot und gratis parken", verwies Guggenbichler. Moderator Schermer (Uni Innsbruck) stellte fest: "Der Nahversorger ist in Krisenzeiten interessant und ansonsten neigt der Konsument zur Bequemlichkeit."
Bgm. Mattle sprach sich für mehr Bewusstseinsbildung und für die Stärkung des Wir-Gefühls in den Dörfern aus.
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