22.10.2014, 11:54 Uhr

Leserbrief: "Eine kurze Einschätzung zur Wirtschaftlichkeit des Sannakraftwerks", von Univ.-Prof. Dr. Martin Huber, Fribourg

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Bürgermeister, sehr geehrte Vizebürgermeister, Stadt- und Gemeinderäte,

morgen stimmen Sie im Gemeinderat über das umstrittene Sanna-Kraftwerkprojekt ab. Als gebürtiger Landecker und Ökonom erlaube ich mir, Ihnen kurz meine wirtschaftliche Einschätzung unter allen derzeit zur Verfügung stehenden Informationen mitzuteilen.
Wie allgemein bekannt, ist der Preis für Basisstrom an der Leipziger Strombörse (an der sich auch Österreich orientiert/orientieren muss) über die letzten Jahre massiv eingebrochen, sodass er sich vermutlich verdoppeln müsste, um das Projekt rentabel zu machen (wenn man das seriöse Gutachten von Univ.-Prof. Pircher der Uni Innsbruck zugrunde legt, welches bis heute durch kein Gegengutachten entkräftet werden konnte).
Die meisten Experten sind sich einig, dass mittelfristig keine entscheidende Preiserhöhung zu erwarten ist: Die Kapazitäten an Wind- und Solarstrom werden weiter massiv ausgebaut während die Nachfrage stagniert. Unvermindert werden diese erneuerbaren Energien durch Subventionen gefördert – aber nicht nur sie. So hat z.B. die Europäischen Kommission kürzlich den Bau von staatlichen geförderten Atomkraftwerken in Grossbritannien gebilligt – ein Beispiel, das Schule machen könnte und den Druck auf die Preise an den Strommärkten weiter erhöhen könnte. All dies spiegelt sich auch auf den Terminmärkten wider, auf denen Strom für zukünftige Jahre (z.B. in 1 oder auch erst 5 Jahren) bereits heute gehandelt wird – zu ebenfalls historischen Tiefstpreisen.
Hingegen ist selbst längerfristig (also in 20-30 Jahren) nicht klar, ob Kleinstflusskraftwerke wieder konkurrenzfähig sein können. Erstens ist völlig offen, wie lange insbesondere Deutschland die massive Subventionierung von erneuerbaren Energien noch aufrecht erhält. Zweitens ist der Aufbau der Kapazitäten an Solar- und Windenergie derart massiv vorangeschritten, dass auch nach dem Auslaufen der Förderungen (und selbst nach dem Abschalten aller Atomkraftwerke in Deutschland!) etliche Experten nur einen moderaten Anstieg der Preise erwarten. Denn: selbst ohne Förderung werden diese Anlagen (die ja nun einmal gebaut wurden) weiterlaufen, sofern sie einen Deckungsbeitrag erzielen können (also der Marktpreis die marginalen Grenzkosten der Produktion übersteigt). In diesem Kontext ist es ein entscheidender Nachteil der Wasserkraft, dass modernste Solar- und Windanlagen laut einer Studie des Frauenhofer-Instituts (Stand November 2013) Basisstrom bereits heute billiger produzieren können als Flusskraftwerke. Weiters ist die technologische Entwicklung noch nicht an ihrem Ende angelangt, sodass sich die relative Effizienz von Wind und Solarenergie gegenüber der Wasserkraft mit höchster Wahrscheinlichkeit noch weiter verbessern wird. Aufgrund des geänderten Marktumfeldes wurden deshalb z.B. hier in der Schweiz mehrere neue (Wasser-)Kraftwerkprojekte auf Eis gelegt – mangels Wirtschaftlichkeit auf absehbare Zeit.
Aus meiner Sicht stellt die Anlageform „Sanna-Kraftwerk“ deshalb ein hochspekulatives Geschäft dar, mit im Verhältnis zum hohen Risiko vergleichsweise (zu) geringen Renditechancen. Öffentliche Gelder für derartige Spekulationen heranzuziehen, erachte ich als bedenklich, weil dadurch das finanzielle Risiko (zumindest teilweise) auf die Steuerzahler (bzw. die Gemeindebürger) übertragen wird. Im Sinne eines verantwortungsvollen Umgangs mit den knappen finanziellen Ressourcen der Gemeinde Landeck appelliere ich deshalb an den Gemeinderat, dieses Projekt nicht zu befürworten.

Mit besten Grüßen (und auf ein baldiges Wiedersehen in Landeck),
Univ.-Prof. Dr. Martin Huber
Lehrstuhl für Angewandte Ökonometrie und Politikevaluation
Universität Fribourg/Freiburg
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Günter Kramarcsik aus Landeck | 22.10.2014 | 17:17   Melden
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Reinhard TRENKER aus Salzburg Stadt | 22.10.2014 | 21:29   Melden
9.687
Günter Kramarcsik aus Landeck | 22.10.2014 | 21:38   Melden
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