Frühlingserwachen oder „Die Mitte der Welt“

 Niklas Doddo als Phil. Jung, hübsch und Potential für Schauspieler-Karriere
  • Niklas Doddo als Phil. Jung, hübsch und Potential für Schauspieler-Karriere
  • Foto: © Kai Zeitner
  • hochgeladen von Reinhard Hübl

Wo beginne ich? Soll ich von meiner eigenen Homosexualität erzählen, oder mich gleich auf „Die Mitte der Welt“ im Theater der Jugend stürzen. Eigentlich ist das Schwulsein gesellschaftlich kein Thema mehr. Allerdings, wenn man nach Polen blickt, wo die Kirche noch immer dominiert, ist Homosexualität eine Sünde, obwohl eine große Anzahl an Priestern unter dieser „Krankheit“ leiden und Kinder belästigen. In Brunei, im Iran oder in Saudi-Arabien steht Homosexualität unter Todesstrafe. Selbst die österreichische Regierung musste erst per Gesetz gezwungen werden, die Ehe für alle einzuführen.

Nach einer Nacht entscheide ich, von mir zu erzählen. Ich hatte Krebs. Meine Umgebung wusste, dass ich schwul bin, ohne dass es direkt angesprochen wurde. Nur meine Eltern wussten es nicht. Mit 50 Jahren sagte ich es ihnen. Der Chirurg sagte meinem Vater, dass ich noch maximal 6 Monate zu leben hätte. Mein Lebenspartner war im Spital, erhielt aber keine Auskunft über meinen Zustand. Er wandte sich an meinen Vater, der ihm erklärte, das wäre Familiensache. Jetzt wusste ich, dass Klartext gesprochen werden muss. Ich überlebte, auch durch die Liebe meines Partners, der mir immer einimpfte zu visualisieren „Du bist gesund“. Er wich nie von meiner Seite, schlief in der Klinik, arbeitete auch von dort aus. Natürlich war es auch mein genialer Arzt, der mir ein Mittel gab, das noch im Versuchsstadium war. Nach rund einem Jahr waren eine Niere und die Metastasen weg. Dass später noch eine Metastase im Schädel gefunden wurde, war hoch dramatisch. Er blieb dabei: „Du bist gesund“. Das Ergebnis lesen sie hier. Wir sind immer noch zusammen, streiten, manchmal beschimpfen wir einander – aber es bleibt Liebe.

Um Familie, Gefühle, Liebe, Enttäuschung sind die Inhalte des humorvollen Werkes von Andreas Steinhöfel. Er lebte gleichgeschlechtlich mit Gianni Vitiello bis zu dessen Tod 2009 zusammen. Es mögen vielleicht autobiografische Züge eingeflossen sein. Es geht auch um Zusammenhalt, Pubertät, Eifersucht, Erwachsenwerden und um schwule Liebe.
Irgendwie ist das Haus mit mehreren Erwachsenen und zwei Kindern den anderen Dorfbewohnern in einer deutschen Kleinstadt suspekt. Man spricht von „Hexenkindern“. In der Villa Visible tun sich Geschichten auf, die überall passieren könnten, aber für die Anrainer schwierig zu verstehen. Die schräge Mutter des jungen Zöglings Phil kann keinen Mann an sich binden. Den Jungen und seine Schwester quält die Frage, wer ihr Vater ist. Die Mutter schweigt. Während Phil mit allen Ingredienzien seiner Adoleszenz gut umgehen kann, verfällt die Schwester in Missmut, Ablehnung und Groll.

Für Phil ändert sich mit dem Auftauchen von Nicholas, einem hübschen Sportler, viel. Die Beiden spüren sofort ihre Zuneigung, vorsichtig nähern sie sich. In einer Hütte von Mutter Glass’ Schwester kommt es zum intensiveren Kontakt. Das geht so lange gut, bis Phil Nicholas mit seiner besten Freundin Kat beim Sex ertappt. Für Ihn bricht eine Welt zusammen. Kein tröstendes Wort will er hören, der Bruch kann nicht mehr gekittet werden. Auch auf einer anderen Front tut sich Neues auf. Mutter Glass hat einen neuen Lover, der sich weder von der grauenvollen Kochkunst, noch von den komplizieren Familienverhältnissen und dem Chaos vertreiben lässt. Er bleibt, weil er sie liebt, und sie zeigt auch seine Zuneigung. Sie muss das erst wieder lernen. Komplex ist das alles. Schmerzhaft und dissonant erfährt Phil das Erwachsenwerden. Bei allen anderen kehrt so etwas wie „Normalität“ ein. Phil schultert den Rucksack und begibt sich auf eine Reise nach Amerika. Neues tut sich auf.

In der Regie von Werner Sobotka tummeln sich Phil (Niklas Doddo), Mutter Glass (Marianne Thies), die schrille Kat (Celina Dos Santos), der untreue Nicholas (Rafael Haider), Dianne, Schwester von Phil (Clara Schulze-Wagner), der neue Mann an der Seite von Glass (Frank Engelhardt) und viele andere, die ich hier aus Platzgründen nicht erwähne.

Phil bekommt den meisten Applaus. Die Mädchen fahren auf den Schönling ab. Allerdings Schreie „ich will ein Kind von dir“ sind nicht überliefert. Sie schließen ihn wohl in ihr Nachtgebet ein. Das Ensemble treibt ihren Unfug bis 30.4.2019 im Renaissancetheater.

Gehen sie hin, es ist ein Märchen für Erwachsene. Bei der Vorstellung traf ich 80-jährige, Eltern, die offensichtlich ihre Kinder aufklären wollen, Schwule, Lesben und Schulklassen. Dieser Mix spricht für das Werk Steinhöfels „Die Mitte der Welt“.

„Erfolgreich“ lieben bedeutet für mich, zu schaffen, dass aus dieser Schwäche eine Stärke wird. Dass man sich traut, dazu zu stehen. Zu sagen, das bin ich und ich mag den, und das ist richtig - sagt der sehr behinderte Psychologe Georg Fraberger.

Infos und tickets: www.tdj.at

Reinhard Hübl

Autor:

Reinhard Hübl aus Landstraße

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