Wenn die Mama aus Amerika kommt

Sona MacDonald als Billie Holiday
  • Sona MacDonald als Billie Holiday
  • Foto: Moritz Schell
  • hochgeladen von Reinhard Huebl

Thema heute: Billie Holiday. Jetzt sitze ich hier und schreibe mit Vergnügen. Ich höre sie im Hintergrund auf CD – das Konzert in der berühmten Carnegie Hall aus dem Jahr 1956. Es rauscht ein wenig, doch die Stimme der Lady dringt in jede Faser meines Körpers. Unvergleichlich. Wunderbar angerauht, auch wegen der vielen Drogen und des Alkohols. Melancholisch und leidend hört man in ihren Liedern die Diskriminierung, unter der sie sehr gelitten hat. Eine, die sich von der Nutte zum Gesangstalent emporgearbeitet hat. Und weil Schwarze zwar geduldet und oft auch umjubelt, aber nicht geschätzt waren, wird ihr die gebührende Anerkennung erst nach ihrem frühen Tod zuteil. Die Männer wechselt sie wie die Hemden, mit Geld kann sie nicht umgehen, und sie kommt oft wegen Drogenbesitz mit dem Gesetz in Konflikt. Und stirbt mit nur 44 Jahren.

„Blue Moon“ nennt sich die Hommage an Billie Holiday in den Kammerspielen. Wenn die verehrte Sängerin auf Wolke 7 sitzt und hört, was Sona MacDonald aus dieser Rolle macht, wird sie einen anerkennenden ordentlichen Schluck Whisky nehmen und zu den ihr bekannten Klängen mit dem Fuß wippen. Und vielleicht - wenn Gott Vater wegsieht - auch einen Mann verführen. Sona MacDonald ist nicht nur gesanglich für diese Rolle prädestiniert, sondern auch von ihrer Herkunft – in Wien geboren ist sie danach auf einer Baumwollfarm in South Carolina aufgewachsen. Die Großeltern und deren afrikanisches Hausmädchen haben sie stets liebevoll behandelt. Aber sie hat auch Rassenunruhen erlebt.

Kürzlich starb ihr geliebter Vater (sie widmete ihm gemeinsam mit ihrem Sohn Skye einen berührenden gesanglichen Nachruf im Theater am Himmel). Zu dieser Vorstellung kam nun ihre Mutter aus Amerika nach Wien, um sie in „Blue Moon“ in den Kammerspielen zu erleben.

Ich kenne Sona schon seit 30 Jahren. Was Wikipedia nicht weiß ist, dass sie im Wiener Beinhardt–Ensemble in der Arena auftrat. Ich erinnere mich an einen fulminanten Abend in der Broadway-Piano-Bar von Bela Koreny, die es seit 2005 nicht mehr gibt, wo man die Dreigroschenoper auf engstem Raum spielte. Sona mittendrin, verausgabt, aber glücklich im Kreis ihrer jungen Kollegen. Um ihre gesangliche Wandlungsfähigkeit hervorzuheben, weise ich auf die im Burgtheater viel zu selten gespielte Produktion „Spatz und Engel“ hin – mit Sona MacDonald als Marlene Dietrich.

Warum die Vorgeschichte? Weil hier eine Dame auf der Bühne steht, die wie kaum eine andere dank ihrer starken Stimme die weiblichen Größen musikalisch und darstellerisch perfekt umsetzen kann, so dass man die Tiefen und Höhen der berühmten Diven fühlen kann. Sie wächst in die Rolle hinein, von unbeschwert bis todtraurig, aufbegehrend, dann wieder klein und elend, vom Suff gezeichnet, von Drogen in den Abgrund getrieben. Eine Stimme mit gewaltiger Bandbreite. Sona MacDonald ist Billie Holiday. Sie will ihre Stimme nicht mit jener der Jazzikone vergleichen. Eine Schauspielerin wie MacDonald weiß, dass man die Götter nicht imitieren kann. Man gibt ihnen die menschlichen Züge und bringt sie uns näher, so dass wir ihr Genie und den Wahnsinn spüren können. Unvergleichlich. Unvergesslich.

Und da ist noch Nikolaus Okonokwo an ihrer Seite, der ihre Ehemänner, Liebhaber, Begleiter verkörpert. Er ist Erzähler, ein Stichwort-Bringer. Eine undankbare Rolle, die er mit Nonchalance meistert. Unter der Regie von Torsten Fischer und mit der sehr animierten Band-Begleitung gelingt dem Ensemble ein exzellentes Schauspiel auf der kleinen Bühne des ausverkauften Theaters.

Rechtzeitig Karten sichern, hingehen, anhören, anschauen. Genießen.

Next: 16.1. zweimal

Infos und Tickets: www.josefstadt.org.

Reinhard Hübl

Autor:

Reinhard Huebl aus Landstraße

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