Das „Sexerl“ und der Freund vom Friedhof

Zum 90. Geburtstag von Erni Mangold: Harold und Maude
  • Zum 90. Geburtstag von Erni Mangold: Harold und Maude
  • Foto: Jan Frankl
  • hochgeladen von Reinhard Hübl

90 ist sie soeben geworden. Unglaublich, dass sie noch die Kraft hat, auf der Bühne zu stehen. Sie hüpft herum und schöpft aus dem vollen Schauspielerinnen-Leben. Erni Mangold - aus dem Rathaus mit Gold ausgezeichnet - machte nicht nur auf den Brettern von Bühne und Film Furore, sondern hat auch ein Buch mit dem Titel "Lassen Sie mich in Ruhe“ geschrieben – was wohl nicht ganz ernst gemeint sein dürfte. Die Niederösterreicherin mit wienerischem Idiom hat sich breitschlagen lassen, als Maude in die Kammerspiele zurückzukehren.

Die Goscherte (oder wie sie selbst sagt das „Sexerl“) hat das Stück ihres Lebens gefunden (sage ich, nicht sie). In "Harold and Maude" steht sie mit Meo Wulf in zartem Dialog. Dass sie hier ihren Bühnenabschied zelebriert, kann wohl nur ein Gerücht sein. So vital wie diese Frau an der Rampe steht ist das undenkbar. Das Haus im Waldviertel ist ihr Rückzugsort. Nach jeder Aufführung fährt sie nach Hause. Ihren Fahrstil beschreibt sie in der „Bühne“ mit den Worten „ich hätte Rennfahrerin werden können“. In ihrem beschaulichen Refugium hat sie Herbert Föttinger (Direktor des Theater in der Josefstadt) aufgestöbert und ihr dieses Stück angeboten, "Schotti" (Michael Schottenberg – Ex-Volkstheater-Direktor) sollte inszenieren. Dazu kam es dann doch nicht, Er musste krankheitshalber absagen. Nun steht die Mangold zwei jungen Männern gegenüber: Einspringer-Regisseur Fabian Alder und Partner Meo Wulf. Ich wäre gerne Mäuschen gewesen, um die Probenarbeit zu belauschen. Die knorrige Schauspiel-Seniorin versus Schweizer Regie und deutschem Partner.

Worum geht es:

Der etwa 20-jährige Harold steht unter gehörigem Druck. Auf der einen Seite die ihn traktierende Mutter, auf der anderen Seite sein Drang nach Selbstbestimmung. Die Mutterliebe erdrückt ihn. Er reagiert mit Scheinselbstmorden. Sie nötigt ihn sogar mit einer Partneragentur, um für ihn eine standesgemäße Partnerin zu finden. Drei Kandidatinnen verschreckt der junge Mann mit exzentrischen Auftritten, schelmenhaft mit skurrilen Mitteln. Das macht dem steifen Jungen viel Spaß. Harold fühlt sich zu Friedhöfen und Beerdigungen hingezogen.

Bei den Bestattungen begegnet er mehrmals der über den Dingen stehenden Maude. Die beiden freunden sich schnell an. Maude ist ein Gegenpol zu ihm: unkonventionell, energisch, impulsiv und lebensfroh. Das Eis ist bald gebrochen, Maude ist klug, mit Altersweisheit ausgestattet. In ihrem Alter kann ihr niemand etwas anhaben. Sie stiehlt Blumen aus den Gärten fremder Menschen, lässt gelegentlich auch etwas aus dem Kaufhaus mitgehen. Sie freut sich ihres Leben und steckt mit ihrer Empathie Harold an. Die beiden betrachten die Sterne und philosophieren über die Unendlichkeit. Die Nazi-Zeit hat sie hinter sich gelassen. Liebe liegt in der Luft. Harold will an ihrem Geburtstag um ihre Hand anhalten. Ein Ring soll das Zeichen ihrer Verbundenheit sein. Doch Maude hat andere Pläne. Einer Delogierung sieht sie entspannt entgegen, schäkert noch mit den Polizisten, die ihre Wohnung ausräumen. An ihrem Geburtstag, den Harold für sie ausrichtet, nimmt sie Abschied vom Erdenleben, schluckt einen Pillencocktail: „Lebe dein Leben“ haucht sie noch. Der völlig fassungslose Harold ist wieder allein. Aber aus dem verklemmten Jungen ist ein anderer geworden. Lebensbejahend, tänzerisch beginnt sein neues Dasein. Er hat gelernt, seine Existenz zu schätzen. Und von der dominanten Mutter hat er sich emanzipiert. Freiheit, Liebe, Zuneigung ohne Bedingungen prägen seine Zukunft.

Im Stück von Colin Higgins spielt ein Ensemble der Extraklasse. Erni Mangold ist die Inkarnation von Maude. Auf Augenhöhe spielt der 24-jährige Hamburger Meo Wulf die Rolle des Harold berauschend gut. Auch die anderen DarstellerInnen - Maria Stilp als völlig bescheuerte Mutter, Oliver Huether, wandelbarer Schauspieler als Psychiater, Priester und Polizist, und Silvia Meisterle, die hinreißend die drei Bewerberinnen um die Gunst Harolds und das Hausmädchen darstellt - sind keinesfalls nur Stichwortbringer, sondern großartige Darsteller. "Harold and Maude" ist ein Theaterstück der besonderen Art und wird vom Publikum dementsprechend heftig akklamiert. Meine Beurteilung: 5 Sterne.

Next: 15.2.2017, schnell buchen, die Karten sind rar.

Infos und Tickets: www.josefstadt.org

Reinhard Hübl

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