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Grafenegg: Ein Dirigent geht fremd

Die Ausnahme-Pianistin Khatia Buniatishvili.
  • Die Ausnahme-Pianistin Khatia Buniatishvili.
  • Foto: Julia Wesely
  • hochgeladen von Reinhard Huebl

Zur Konzerteinstimmung gehören ein paar grundsätzliche Vorbereitungen:
Lesen der Bio von Künstlern und ein kleiner Mittagsschlaf für geistige und körperliche Fitness.
Was tut man aber, wenn der Hund seine Flöhe im Bett ablagert und diese den
Rezensenten quälen, und noch dazu eine Riesenfliege, die versucht, im
Sturzflug auf dessen Augen zu landen. Er erhebt sich seufzend, holt die Konzertbegleiterin Halina G. früher als geplant ab und stiert in den Regen.
Ärgerlich! - Ich muss jetzt den Lobgesang auf dieses Konzert eintippen, weil mein iPad auf der Reise nach Salzburg im Rail Jet nicht funktionierte. Diese Fahrt war ohnehin unerfreulich. Mir gegenüber nimmt ein Stinker Platz, der sich einen widerlichen Kebab in seinen ölverschmierten Mund schiebt, und
eine Frau, die ständig hustet und die Bazillen verteilt, weil sie den Husten ohne Taschentuch herauskotzt. Und dann - noch weiter hinten im Waggon - beschallen mich durchgeknallte Technobegeisterte laut und respektlos.

All diese Umstände lassen mich fast den wundervollen Musikabend vergessen.
Halina G. ist ein positiv denkender Mensch. Sie verpasst mir einen geistigen
Arschtritt. Ich vergesse den verregneten Wolkenturm, die Gespräche um die
Befindlichkeiten anderer, das Anstellen vor den Toiletten. Das Auditorium
als Ersatz für die Freilichtveranstaltung ist gar kein Ersatz. Der topmoderne Saal mit einer Aura der Schwingungen, mit einer Akustik, die man selten erlebt, ist ein selbstbestimmter Raum. Und außerdem: Man ist geschützt vor schädlichen Umwelteinflüssen, z.B. Gelsen.

Noch ein Wort vor dem Applaus. Der Chefdirigent der NÖ Tonkünstler, Andrés
Orozco Estrada, geht heute fremd. Er steht nicht dem Hausorchester von
Grafenegg, sondern dem London Symphony Orchestra vor. Der kleine Mann aus Kolumbien steht kurz vor einer Weltkarriere. Er sollte aber nicht vergessen, wo alles begonnen hat. Die Londoner folgen willig seinem Taktstock und spielen das slawische Programm, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten. Ein Spitzenorchester, dem im Voraus schon Lob gebührt.

Getragen beginnt Bedřich (Friedrich) Smetanas Ouvertüre zur Oper "Die verkaufte Braut", dann rasch, aber verhalten, entwickelt sich das Musikwerk zu einem Nationalstück, das in einen Vielvölkerstaat hineingestellt ist.
Tänze, Aufbruchsstimmung, Nationalstolz kommen in dieser elegischen Dichtung
zum Ausdruck.

Die Sensation des Abends ist die Pianistin Khatia Buniatishvili.
In Frédéric Chopins Konzert für Klavier und Orchester Nr.2. f-moll op. 21, gibt
die Frau aus Tiflis alles, was das Klavier an den feinen Tönen leisten kann.
Mit ihren 26 Jahren war sie schon weltweit unterwegs, hat mit allen
berühmten Orchestern gespielt und hat eine Gabe, die nur wenigen Musikern
vergönnt ist: Herz, Spannung und Profession gleichzeitig einzusetzen. Dass
Intendant Buchbinder mit einem Blumenstrauß auf die Bühne stürmt, war wohl
das Zeichen der Verehrung für eine gleichwertige Kollegin. Regelmäßige Leser
meiner Kulturkritiken wissen, dass ich Faible für Pianisten habe. Doch
diesmal war es der pianistische Olymp.

Chopin wurde in eine politisch instabile Zeit hineingeboren. Der polnische Komponist zog bald nach einer Konzertreise, die ihn
durch verschiedene Länder führte, nach Paris. Die Aufführung beginnt nüchtern, aber schon bald kommt Drastik, Leidenschaft, Emphase in den folgenden Sätzen zum Ausdruck. Die Londoner im Wechselspiel mit Khatia Buniatishvili schaffen in Grafenegg einen symphonischen Himmel.
Die Pianistin sendet zarte Perlen Ihrer Fingerkunst von der Bühne, denen
wuchtige Hammerschläge folgen. Orozco-Estrada ist der richtige Mann und hat
das Potential, das Schaffen Chopins unter musikhungrige Menschen zu bringen.
Es ist eine Komposition, die alle Sinne anspricht. Die Solisten der
verschiedenen Orchestergruppen werden zu Recht geehrt und gefeiert. Sie und
Bun(d)iatishvili genießen den Jubel. Doch das Beste kommt erst. Die Pianistin
lässt sich zu zwei Zugaben bitten. Prokofjews 7. Sonate, 3. Satz, fordert die
ganze Kraft der Ausnahmemusikerin, während sie dem Menuett von Händel einen Hauch von Poesie, Intimität und Zartheit verleiht. Eigentlich könnte damit der Abend schon zu Ende sein.

Doch in der slawischen Musik fehlt noch ein ganz Großer:
Antonín Leopold Dvořák. Der Böhme legt mit der Symphonie Nr. 7 d-moll op.70 ein Werk vor, bei dem es an Dramatik nicht fehlt. Es ist unverwechselbar, hat die Züge eines aufbegehrenden, selbstbestimmenden Schaffens. Die Symphonie wurde für London (für die London Philharmonic Society) geschrieben. Jetzt ist Andrés Orozco-Estrada richtig in seinem Element. Er treibt das London Symphony Orchestra fast bis zu Ekstase, ohne die Nuancen zu vergessen. Kräftig die Streicher, gellend das Blech - ein anspruchsvolles Werk erlebt eine Aufführung, die aufrüttelt, dem
Publikum und dem Orchester Freude bereitet. Applaus ohne Ende. Die Zugabe,
Ungarischer Tanz Nr. 6 D-Dur vom Johannes Brahms, einem Freund von Dvořák, runden einen höchst spannenden Konzertabend ab.

Eine der nächsten Aufführungen von Grafenegg:

6.9.2013, 19 Uhr

PROGRAMM

Brett Dean
«Testament» Musik für Orchester

Sergej Prokofjew
Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 g-moll op. 63

Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 55

INTERPRETEN

Philharmonia Orchestra London, Orchester
Esa-Pekka Salonen, Dirigent
Janine Jansen, Violine

Tickets: www.grafenegg.com

Reinhard Hübl

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