25.06.2017, 20:25 Uhr

Wo die Amseln zwitschern und der Wolkenturm bebt

Dmitri Horostovsky / Barbara Rett / Aida Garifullina" (Foto: Sonja Stangl)
Obwohl der Wolkenturm, das Schloss und der himmlischen Park zur Beschau einladen, genieße ich die Sommergala von Grafenegg heuer eher kontemplativ. Augen zu, Musik hören und den leichten Hauch eines Lüftchens spüren. Ja, das mache ich. Gut so, denn das Tonkünstler Orchester Niederösterreich ist wohl gestimmt.

Aber noch sind wir nicht in Grafenegg. Zur Einstimmung schiebe in eine CD mit Brahms Symphonien ins Laufwerk meines Autoradios. Die Tonkünstler haben sie bespielt. Es ist ein achtbares Werk geworden, das ich sehr empfehlen kann. (Verkauf in Grafenegg oder unter www.tonkuenstler.at)
So motiviert beginne ich mit dem traditionellen Würstlessen. Hitze bedingt nehme ich in leichter Bekleidung auf der Haupttribüne Platz, links und rechts von Fächerfrauen umgeben.

Die Sommergala kann beginnen. Und das geschieht sehr eindrucksvoll. Neben den Tonkünstlern mit neuem Konzertmeister (siehe auch unten), der das Orchester sehr gut vorbereitet hat, sind die Opernball erprobte Sopranistin Aida Garifullina mit einer unglaublichen Klangfülle und der Bariton Dmitri Hvorostovsky angereist und machen den Abend auf der Open Air Bühne des Wolkenturms zum Ereignis. Die Pianistin Khatia Buniatishvili aus Tiflis musste ihren Auftritt am zweiten Tag aus gesundheitlichen Gründen absagen. Jammerschade, denn mit ihren kraftvollen Anschlägen und ihrem nuancenreichen Spiel im Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski ist sie kaum zu toppen. Vor ein paar Jahren sah und hörte ich sie mit ihrer Schwester in einem Waldkonzert in Berlin, wo die beiden mit sanften Tönen die Zuhörer in hypnotische Schwingungen brachten.

Hvorostovsky ist ein herrlicher Bariton. Meine Sympathie verlor er, als er am Roten Platz in Moskau zu Ehren des Undemokraten Putin mit Anna Netrebko kurz nach der Anektion der Krim aufgetreten ist. Lange Zeit hörte ich nichts von ihm. In einer Zeitungsnotiz las ich, dass er alle Termine absagen musste, weil sich ein Gehirntumor seiner bemächtigte. Und nun, noch immer etwas beeinträchtigt, aber mit mächtiger Stimme ist er in Grafenegg. Aus eigener Krebserfahrung weiß ich, welch unglaubliche Strapazen er auf sich nimmt, um so eine Leistung auf die Bühne zu bringen. Den Lapsus mit Putin habe ich ihm inzwischen verziehen.

Das russisch-italienische Repertoire bildet die Klammer über das abwechslungsreiche Programm. Ohrwürmer sonder Zahl begleiten diesen Abend. Mit Werken von Piotr Iljitsch Tschaikowsky erfolgt der Startschuss des von Barbara Rett unterhaltsam und lehrreich moderierten Abends. Der offizielle Teil klingt mit «Moskauer Nächte» von Wassili Solowjow-Sedoi aus, gefolgt von Edward Elgars «Pomp and Circumstance» und einem spektakulären Feuerwerk. Auch die Schwalben lassen sich davon nicht vertreiben.

Als Residenzorchester von Grafenegg gestalten die Tonkünstler im heurigen Sommer neben der Gala weitere acht Konzerte. Unter anderem die Eröffnung des Grafenegg Festivals am 18. August mit einer konzertanten Version von Carl Maria von Webers «Freischütz». Unter der Leitung von Brad Lubman, Composer in Residence des Festivals, spielt das Tonkünstler Orchester am 2. September ein romantisches Programm. Herzstück sind Gustav Mahlers «Fünf Lieder nach Gedichten von Friedrich Rückert» mit Star-Mezzosopranistin Waltraud Meier. Weitere Orchester, die 2017 in Grafenegg gastieren, sind die Philharmoniker aus St. Petersburg, München, Prag und Wien sowie die Symphonieorchester aus Pittsburgh und London.

Die Sommernachtsgala kann in folgenden Medien nachgehört bzw. nachgesehen werden:
Sonntag, 2. 7. 2017 um 20.15 Uhr auf ORF III
Samstag, 8. 7. 2017 um 15.05 Uhr auf Ö1
Samstag, 22. 7. 2017 um 21.50 Uhr auf 3Sat

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Venezianische Violine für den neuen Konzertmeister der Tonkünstler
Die Österreichische Nationalbank (OeNB) stellt dem neuen Konzertmeister des Tonkünstler Orchesters eine wertvolle venezianische Violine als Leihgabe zur Verfügung. Chiril Maximov nahm am Tag der Sommernachtsgala die Sanctus Seraphin aus dem Jahr 1733 entgegen. Das Instrument gehört zur Sammlung historischer Streichinstrumente der OeNB
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Schlafen in Grafenegg

Grafenegg blickt auf eine zehnjährige Erfolgsgeschichte zurück und ist mittlerweile nicht nur Austragungsort hochkarätiger Klassik-Konzerte. Die deutlich gestiegene Publikumsfrequenz sowie der Grafenegg Campus, der sich der musikalischen Exzellenzförderung widmet, haben den schon seit längerem bestehenden Bedarf an zusätzlichen Übernachtungsmöglichkeiten am Gelände erhöht. Aus diesem Grund hat sich Schlossherr Tassilo Metternich-Sándor entschieden, im nordwestlichen Bereich des Parks die «Grafenegg Cottages» zu errichten. Bauträger der insgesamt 16 Häuser ist die Immobilienverwaltung Grafenegg GmbH. Der Baubeginn erfolgte am 6. Juni. Die Investitionssumme beläuft sich auf EUR 4,5 Mio. 2018 soll man sich dort zur Ruhe begeben können.
Infos und Tickets: www.grafenegg.com

Reinhard Hübl
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