27.03.2017, 08:32 Uhr

Auch Aussteiger sind Menschen

Auf der Müllhalde des Lebens (Foto: Moritz Schell)
Es muss nicht immer alles geschrieben werden, meint meine germanistisch gebildete Begleiterin. Der literarische Dorfheilige Felix Mitterer aus der Provinz Österreich beschrieb einen Inselbetrieb mit seltsamen Menschen.
Der Morgen nach der Vorstellung war kalt, meine Gehirnganglien sind durchlüftet. Dennoch bleibt für mich die Frage, was uns Galápagos sagen will. Dass auch auf einer einsamen Insel menschliche Niederträchtigkeit vorkommt? Dass in einer geschützten Werkstätte keine Mordlust aufkommt? Dass der kollektive Wahnsinn um sich greift? Werden sie in ein Narrenschiff steigen und fort rudern?

Mitterer beschreibt eine Geschichte aus den 30-er Jahren.

Er hat eine wilde Mischung zusammengerührt: An der Oberfläche ein Krimi auf Basis von realen Vorkommnissen. Dann eine Aussteigergeschichte, die ihre Wurzeln in der Spätromantik hat – Ende 19./Anfang 20.Jahrhundert: Ralph Waldo Emerson lässt grüßen, vor allem aber Henry Thoreau mit seinem bekannten Werk „Walden, or, Life in the Woods“. Es war eine Gegenbewegung zur Industrialisierung und dem rasanten Fortschritt von Technik und Wissenschaft. Das wahre intensive Leben ist nur in der Einsamkeit der Natur möglich – so die Maxime. Mitterer mischt dann in die Hauptfigur noch ein bisschen Nietzsche und indische Philosophie – durchaus dem damaligen Zeitgeist entsprechend. Die Aussteiger erfahren allerdings, dass mit dem radikalen Ausstieg weder die eigenen noch die fremden Dämonen der Vergangenheit angehören. Sie tragen sie auch an den einsamsten Orten mit sich. Damit ist der Dramacocktail angerührt – es gibt viele Tote. Alles Exaltierte, alles Papierene überlebt nicht, wird fortgeweht. Pointe bei Mitterer: Nur das Biedere, Kleinbürgerliche überlebt und die Galapagos Schildkröte als Sinnbild für Langsamkeit und Langlebigkeit. Interessant mag auch noch ein Apropos sein: Skinners Roman „Walden 2“ entwirft eine behavioristische Utopie einer alternativen Kommune. Diese wurde in verschiedenen Ausprägungen versucht in die Realität umzusetzen, die meisten hatten aber keinen Bestand. Twin Oaks Community ist eine der wenigen noch bestehenden Kommunen, die von Skinners Ideen beeinflusst waren. Zurück zu Mitterer: Es gibt Werke, denen man am besten durch Schweigen Benevolenz angedeihen lässt.

In der Josefstadt sind u.a. Raphael von Bergen, Eva Mayer und Ruth Brauer-Kvam auffallend aufregend tätig. Die Regie von Stephanie Mohr lässt einige Wünsche offen - man hätte es spannender machen können. Dennoch ein Abend, den man als Herausforderung sehen kann.

Next Galápagos: 3.4.2017

Demnächst in den Kammerspielen: Torsten Fischer und Herbert Schäfer zeigen Lenya Story - Ein Liebeslied. Am 29.3.gehts los. Sona MacDonald verkörpert die Lenya in der Uraufführung.

Infos und Tickets: www.josefstadt.org

Gertrude Martin und Reinhard Hübl
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