11.09.2018, 17:04 Uhr

Gerechtigkeit mit Mord bezahlt

Burghart Klaußner als Alfred versucht die alte Dame nochmals umzustimmen (Foto: Reinhard Werner/Burgtheater)

Ein Zug hält, obwohl er gar nicht halten sollte, in einem Drecksnest namens Güllen. Für eine milliardenschwere Dame ist es möglich. Hinkend - die Behinderung stammt von einem Unfall - lässt sie die Creme de la Creme der Stadt stehen, gebietet ihrer Entourage, den Sarg, den sie mitgebracht hat, an einem noch zu bestimmenden Ort zu bringen.

Friedrich Dürrenmatts tragische Komödie im Wiener Burgtheater unter der Regie von Frank Hoffmann zeigt den Aufbau eines Verbrechens. Noch ist die Gemeindeclique guter Dinge. Man erhofft sich Investitionen, ohne zu wissen, zu welchem Preis. Die alte Dame fordert jedoch bald schon den Tod ihres Beischläfers Alfred III als Gegenleistung für den finanziellen Schub in der Kleinstadt. Alfred hatte die Vaterschaft, die Klara Wäscher ihm vorwarf, geleugnet, Zeugen bestochen, und sie entehrt und geschändet mit dem Kind sitzen gelassen.

Als Claire Zachanassian - inzwischen 70-jährig - kehrt sie nach 45 Jahren in ihren Heimatort zurück. Durch mehrere Ehen schwerreich geworden, kann sich sich ziemlich alles leisten. Verbindlich im Ton, hart in der Sache. Auch die langatmige Suada des Bürgermeisters, dass der Abtausch von Geld gegen Mord nicht möglich ist, rührt die rachsüchtige Großspenderin nicht. Sie will den Tod von Alfred III. Insgeheim sind die Bürger schon korrumpiert. Bestochen oder nur durch die Vorfreude auf das viele Geld kaufen sie sich neues Gewand.

Alfred III, bisher geachtetes Gemeindemitglied, wird es mulmig, denn auch die Polizei ist im neuen Outfit. Der Pfarrer schlägt ihm vor, zu fliehen. Einmal mehr erfüllt sich  Bertolt Brecht Prophezeiung: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral." Und tatsächlich wird von einem Femegericht das Todesunterteil über Alfred beschlossen. Der Gemeindearzt wird dann Herzversagen feststellen. Im Kurier steht: Es ist ein Versprechen, das Populisten bis heute abgeben: Dass es allen besser gehen werde, wenn nur etwas – einer - geopfert werde. Wie treffend.

In der Co-Produktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen spielen Maria Happel die gnadenlose alte Dame, Burghart Klaußner den Alfred III und Roland Koch den wortgewaltigen Bürgermeister und Totengräber u.a.m.

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Reinhard Hübl
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