23.11.2017, 10:28 Uhr

Russisches Roulette

Martin Reinke (Wassilij Danilowitsch Woschewatow), Dörte Lyssewski (Charita Ignatjewna Ogudalowa), Marie-Luise Stockinger (Larissa Dmitrijewna), Peter Simonischek (Mokij Parmenowitsch Knurow), Michael Maertens (Julij Kapitonowitsch Karandyschew); Ensemble (Foto: Burgtheater)
„Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit. Es braucht neue Revolutionen der Geister, es braucht einen neuen Enthusiasmus, um den alten zu zerstören“, konstatiert François-Marie Voltair, Autor der französischen und europäischen Aufklärung im 17.Jahrhundert.

Das dürfte sich bis nach Russland noch nicht durchgesprochen haben. Alte Strukturen, dienendes Weib, Freiwild geiler Männer, reich schlägt arm, kommt in „Schlechte Partie“ von Alexander Ostrowskij an die Oberfläche. Der widerwärtigen Einstellung der Mutter Charita Ignatjewna Ogudalowa (Dörte Lyssewski) von Larissa (Marie-Luise Stockinger) hält die Tochter nichts dagegen. Hofft sie doch, dem verarmten Adel ein Häppchen aus den Händen der vermögenden Händler zu reißen. Larissa erhält einen Heiratsantrag von dem linkischen, nicht besonders betuchten Julij Kapitonowitsch Karandyschew (Michael Maertens), verlobt sich sogar mit ihm, aber lieben wird sie ihn nicht. Er richtet ein Dinner aus, um Teil der skrupellosen Gesellschaft zu werden. Es wird zu einem Desaster. Die Speisen sind karg, die Getränke minderwertig. Der windige Paratow (Nicholas Ofczarek - ausnahmsweise nur halb betrunken) sieht das mit Distanz aus der Sicht des Reichen und Mächtigen. Er sucht einen geeigneten Zeitpunkt, um Larissa zu bezirzen. Er gaukelt ihr vor, welch schönes Leben sie an seiner Seite verbringen könnte - nach Paris fahren, das Kaff zu verlassen, ein Leben in Reichtum. Doch es wird nur ein One-Night-Stand daraus. Von seinen Versprechungen hält er nichts und brüstet sich noch damit vor seinen Kumpels. Und da ist noch ein eigenartiger ständig besoffener Herr - Robinson wird er genannt (Fabian Krüger). Er taumelt durch das Szenenbild, lallt seine vernebelten Ansichten übers Geschehen - Sinnbild einer hoffnungslosen Herde.

Im Stück wird viel getrunken. So ist der betrogene Verlobte nicht ganz bei Sinnen, als er den Nebenbuhler auslöschen will. Ein Looser bleibt eben ein Looser. Er ist nicht imstande, Paratow ernsthaft zu bedrohen. Lieber richtet er die Waffe auf sich - aber selbst dazu ist er nicht fähig, denn es ist keine Kugel im Lauf der Pistole. Hässliches Gejohle erntet er dafür. Aus Mitleid und aufgrund seiner Einsamkeit legt ein ältlicher Mann – Mokij Parmenowitsch Knurow (Peter Simonischek) - ein großzügiges Heiratsangebot, aber Larissa flieht. Sie hat genug vom Ränkespiel. Die Männer tauschen im Wirtshaus weiter derbe Plattitüden aus. Die Wolga schluckt alle Widerwärtigkeiten. Larissa, aller Hoffnungen beraubt, bleibt wo sie ist - in einem öden russischen Dorf, ohne Geld und Ansehen. Es bleibt nur der Tanz.

Regie und Bühne kommt vom Letten Alvis Hermanis. Es ist eine konservativ ausgerichtete Aufführung. Das tut dem Stück gut, wenn auch Striche angebracht wären. Die Leistung derSchauspielerInnen sind famos. Ein langer Theaterabend findet ein langatmiges Ende, wahrlich eine schlechte Partie.

Next: 25.12.2017

Info’s und Tickets: www.burgtheater.at

Reinhard Hübl
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