29.10.2017, 13:03 Uhr

Wunderbare Musik und ein Stehorchester

Teodor Currentzis, ein außergewöhnlicher Dirigent
Tatort Konzerthaus: Genie, Scharlatan, oder ein Dirigent mit Bewegungsdefizit - ich weiß es nicht. Was ich aber sicher weiß, dass Teodor Currentzis mit MusicAeterna unglaublich gute Musik macht. Er hat auch einen Pianisten (Alexander Melnikov) mitgebracht, der das Prädikat „Ausgezeichnet“ verdient. Die Damen und Herren des Orchesters stehen, soweit es die physiologischen Gegebenheiten erlauben. Meine Konzertbegleiterin erzählt mir, wie Currentzis probt. Sie habe im TV gesehen, wie er die einzelnen Orchestergruppen vorspielen lässt, wie sie die gestellte Aufgabe musikalisch umsetzen würden. So entsteht in Teamarbeit eine Klangschale, die beim Publikum bestens ankommt. Man wird an Nikolaus Harnoncourt erinnert, der seine Sicht in peniblen Arrangements spielen ließ. Akribische Spurensuche in der Partitur.

Damit könnte die Kritik schon beendet werden. Aber das würde der Pressesprecherin des Konzerthauses, Charlotte Hartwig, gar nicht gefallen. Also reiche ich noch die Komponisten des Abends nach: Sergej Prokofjew und 2x Dmitri Schostakowitsch. Prokofjew mit der „Symphonie classique“ - seine erste - noch im tonalen Bereich. Nach seiner Auswanderung 1918 nach Amerika wird er von anderen Musikstilen beeinflusst. Ein Bespiel dafür findet man in „Der Spieler“, der von Staatoper erst wieder 2018 anberaumt ist.

Und dann wäre noch Dmitri Schostakowitsch im Konzert für Klavier und Orchester Nr.2. Zehn Jahre nach der Oktober-Revolution komponierte er dieses Werk. Die Welt war in Unruhe. Wie sehr hat ihn das geprägt? Darüber gibt das Programm keine Auskunft. Was man weiß, dass die Zweite eine Auftragsarbeit des staatlichen sowjetischen Musikverlages war. Der Auftrag kam von Leiter der Verlagsabteilung Agitotdjel für Agitations- und Aufklärungsmusik. Der damals 21-jährige erkannte wohl die Chance, etwas von seinem Können zu präsentieren. Flott, das Klavier nicht übertönend, beherzt und fröhlich schaffte er ein Klangbild, das wohl den Auftraggebern gefallen haben dürfte.
Die Symphonie Nr. 9 wurde 1945 während des Krieges unter dem Einfluss Stalins vertont. Dennoch: Sie klingt abgeklärter, hat doch Schostakowitsch neben dem allgemeinen Pessimismus die Hoffnung auf das zukünftige „Schöne“ gezeichnet. Viel Tempo, dann eher verhalten, bis im Schlusssatz (Allegretto) das Orchester eines der bemerkenswertesten Werke der Konzertliteratur abschließt.

Im Jubel der Zuseher und -hörer bringt Currentzis als Zugabe Sergej Prokofjews Mimoletnosti «Visions fugitives» op. 22 final zur Aufführung.
Der extravagante Stil des Instrumental-Ensembles findet immer mehr Anhänger. Nie habe ich Musik mit solcher Leidenschaft gehört. Es ist alles anders, positiv besetzt, hinreißend gespielt.

Das Konzert war ausverkauft. Nächste Möglichkeit Karten zu erwerben gibt es am 18.April 2018. Gleicher Ort, gleiche Besetzung.

Infos und Tickets: www.konzerthaus.at

Reinhard Hübl
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