26.10.2016, 10:07 Uhr

Am Schauplatz: "Die Räuber" - die Rache des Matthias Hartmann

Nico Ehrenteit, Laurence Rupp, Igor Karbus und Ron Iyamu im Zuge der Auffuehrung "Die Raeuber" nach Schiller im Salzburger Landestheater. (Foto: ServusTV_Neumayr_Leo)
Denkwürdig – das Wort kommt mir selten über die Lippen. Dieser Tage im Volkstheater war es wieder einmal so weit. Wobei im Oktober 2016 in Wien viel Denkwürdiges produziert wurde: Begonnen hat es mit den Wiener Symphonikern unter dem Dirigenten Jiří Bělohlávek, am Klavier Nikolai Lugansky - ein Konzert mit Gänsehaut-Charakter. Ein paar Tage später kommt der 93-jährige George Pretre in den Musikverein und dirigiert dort u.a. einen Bolero zum Niederknien.

Und jetzt im Volkstheater „Die Räuber“ von Friedlich Schiller. Ein Höhepunkt der darstellenden Kunst für jene, die das Glück hatten, die Aufführung zu sehen. Wer dieses Stück jemals im Theater gesehen hat, sollte es vergessen. Im Volkstheater macht sich ein meisterliches multimediales Spektakel breit. Der Grundtext wird nicht veruntreut, und trotzdem wirkt das Stück so präsent, frisch und authentisch, als ob es gerade jetzt für diese Aufführung geschrieben worden wäre.

Schiller hat seinerzeit durch seine aufbegehrende Art mit den Räubern einen Skandal hervorgerufen. So direkt und klar hat er die Ungerechtigkeiten und Auseinandersetzungen zwischen den Ausgeschlossenen-Benachteiligten-Armen und den Reichen-Privilegierten-Bevorzugten dargestellt, dass es dem Establishment den Atem raubte. Das Stück war wie ein Spiegel, der die wahren Gesichter von Politikern, Pfaffen, Intriganten und Heuchlern zeigte und ein heftiges, emotionales Erdbeben in der "besseren Gesellschaft“ verursachte. Der Bruderkonflikt zwischen Karl (Laurence Rupp) und Franz Moor (Emanuel Fellmer) diente als Vorlage für Manipulationen, Irreführung und in Folge zum Entschluss des betrogenen im innersten guten Bruders Karl, den Lebenswandel total zu verändern, was ihn zu einem skrupellosen Räuber und Mörder werden ließ. Hinterhältig (im wahrsten Sinne des Wortes) schlachtet eine verschworene Gruppe alles ab, was sich im Wald bewegt. Hauptmann Karl Moor denkt, dass soziale Ungerechtigkeiten zwischen Reichen und Armen durch seine gesetzlosen Taten lauter werden. In der Annahme, dass er von seinem geliebten Vater verflucht wurde, gibt es keinen Halt mehr, der ihm Hoffnung und Zukunft bieten könnte. Schillers Sturm- und Drang-Drama spielt im Film und auf der Bühne gleichermaßen. Mit perfekter Technik präsentieren Matthias Hartmann (Regie) und sein Team dem Zuschauer ein atemlos machendes Schauspiel in einer virtuellen und dennoch realen Welt.

Es wäre nicht die Kirche, würde sie sich nicht in den Konflikt einmengen - durchaus aus Eigeninteresse. Ein Pater (Tobias Moretti) wird ausgeschickt, um einen Judas ausfindig zu machen, was jedoch ohne Erfolg bleibt. Über das unsittliche Angebot, den Hauptmann auszuliefern, wird die Aussetzung der Straffälligkeit von den Männern mit Hohn quittiert. Als einer der Aufständischen den Führungsanspruch von Karl Moor in Frage stellt, wird er liquidiert. Die Truppe duldet keinen Widerstand, nicht in den eigenen Reihen und schon gar nicht von fremder Brut. Durch den Gruppenzwang wird leidenschaftlich gemordet und Brand gelegt. Das Inferno läuft aus dem Ruder. Die Gegenseite hält auch nicht still, Tod und Elend bringt sie in die eingeschworene Gemeinschaft - blutige Körper, demoralisierte Männer, seelische Blessuren. Selbst vor Amalia (Coco König), die Karl zur Flucht auffordert, nimmt das Töten kein Ende. Ihr Liebhaber erdolcht sie und in den letzten Zuckungen findet sie Erlösung vom Liebesleid. Männerfreundschaften, selbst mörderische, halten ein Leben lang.

Franz Moor führt inzwischen ein Terror-Regime im feudalen Schloss. Er denunziert seinen Bruder und treibt den Vater (Friedrich von Thun) an den Rand der Verzweiflung. Als er ihn tot glaubt, reißt er alle Macht an sich. Im Showdown findet Karl Moor den Vater in einem Verließ. Kaum noch bei Kräften erkennt der alte Herr die Machenschaften von seinem Sohn Franz. Eher er stirbt, erteilt er Karl die Absolution für dessen Taten. Franz‘ Stellenwert sinkt, den Niedergang beendet er mit einem Sprung vom Dach.

Hartmann erzählt "Die Räuber" zeitgemäß, authentisch und äußerst aktuell. Die Manipulationen, Cyberattacken, Verleumdungen und Lügen sind in jedem Bereich unseres Lebens präsent und unsere alltäglichen Begleiter. Politik, Religion, Medien und Schule stellen keine Werte mehr dar, weil sie durch Heuchler und Günstlinge, die sie angenommen haben, ihre Glaubwürdigkeit für immer verloren haben.

Facebook, Google und Twitter überlassen uns einen Tsunami an Informationen für jeden Geschmack. Jedem Widerling wird damit ein Werkzeug in die Hand gegeben, Gegnern oder zufällig ins Visier Geratene beifallsreich zu beschmutzen. Es genügt ein Gerücht, eine Andeutung, dass jemand krank ist, um ihn wirksam durch sogenannte (un)soziale Medien zu verunglimpfen und zu "eliminieren". Bei "Die Räuber" ist es Karl, der verstoßene Sohn, der durch die Intrigen seines Bruders keinen anderen Weg sieht, als sich mit Mord und Totschlag Gehör zu verschaffen, und so ist sein Untergang vorprogrammiert. Erklärt diese Denkweise den beispiellosen Zulauf vieler junger Männer und Frauen aus Europa zum Terrorismus des menschenverachtenden IS? Wer den Halt in Gesellschaft und Familie verloren hat, wird zu einem "Räuber". Er hat nichts mehr zu verlieren. Irrational, gegen die Natur mit fanatischem Glauben zum Hauptmann, der den Weg des Untergangs vorgibt, lässt sich alles rechtfertigen und begründen.

Die Collage von Zeichnungen, die Aufenthaltsorte beschreiben, Rap-Musik, Filmeinspielungen und Schauspielkunst vom Feinsten bringt das Publikum zum Rasen. Was immer Hartmann getan oder nicht getan hat, als Regisseur ist er ein Genie und unverzichtbar. Eine Besucherin bemerkt: Genies sind in Wien leider nicht erwünscht. Welche Schande! Die Rache des Vertriebenen ist die Kunst, seinen Jägern den Spiegel der Wahrheit vorzuhalten und ihre verzerrten Gesichter mit schelmischem Lächeln zu betrachten.

Next: Die Uraufführung „Alles Walzer, alles brennt“ am 24.10.2016 könnte interessant sein. Das Volkstheater hält Kurs, fast immer sind es Benachteilige, die thematisiert werden. Dem Besucher wird gezeigt: Sieh, auch das ist unsere Welt!

Infos und Tickets: www.volkstheater.at

Reinhard Hübl
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