22.10.2014, 13:23 Uhr

Semografische Erschütterungen, ein Publikum in Trance

Gaukler, Sänger, Buchautor: Ronaldo Villazon (Foto: Michael Poehn/Kurier)
Mein Gott, welche Stimme - einzigartig, unverwechselbar! Gott hat, trotz aller Kriege, Morde, schwerer Krankheiten, Tod und Leid manche Menschen mit Gnade ausgestattet. Einer davon ist Rolando Villazon, obwohl auch er schon von Gott geprüft wurde. Ihn irritiert das nicht. Er steht wieder auf, schreibt Bücher, engagiert sich für die Roten Nasen, ist ein Mensch wie du und ich. Er singt verhaltener, meinte kürzlich eine Kritiker, der sich also solcher nicht bezeichnen darf. Das ist Unsinn! Villazon ist der geblieben, den wir lieben und verehren.

Er ist auf jeden Fall einer der „Great Voices“ im Wiener Konzerthaus. Vor ein paar Tagen wurde dieser Zyklus mit einem Galakonzert eröffnet. Einen besseren Einstand hätte es gar nicht geben können. Villazon zieht alle Register seines Könnens, mal leidet er, mal sprengt er alle Glückshormone. Vergnüglich schäkert er mit dem Publikum. Ein Star braucht ein Gegenüber für das französisch-italienische Programm. Fürs Duett wird eine Dame gesucht - und gefunden. Damit der Star noch heller leuchtet, nimmt man oft eine Sängerin aus der zweiten Garnitur. Doch der Veranstalter ist klug und engagiert mit der südafrikanischen Sängerin Pumeza Matshikiza eine ebenbürtige Besetzung. Sie füllt mit ihrem mächtigen Sopran das Rund des Konzerthauses. Sie macht die Späße des Gauklers Rolando mit, singt mit ihm Duette, ist auch bei Einzelauftritten beeindruckend intensiv, hat Schmelz in der Stimme, ihre hohen Töne bringt sie ohne zu pressen perfekt.

Die offizielle Liste der Glanzstücke von Verdi bis Donizetti, von Bizet bis Puccini will ich nicht kommentieren. Es sind die Zugaben, die die Menschen im Saal zum Entzücken bringen. Bei „Tonight“ aus der West Side Story sind Ronaldo und Pumeza ein Liebespaar, so innig, so herrlich. Die ersten Standing Ovations. Alle Dämme brechen während und nach dem Trinklied aus La Traviata. Die beiden trinken Bier statt Sekt. Er springt von der Bühne, schnappt sich eine Besucherin, tanzt mit ihr, dann wieder rauf aufs Podest - genau richtig zu seinem Einsatz. Er schmachtet Violetta an, singt, was das Herz hergibt - das Publikum rast. Ich ertappe mich, wie ich ständig „Bravo“ schreie. Eine gehobene Stadion-Atmosphäre, wohlgemerkt, so wie in Spanien, wenn der Reporter „Toooooooooooor“ brüllt. Ich ergänze: I werd‘ narrisch.

Was sonst noch passiert: Villazon nimmt die Texte ernst, todernst. Einmal spielt er Jo-jo, jongliert Bälle, die er dann seiner Partnerin und dem Publikum zuwirft. Die Bier-Story hatten wir schon. Der Mexikaner ist ein Star mit Menschlichkeit und er sucht die Interaktion mit seinen Fans. Und die Villazon-Community dankt es ihm mit weiteren Standing Overations.

Das Orchester besteht zwar nicht aus den Philharmonikern, aber es ist eine sehr gute Begleit-Big Band im klassischen Stil. Mein Gott, was für ein Abend! Blumen überall, Küsse auf der Bühne, und das Konzerthaus bebt in Stärke 8,5.

Next: Great Voices mit Cecilia Bartoli. Die gefeierte Koloratur-Mezzosopranistin und Intendantin der Pfingst-Festspiele in Salzburg macht am 28.11. ihre Aufwartung im Konzerthaus. Am 28.1. kommt Joseph Calleja, derzeit gefeiert als Macduff in der Oper Macbeth an der Met in New York, am 15.4.2015 Diana Damrau, eine der besten Belcanto-Sängerinnen und Echo-Preisträgerin des Echo Klassik 2014, und am 14.5.2015 Jonas Kaufmann, der Superstar der Oper.

www.konzerthaus.at
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